Klassik
Der Beginn einer lebenslangen Liebesgeschichte

Das Jugendsinfonieorchester Aargau feiert im Januar 2015 sein 10-jähriges Bestehen.Seit zwei Jahren ist Hugo Bollschweiler der künstlerische Leiter

Anja Wernicke
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Seine grosse Leidenschaft gilt der amerikanischen E-Musik: Hugo Bollschweiler.

Seine grosse Leidenschaft gilt der amerikanischen E-Musik: Hugo Bollschweiler.

«Wenn der coole Typ da vorn klassische Musik cool findet, dann kann es nicht so falsch sein.» So fasst Hugo Bollschweiler, der Dirigent des Jugendsinfonieorchesters Aargau (kurz JSAG), seine Überzeugungstaktik zusammen. In seiner Arbeit mit den jungen Musikerinnen und Musikern nutzt er das Prinzip der gegenseitigen Ansteckung. Mit einer Balance aus Nähe und Autorität möchte er die Jugendlichen für klassische Musik begeistern und die Grundlage für eine hoffentlich lebenslange Liebe für diese Musik wecken. Bollschweiler weiss ganz genau, was seine stärkste Waffe in dieser Mission ist: seine Persönlichkeit.

In der Oltner Bahnhofsunterführung, auf dem Weg zum Treffpunkt mit dem Dirigenten Hugo Bollschweiler, braucht es einen zweiten Blick. Denn im ersten Moment lässt sich dieser jugendliche Typ mit den flott frisierten Haaren und der für die Generation zwischen 20 und 30 typischen schwarzen Hornbrille nicht mit den Erwartungen der Autorin zusammenbringen, die sich bewusst oder unbewusst beim Gedanken an den Dirigenten des JSAG einstellen. Doch es sind kaum Menschen in der Unterführung, also wird sich noch mal umgedreht – und tatsächlich, der locker als Mitzwanziger durchgehende Bollschweiler ist es tatsächlich.

Solistendiplom in Baltimore

Dabei ist Bollschweiler, der aus Zürich stammt und heute in Olten wohnt, in Wirklichkeit 20 Jahre älter (Jahrgang 1970) und verfügt bereits über einen reichen, beruflichen Erfahrungsschatz. Am Conservatoire in Fribourg und an der Musik-Akademie Basel hat er zunächst Bratsche studiert. Anschliessend ging er für zwei Jahre nach Baltimore und absolvierte dort das Solistendiplom. Weitere zwei Jahre wirkte er gemeinsam mit seiner Frau als Artist-in-Residence und Professor für Viola und Kammermusik an der Northern Kentucky University (USA). Während dieser Zeit entwickelte er eine grosse Leidenschaft für amerikanische E-Musik, die er nun auch im Speziellen an das JSAG, bei dem im Schnitt 70 Musikerinnen und Musiker mitwirken, weitergeben möchte.

Aus eigener Erfahrung weiss er, wie fruchtbar das Mitwirken in einem Jugendorchester sein kann und wie entscheidend dabei die Auswahl der «richtigen» Musik ist. Auch er selbst hat seine Leidenschaft für klassische Musik im Jugendorchester entdeckt und entwickelt. Doch nach der Matur war für ihn der Weg hin zum professionellen Musiker trotzdem nicht sofort klar. Er studierte Philosophie und Psychologie. Bis heute interessiert er sich für beide Fächer, und es scheint, dass er als geschickter Kommunikator seine psychologischen Erkenntnisse auch einzusetzen weiss. Für ihn ist es oberste Priorität, dass sich die Jugendlichen mit seiner Person identifizieren können und dass sie Musik spielen, die sie anspricht.

Geradezu eine Erfüllung

Neben dem JSAG leitet Bollschweiler das Stadtorchester Schlieren und die Orchestergesellschaft Affoltern und wirkt ebenfalls als Leiter der artesono Orchesterwoche für Junge Leute. Die Arbeit mit den jungen Musikern sowie auch mit den erwachsenen Laien ist für ihn nicht nur eine willkommene Abwechslung zur Arbeit im Orchester. Sie ist im Gegenteil für ihn geradezu eine Erfüllung. Dabei legt er, der Mitglied der Camerata Zürich und des Chamber Aartists Orchestra ist und als Zuzüger beim Aargauer Symphonie-Orchester, dem Tonhalle-Orchester, dem Orchester der Oper Zürich, dem Kammerorchester Basel, dem Collegium Novum Zürich und dem Freiburger Barockorchester spielt, grossen Wert darauf, in seiner Arbeit als Dirigent keineswegs vor allem dem eigenen Geschmack zu folgen. Er geniesst und schätzt die intensive Auseinandersetzung mit der Partitur als Dirigent und das ausführliche Proben mit den Orchestern, das ihm teilweise ein tieferes und detailliertes Eindringen in das musikalische Material ermöglicht, als es die Arbeit mit einem Profiensemble erlaubt. Doch er wählt die Programme auch mit Blick auf die «Jugend-Tauglichkeit» aus. Die amerikanische E-Musik, die er besonders während seines Aufenthalts in den USA kennen und schätzen gelernt hat, findet er wegen ihrer emotionalen Unmittelbarkeit besonders passend. So hat er in seinem Einstandsprojekt im Januar 2013 dann auch unter dem Titel «American Beauty» Werke von Aaron Copland, Samuel Barber und John Corigliano gemacht. Die Sinfonie Nr. 9
e-Moll «Aus der neuen Welt» von Antonín Dvořák durfte dabei natürlich auch nicht fehlen. Uraufführungen sowie Werke von Aargauer Komponisten sind ihm in der Programmation ebenso wichtig.

Zwei Projekte pro Jahr

Mit den 16- bis 26-Jährigen des JSAG, von denen drei Viertel aus dem Aargau stammen und die Hälfte bereits Musik studieren, realisiert er pro Jahr zwei Projekte. Im Schnitt bleiben die Musiker fünf bis sieben Jahre im Orchester, wobei diese Zeit je nach Instrumentengruppe stark variiert. Die Proben finden jeweils während einer Woche am Stück im Künstlerhaus Boswil statt. Bollschweiler lobt ausdrücklich die Arbeit seines Vorgängers Moritz Balter, der das Orchester 2005 gegründet hat. Auch hat Bollschweiler bereits im Hinterkopf, dass er seinen Platz irgendwann für einen Jüngeren räumen muss. Doch vorerst verkörpert er noch mit Bravour den «coolen Typ da vorn». Die Ergebnisse seiner Arbeit sind beim Jubiläumsprogramm im Januar zu erleben.

«Sagenhaft» mit Werken von Beethoven, János Tamás, Johann Strauss Sohn, Gustav Mahler und Erich Wolfgang Korngold: 4. Jan. 2015, Alte Kirche Boswil, 11.30 Uhr; 8. Jan., Stadtkirche Brugg, 19.30 Uhr; 9. Jan., Kirche St. Peter Zürich, 19.30 Uhr;

11. Jan., KUK Aarau, 11 Uhr.

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