Lucerne Festival
Der Aufschrei des Orchesters mitten in der Nacht

Das Lucerne Festival wurde mit einem anfänglich verhaltenen Konzert, das Claudio Abbado dirigierte, eröffnet.

Christian Berzins, Luzern
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 Musikerinnen des Lucerne Festival Orchestras spielen sich vor dem Konzert ein
8 Bilder
 Musiker und Musikerinnen spielen sich ein
 Auch im Treppenhaus findet sich ein Plätzchen zum Einspielen
 Dirigent Claudio Abbado trifft ein
 Der deutsche Schlagersänger Roberto Blanco mit seiner Begleitung Luzandra Strassburg
 Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey, Mitte, und Lucerne Festival Direktor Michael Haefliger
Eröffnung Lucerne Festival 2011
 Hier lässt es sich gemütlich das Konzert geniessen

Musikerinnen des Lucerne Festival Orchestras spielen sich vor dem Konzert ein

Keystone

Jetzt gehts los!». «Ora commincia», raunten sich die Italiener in der Balkonreihe 4 nach der Pause ermunternd zu, um alsbald mitten in den ersten flimmernden «Lohengrin»-Takten ein bestätigendes «Bello!» anzufügen. Hatten diese Abbadiani, Mitglieder des Mailänder Claudio-Abbado-Fanklubs, schon vergessen, dass da vor der Pause ein 50-minütiger Riese von Johannes Brahms erklungen war? Mit Verlaub: Das Hauptwerk des Abends, die Eröffnung des Sommerfestivals, das unter dem Thema «Nacht» steht!

Zugegeben, da war eine unglückliche Besetzungsänderung erfolgt (siehe Kasten), aber da sass nun immerhin Radu Lupu, eine 65-jährige Pianistengrösse. Wie auch immer: Die 482 (!) Takte des ersten Satzes waren gezeichnet von einem Suchen nach Gemeinsamkeiten.

Warten auf den nächsten Abgrund

Abbado stürzte sich mit dem Festspielorchester – dem mit Topmusikern angereicherten Mahler Chamber Orchester – kopfüber ins Brahms-Konzert. Wie denn auch nicht, bei solchem Pauken- und Bässegrollen. Doch eben: Die Kunst Abbados ist es, dass in solchen Momenten auch die veilchenhaften Holzbläser zu Rohlingen werden, und so spielten sie auch lange Noten mit einer unheimlich bedrohlichen Schärfe. Und wenn sich nach 40 Takten erste Lichtblicke auftaten, hätte bloss ein Abbado-Novize daran geglaubt, dass nun alles gut kommen würde. Der Abgrund lauerte hinter der nächsten Fermate.

Ein nachtdunkler Roman war bereits erzählt, als Radu Lupu in Takt 91 endlich im Piano einstimmen durfte – von Brahms Zusatz-Anweisung «espressivo» wollte er nichts wissen. Die berüchtigten Triller erklangen alsbald halb so fordernd wie vom Orchester, bald schien es, als sei er gar erleichtert, wenn Forte-Stellen vorbei waren. Viel lieber zeichnete der Rumäne die mächtigen Akkorde in Takt 157 als fein ausgehorchtes Spiel.

Und davon sollte das Orchester angefeuert werden? Kaum. Bisweilen zauberte Abbado traumhafte Einschübe hervor, aber das waren vor allem flächige Untermalungen des Lupu-Spiels oder dann Übergänge, die nach einer Weiterführung des Pianisten flehten. Hier klang das Piano wahrhaftig «espressivo» (Takt 401), also leise, aber doch voll und fordernd. Aber verwirrte Lupus Zurückhaltung? Gerade die Hörner schienen bisweilen nur zögerlich einzusteigen und Angst zu haben.

Wie das wohl weitergehen würde, fragte man sich bange. Immerhin: Es schwebte der 2. Satz traumschön vorüber, als wärs ein Engelsgruss. Lupu übernahm die sanfte Klarheit des Orchesters, glitt mit Bläsern und Streichern zusammen dem heiklen 3. Satz entgegen. Hier forderte Abbado den Pianisten immer wieder vergebens zum Tanz auf. Zum Schluss, da war dann selbst das Orchester nicht mehr zu einer Steigerung fähig. Einem Teil des Publikums gefiels. Lupu bedankte sich mit Brahms’ Intermezzo op. 117 Nr. 1 – ein zauberhafteres Gutenachtlied hat gestern wohl niemand gehört.

Ungehemmte Hingabe

Das «Lohengrin»-Vorspiel von Richard Wagner nach der Pause, ganz Ohr nun endlich unsere Italiener, liess Abbado sehr flächig und breit spielen. In diesem hell mediterranen Luftkissen-Klang versanken die Bläser beinahe. Dieses neunminütige Durchwandern einer fahlen Helligkeit blieb nicht mehr als eine Vorlage fürs Ohr, dem nun der 1.Satz aus Mahlers unvollendeter 10.Sinfonie vorgesetzt wurde.

Draussen musste es nun Nacht geworden sein. Nun konnten sich gemäss den Eröffnungsreden (siehe unten) nächtliche Seinsräume öffnen, ja, der Raum sein Mass verlieren. Im Schutz der Dunkelheit sollte es nun möglich sein, wie Elisabeth Bronfen erzählte, sich ungehemmter als bei Tag den Fantasien hinzugeben.

Man spürte in Mahlers «Adagio» in jedem Takt, dass dieses Orchester und Abbado in den letzten Jahren die neun Mahlersinfonien (alle auf DVD erhältlich!) aufgeführt und dass die Musiker Abbados Mahler-Ideen, seinen Mahler-Klang verinnerlicht haben. Da war dann endlich dieses bedingungslose Ausgeliefertsein an die Musik zu hören. Mit drohender Intensität wurde Mahlers Seelenabgründen der 1910er-Jahre nachgespürt, eine Sehnsucht und ein süsses Flehen wurzelten in diesem Spiel. Abbado zeigte durch Mahler, wie die «Welt von gestern» in den Jahren vor dem 1. Weltkrieg zusammenbrach, wie die Ölfarben von den prächtigen Makart-Bildern zu tropfen beginnen, die schönen Klimt-Damen schienen böse Fratzen zu erhalten.

All dies gipfelte im Aufschrei des dissonanten Neuntonakkords. Wer glaubte, dass ein Orchester nicht schreien könne, wurde eines Besseren belehrt. Und wenn dann Mahler in höchsten Lagen weiter(fl)irrt, Worte des Abschieds flüstert, war das für einmal nur noch ein Austausch bekümmernder Zärtlichkeiten. Das Festspielorchester spielte wie im Traum. Am Abgrund stehend, entwickelt der Mensch, der Künstler, offenbar die tollsten Fantasien. Ob Nacht oder Tag ist dann ganz egal.

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