Christian Sutter
Der Alte vom Berge gibt seinen Abschied

Der Solo-Kontrabassist Christian Sutter geht nach 35 Jahren beim Sinfonieorchester Basel in Pension.

Christian Fluri
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Christian Sutter inmitten der Kontrabassisten des Sinfonieorchesters Basel.

Christian Sutter inmitten der Kontrabassisten des Sinfonieorchesters Basel.

Benno Hunziker

Dass er mit «Zarathustra» heute und morgen seinen Abschied vom Sinfonieorchester Basel geben kann, das ist für den Solokontrabassisten Christian Sutter ein kleines Wunder. Die herausstechende Persönlichkeit mit dem grauen Bart und dem wilden gekrausten Haar gleicht ja auch unserem Bild vom Alten, der vom Berge kam. Weisheit und innere Ruhe gepaart mit einer Leidenschaft für die Kunst, das strahlt Christian Sutter auch auf dem Konzertpodium aus – der Künstler, der auf dem Basler Berg haust, dem Bruderholz.

Sutter liebt das Programm mit Wolfgang Amadé Mozarts 32. Sinfonie G-Dur, dessen Maurischer Trauermusik, György Ligetis Konzert für Violine und Orchester sowie eben Richard Strauss' Tondichtung «Also sprach Zarathustra». Dirigiert wird das Konzert von Chefdirigent Dennis Russell Davies, dessen Arbeit mit dem Orchester Sutter sehr schätzt. Er sei mit seiner Erfahrung, seinem Gestaltungswillen und künstlerischem Programm genau der richtige Mann zur richtigen Zeit gewesen, weiss Sutter. Davies habe das Orchester geformt, ja zusammengeschweisst zu einem profilierten Klangkörper – und er habe es in die Selbstständigkeit geführt. Der Kontrabassist lobt seine jungen Kollegen, die aus ganz verschiedenen Ländern kommen und viel Qualität und Elan in das Orchester gebracht haben, ebenso die beiden Konzertmeister, Soyoung Yoon und Axel Schacher, die einen guten Geist ins Sinfonieorchester Basel (SOB) bringen.

Mit Wehmut nimmt der Kontrabassist Abschied vom SOB, dem er 35 Jahre lang angehört hat. «Und doch ist es genau der richtige Zeitpunkt», hält er in unserem Gespräch fest. Er wurde vom Orchester gefragt, ob er nicht noch verlängern wolle. Er überlegte und lehnte ab. Zu gehen, wenn das Orchester ihn vermisse, sei richtig. Zudem habe es etwas Befreiendes, der Belastung der Konzerte nicht mehr ausgesetzt zu sein. «Ein falscher Ton in einem schwierigen Solo, und man stirbt» – nicht real, aber man tut es fast vor Scham.

Für Sutter, der mit Irene Lukanow Sutter, Geigerin und Lehrerin für Alexander-Technik, verheiratet und Vater zweier Söhne ist, passt nun alles: «Am ersten Dezember 1979 habe ich meine Stelle in Basel angetreten, also genau vor 35 Jahren. Und soeben ist mein drittes Enkelkind geboren worden», erzählt er strahlend.

Musiker mit langen Haaren

Der 1951 in Basel geborene Christian Sutter war in seiner Jugend ein Hippie mit langen Haaren und Bart, wie er erzählt. Er gehörte zu jenen, die damals in so manchen Restaurants nicht bedient wurden, er sass auf der «Klagemauer» vor der Barfüsserkirche und er liebte besonders die Musik von Frank Zappa und dessen Avantgarde-Rockband «Mothers of Invention». Von 1969 bis 1973 studierte er am Konservatorium, an der Musik-Akademie Basel, Kontrabass. Begonnen hatte der Knabe Christian Sutter mit Cello. Mit 17 wechselte er zum Bass – animiert dazu von Wolfgang U. Stettler, dem damaligen Leiter des Musikschulorchesters. Die Schule kaufte für ihn einen Kontrabass: «Als ich das Instrument in die Hand nahm, war das Liebe auf den ersten Strich.» Eigentlich wollte der junge Sutter Jazzmusiker werden – doch die Improvisation sei seine Sache nicht gewesen. So blieb er der klassischen bis Neuen Musik erhalten und bereicherte sie mit seinem agilen Spiel: «Vom Cello brachte ich die Leichtigkeit mit.»

Hippie jedoch, das war er gerade auch in seinen Studienjahren am Konservatorium. «Ich spielte barfuss in Franz Schuberts Forellenquintett», lächelt er noch heute. Und Max Frisch verewigte den exzellenten Bassisten in seinem «Tagebuch 1966–1971»: « . . . Der Ältere, der so viel Haar hat wie die anderen zusammen, kein fallendes oder lockiges Haar, sondern das schwarze Kruselhaar eines Abessiniers, Brillenträger, lernt Kontrabass am Konservatorium. In einem Sinfonieorchester unterzugehen auf Lebenszeit hat er nicht vor, Musik ist Provokation. Ich entkorke und verstehe . . . ». Und Joseph Bopp, der Leiter der Musik- und der Orchesterschule, zeichnete als Experte den Kontrabassisten Christian Sutter mit den wilden Haaren während dessen Abschlussprüfung – und widmete sie ihm (siehe Bild) zur Übergabe des Diploms mit Auszeichnung.

Erstes Stipendium an Bassisten

Sutter führte mit einem Stipendium von Migros Kulturprozent – er war der erste Kontrabassist, der eines erhielt – seine Studien in Prag weiter. Und er wurde Mitglied der Niederrheinischen Sinfoniker der vereinigten städtischen Bühnen Krefeld Mönchengladbach. Seine erste Oper, bei der er im Orchestergraben spielte, war Jacques Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» – ebenso war es seine Letzte nun in Basel. Auch das passt zusammen.

1979 folgt die Aufnahme ins Basler Sinfonieorchester – wie es vor der Fusion von 1996 noch hiess. Doch untergegangen, das war Sutter nie im Orchester, obwohl er einen grossen Teil seines Musikerlebens dort verbracht hat. Die markante Erscheinung mit dem krausen Haar und Bart stach heraus, und seine Soli waren und sind stark und prägnant im Klang.

Sutter freut die Entwicklung des SOB in den letzten Jahren. «Von der Fusion spricht heute niemand mehr.» Das Orchester hat unter Dennis Russell Davies seine Identität und sein Profil gefunden – auch weil sich die starke Musikerpersönlichkeit im Bau neuer Strukturen durchgesetzt hat. Ohne ihn und Barbara Schneider als Präsidentin der Trägerschaft, der Stiftung Sinfonieorchester Basel, wäre die schnelle Loslösung von der Veranstalterin Allgemeine Musikgesellschaft Basel (AMG) nicht möglich gewesen. Das Orchester musste sich aus diesem – auch programmatischen – Korsett lösen, sich als eigenständiger Klangkörper zur eigenen Marke entwickeln. Davies brachte dem SOB die Neue Musik zurück, die seit Paul Sacher zu seiner Tradition gehört. Es konnte gleichsam an alte berühmte Zeiten anschliessen, als Armin Jordan, Moshe Atzmon Chefdirigenten waren, das Orchester von Stars wie Wolfgang Sawallisch oder Pierre Boulez dirigiert wurde. «Heute sind wir nun bereit für einen jungen Chefdirigenten», weiss Sutter. Davies wird 2016 das SOB verlassen.

Musik und Literatur

Natürlich führte Sutter stets auch ein reichhaltiges Künstlerleben neben dem grossen Orchester. Er machte Kammermusik in verschiedenen Formationen und wirkte in verschiedenen – auch szenischen – Projekten mit. Unter anderem pflegte er seine zweite Leidenschaft: die Literatur. Er verknüpfte in eigenen Veranstaltungen Musik mit Literatur. Was eignete sich dafür besser als Anton Tschechows «Romanze mit einem Kontrabass». Oder Daniil Charms «Die Kunst ist ein Kontrabass». Sutter entdeckte damit den russischen Avantgardisten des frühen 20. Jahrhunderts. Sutters literarische Abende, an denen er nicht nur musizierte, sondern die Texte auch selbst rezitierte, begannen bereits im Jahr 1977. Er trat in den frühen Neunzigerjahren im Nachtcafé mit eigenen Programmen auf.

Und seit drei Jahren veranstaltet er Lesungen mit Musik in der Basler Papiermühle unter dem Titel «Schwarz auf Weiss» – gemeinsam mit Kollegen und Kolleginnen des SOB. Am Sonntag nun liest er aus Tschechows Romanze und aus der ihm von Christopher Zimmer gewidmeten Dichtung «Contrabasso cantabile».

«Schwarz auf Weiss» in der Papiermühle führt Christian Sutter weiter, ebenso spielt er weiterhin in Andras Schiffs Kammerorchester Cappella Andrea Barca. Als Orchestermusiker geht Sutter in Pension, nicht aber als Künstler.