Chadwick Boseman und Tate Taylor, Sie sind 38 respektive 45 Jahre alt. James Brown hatte seine grossen Erfolge vor Ihrer Zeit. Was bedeutet Ihnen der Godfather of Soul?

Tate Taylor (Regisseur): Ich bin aus dem Süden der USA. Die Menschen dort waren immer schon die Aussenseiter. Wir müssen uns ständig beweisen. Jedes Mal, wenn eine Persönlichkeit aus dem Süden den grossen Aufstieg schafft, zelebrieren wir das. Dann sagen wir stolz: James Brown ist aus dem Süden! 

Chadwick Boseman (Hauptdarsteller): James Brown ist die Musik meiner Eltern. Ich kannte ihn vor allem aus Hip-Hop-Samples. Beim Hip-Hop geht fast alles auf ihn zurück, die Prahlerei, die Tanzmoves. Und James Brown war einer der ersten Musik-Mogule. Er kümmerte sich auch um das Geschäft. So wie heute P Diddy, 50 Cent und Jay Z.

Der Film zeigt auch James Browns dunkle Seiten. Was ist der Grund, weshalb sein Genie in Wahnsinn umschlug?

Taylor: Angst. Paranoia. Und ein ständiges Streben nach Perfektion. Im Film sagt James Brown: «Du kannst nicht stoppen. Wenn du rückwärts gehst, bist du tot. Wenn du vorwärts gehst, dann bist du am Leben.» Wenn du mal Erfolg hast, fürchtest du, das zu verlieren. Du tust alles in deiner Macht, um das zu verhindern. Du arbeitest härter. Du forderst von anderen viel – manchmal zu viel.

Boseman: Ein anderer Faktor ist James Browns Sohn Teddy, der bei einem Autounfall getötet wurde. Diese Hilflosigkeit muss Browns extremen Drogenmissbrauch begünstigt haben. Viele Leute denken ja, er sei sein ganzes Leben lang drogensüchtig gewesen. Er war aber immer gegen Drogen. Bis zu diesem Unfall. Und gleichzeitig ging es auch mit seiner Musikkarriere abwärts. Sein Absturz war doch nur menschlich. 

Tate Taylor, «Get On Up» springt wie wild in James Browns Leben umher. Weshalb haben Sie seine Lebensgeschichte nicht einfach chronologisch erzählt?

Taylor: Ich mag biografische Filme eigentlich nicht, sie sind mir zu vorhersehbar. Heutzutage findest du ja alle biografischen Infos im Internet. Als mir das Drehbuch zu «Get On Up» vorgelegt wurde, strich ich zunächst mal James Browns Namen raus, dann auch seinen Ruhm und Reichtum. Zurück blieb ein Mann mit einer hochinteressanten Geschichte, die du unmöglich erfinden könntest. (lacht) Ich wollte die Psyche dieses Mannes studieren. Und ich wollte, dass James Brown seine Geschichte selber erzählt, auf seine Art. Deshalb wendet er sich im Film direkt an die Zuschauer und spricht zu ihnen. Alle meine Entscheidungen bei diesem Film zielen darauf ab, dass du als Zuschauer nie das Gefühl hast, das sei bloss wieder so ein langweiliges Biopic.

James Brown: Held oder Schurke?

Boseman: (lacht) Er ist ein Antiheld! Ich möchte aber nicht über ihn urteilen. Nur so konnte ich ihn spielen, ganz ohne Vorbehalte. Würde ich aber behaupten, er sei perfekt gewesen, dann würde ich lügen. Wenn man bedenkt, wo er herkam und was er erreicht hat, was er den Menschen bedeutet hat, dann war er ein Held. Aber er wurde zu Hause gewalttätig, das kann man nicht schönreden. Er war also ein Antiheld, und das macht ihn für uns spannend: Wir wollen ihm folgen und ihn verstehen. Und am Ende lieben wir ihn trotz seiner Makel.

Am Höhepunkt seiner Karriere war James Brown eine Naturgewalt. Wie schwierig war es, das auf der Leinwand rüberzubringen?

Boseman: James Brown hat auf der Bühne immer alles gegeben. Als ich mir zur Vorbereitung alte Bühnenauftritte von ihm angesehen habe, war ich zunächst eingeschüchtert. Er hatte so viel Energie. Es war, als würde er kämpfen, er war in seinen Auftritten wie ein Boxer. Um das darzustellen, musste ich all meine Energie in die Rolle reinstecken. Um den fleissigsten Mann im Showbusiness zu spielen, musste ich selber zum fleissigsten Mann im Showbusiness werden.

Taylor: Ich habe Chadwick ausgesucht, weil er ein starker Schauspieler ist. Ich brauchte jemanden, der auch den 63-jährigen James Brown spielen konnte – das grosse Herz, die Angst, den Schmerz. Ich wusste, dass es ältere Männer in seinem Leben gibt, an denen er sich orientieren kann. Und dann habe ich einfach gebetet, dass er innerhalb von zwei Monaten Tanzen lernt! (lacht)

Tate Taylor
Der Regisseur aus Mississippi schaffte 2011 mit seinem mehrfach Oscar-nominierten Film «The Help» den Durchbruch.