Klassik
Dem König ein Lied, Muti eine Million

Der Dirigent Riccardo Muti erhält den Birgit-Nilsson-Preis, den «Nobelpreis der Musik».

Christian Berzins, Stockholm
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Um zehn vor sechs müssen Sie unbedingt auf ihrem Platz in der Oper sein, denn kurz danach kommt der König!» Die der Stimme Nachdruck gebende dunkle Miene reichte auch aus, uns gehorsam zu machen. Wenn Seine Majestät König Carl XVI. Gustaf und Seine Majestät Königin Silvia aufmarschieren, ist nicht zu spassen. Und als das Paar denn um 18.05 Uhr, etwas verspätet, auf die Bühne des Opernhauses schreitet, wirds im Haus still wie bei einer Abdankung. Entspannung gibts, als der König das Zeichen zum Hinsetzen gibt. Nichts mehr als eine Geste, da es sogleich wieder aufzustehen gilt: Die schwedische Nationalhymne – pardon, das «Königslied» – steht an: «Ur svenska hjärtans djup en gang» – «Aus den Tiefen der schwedischen Herzen, ein gemeinsames und einfaches Lied, das dem König entgegengeht! Sei ihm und seinem Geschlecht treu und ergeben, mach die Krone auf seinem Scheitel leicht, und all deinen Glauben setze auf ihn, du Volk von berühmtem Stamm!»

Obwohl er keine schwere Krone zu tragen hatte, nahm Seine Majestät die Ehre mit steinernem Blick entgegen, derweil seine Frau Silvia zusammen mit dem ganzen Opernrund, darunter auch Lucerne-Festival-Intendant Michael Haefliger und Bayreuth-Chefin Eva Wagner, wacker zu seinem Wohle mitsang!

Als freier Schweizer Geist, da tauschten wir derweil schon mal das Wort «König» mit «Maestro» aus, sollte doch alsbald der 70-jährige italienische Dirigent Riccardo Muti als zweiter Träger des Birgit-Nilsson-Preises im Mittelpunkt stehen: Rund 1 Million Dollar beträgt das Preisgeld, das aus dem Nachlass der schwedischen Opernsängerin Birgit Nilsson (1918–2005) stammt.

Nobelpreis der Musik

Ist es gar der Nobelpreis der Musik? Immerhin der höchstdotierte Musikpreis der Welt – und das will die Stiftung offenbar weitum in der Welt erzählen, Journalisten von Chicago bis Japan waren nach Stockholm eingeladen. Und diese staunten ob des Glanzes: Nach der Feier im Opernhaus gings in die historische Stadthalle, wo ein Galadinner inklusive hochoffiziellen, krümeltrockenen Toasts für 500 Gäste in Smoking und Abendkleidern gegeben wurde: das Essen schwedisch, der Wein italienisch! Eine gute Liaison, der abschliessende Apfelkuchen passte jedenfalls bestens zum Moscato d’Asti.

Zurück zum Festakt im Opernhaus: In seiner Dankesrede zeigte sich Muti gerührt und stimmte einen leidenschaftlichen Schlussappell an: «Musik ist eines der wichtigsten Elemente, um dem Zusammenbruch der europäischen Identität vorzubeugen.» Wenn er von der Musikerziehung spreche, meine er nicht, dass man einem Kind eine Flöte in den Mund stecke. «Das ist Gift. Es geht vielmehr darum, den Kindern beizubringen, dass ein Orchester ein Symbol für die Gesellschaft ist.»

Dunkel war Mutis Miene, als der Dirigent Gianandrea Noseda zu Ehren des Verdi-Königs die Ouvertüre zu «Nabucco» dirigieren durfte. Da mochte Mutis Ehefrau Christina ihm zum Schluss ein noch so aufmunterndes «Bello, no?» zuraunen.

Macht oder Geld

Vielleicht ging ihm in diesem Moment die Ungeheuerlichkeit des Nachmittages durch den Kopf: Just 90 Minuten vor der Feier hatte die Mailänder Scala mitgeteilt, dass Daniel Barenboim Chefdirigent werde – Nachfolger von...Muti. Der Italiener hatte die Scala, seine Liebe, 2005 nach undurchschaubaren Wirren verlassen müssen. Barenboim und vor allem Scala-Intendant Stéphane Lissner zeigten mit der Ernennung dem einstigen Scala-Herrscher deutlich: «Du magst den höchstdotierten Musikpreis erhalten, dein Reich aber beherrschen nun andere!» Am Morgen bei der Pressekonferenz hatte Muti noch gut gelaunt gesagt: «Der Preis heisst nicht, dass ich besser als meine Kollegen bin.» Vielleicht doch, auch reicher wird er sein, aber nicht mächtiger. Auch Maestro Mutis Krone sitzt ihm nicht immer leicht auf dem Haupt.