Hard Rock
Deep Purple oder das Kreuz mit dem «Classic Rock»

«Now What?!», das erste neue Studioalbum von Deep Purple seit acht Jahren, sprüht vor Spielfreude. Das neue Album wurde gerade fertig wurde, als Jon Lord, der Mann, der mit seiner Orgel den klassischen Purple-Sound prägte, an Krebs verstarb.

Hanspeter Künzler
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Deep Purple mit Roger Glover, Steve Morse, Ian Paice, Ian Gillan und Don Airey sind zurück in alter Frische.

Deep Purple mit Roger Glover, Steve Morse, Ian Paice, Ian Gillan und Don Airey sind zurück in alter Frische.

HO/Jim Rakete

Im Pantheon des schweren Gitarrenrock gehören Deep Purple zu den Grossen. Black Sabbath kreierten den minimalistischen Hypnosen-Groove, Led Zeppelin erkundeten das Schnittgebiet zwischen exotischer Melodik und tonnenschweren Synkopen. Deep Purple vereinten Blues-Rock mit Orgel-Swing und komponierten in Montreux «Smoke on the Water», das Riff, mit welchem jeder Dreikäsehoch seine Gitarrenkarriere anfängt. Der Ruf von Led Zeppelin als überragende Innovatoren ist heute unangetastet. Black Sabbath sind so etwas wie eine Alternativ-Sekte geworden, die immer wieder neue Generationen von Jüngern zu hypnotisieren vermag.

Und Deep Purple? Ihre letzten Alben «Abandon» (1998), «Bananas» (2003) und «Rapture of the Deep» (2005) wurden in den traditionellen Rockländern kaum mehr beachtet. Dabei gehören zur aktuellen Besetzung mit Roger Glover (Bass), Ian Paice (Drums) und Ian Gillan (Gesang) immerhin drei Leute, die schon in der grossen Zeit von «Deep Purple in Rock» (1970) bis «Made in Japan» (1972) dabei waren und in späteren Jahren in diversen Purple-Kombinationen in Erscheinung traten. Die beiden «Neulinge» sind auch keine unbeschriebenen Blätter: Gitarrist Steve Morse zählt zu den virtuosesten Solisten. Und die Referenzen von Keyboarder Don Airey reichen von Colosseum bis Judas Priest.

Seit Osteuropa, der Ferne Osten und Südamerika Rock entdeckt haben, spielt die Band vor einem grösseren Publikum als in ihren besten Tagen. Bloss in den klassischen Rockländern, England und USA, da wird sie stiefmütterlich behandelt.

Ian Gillan sieht es so: «Am Anfang galten wir als eine Rockband. Dann wurde daraus Underground-Rock, gefolgt von Progressive Rock, und dann zog es uns noch in den Heavy Metal hinein. Danach wurden wir als Runzel-Rocker gehandelt, dann als Dinosaurier, und schliesslich, oh Mann ...» – er stösst einen tiefen Seufzer aus – «... schliesslich wurden wir in die Schublade ‹Classic Rock› gesteckt – Rockmusik, in der es nur noch um die Vergangenheit geht. Ein Grabstein um den Hals. Nun wollte niemand mehr etwas anderes hören als ‹Highway Star› und ‹Smoke on the Water›. Das absolute Ende.»

Gillan streitet nicht ab, dass die Band daraufhin Fehler machte. Aber so richtig zum Bewusstsein kam ihr das erst, als ihnen der kanadische Produzent Bob Ezrin (Alice Cooper, Dr. John, Lou Reed, Pink Floyd) ins Gewissen redete. «Er riet uns, endlich wieder an die Musik zu denken», sagt Gillan. «Wir sollten all dieses 3-Minuten-Zeug vergessen und uns daran erinnern, dass wir primär eine Instrumentalgruppe sind. Und er hatte recht. Big-Band-Jazz von Duke Ellington und Count Basie sind die wichtigsten Einflüsse von Deep Purple gewesen – auch bei diesen Orchestern ist es um die Musik gegangen, der Sänger ist auf die Bühne gekommen, um dem Publikum eine Abwechslung zu bieten. Ezrin sagte: «Denkt an die Musik. Sie ist wichtiger als die Songs.» Und siehe da, als wir das hörten, wachten wir auf.»

Das neue Album wurde gerade fertig wurde, als Jon Lord, der Mann, der mit seiner Orgel den klassischen Purple-Sound prägte, an Krebs verstarb. «Wir hörten die Nachricht von seinem Tod im Studio und waren sehr betroffen», sagt Gillan. «Nach einer stillen Stunde begannen wir uns Anekdoten und Erlebnisse mit Jon zu erzählen und wir spürten ganz stark, wie er im Geist bei uns war.»

«Now What?!» zeigt Deep Purple in neuer Frische. Die längeren Stücke rücken nicht nur das instrumentelle Können, sondern auch den Groove in den Mittelpunkt. Der klare Sound und die Orgel-getriebene Dynamik seien ebenfalls das Verdienst des Produzenten: Ezrin habe es verstanden, den Gitarristen Morse dazu anzuhalten, seine Soli einzuschränken und den Tönen mehr Luft zu gönnen. Deep Purple erfinden hier bestimmt kein Rad neu – aber selbst ab Digitaltonträger sprüht aus jeder Rille die wiederentdeckte Spiellust.

Deep Purple Now What?!, Edel/Phonag.

Live 15.7. Live At Sunset Zürich; 19.7. Montreux Jazz Festival.

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