Ich sitze hoch oben in der Penthousesuite des Zürcher Fünfsternhotels, auf einer weissen Sofalandschaft, vor mir, auf Fell gebettet, die millionenteure Geige David Garretts. Mit dem Manager und den Assistenten warte ich darauf, dass der Musiker von seiner Zigarettenpause zurückkehrt. Nach zehn Minuten kommt er endlich: der Frauenschwarm, das Wunderkind. Sogar meine Grossmutter ist von seinem schnellen Geigenspiel begeistert. David Garrett, mit bürgerlichem Namen David Bongartz, trägt graue Trainerhosen, offene Stiefel und an seinen Fingern glitzern Totenkopfringe. Die langen Haare, die so manchen weiblichen Fan entzücken, bleiben unter einer schwarzen Mütze verborgen.

David Garrett ist der Rockstar unter den Geigern

«Am Anfang habe ich nicht gewusst, an welchen Ort die Reise führt. Ich habe nach einer Richtung gesucht, bis sich das Konzept herausstellte, dass ich einfach ganz viele Richtungen mache», sagt Garrett selbstbewusst über sein neustes Crossover-Album «Music». Auf der Scheibe sind sowohl Michael Jackson, Beethoven wie auch Queen vertreten. Wie die Komponisten der Klassik auf diese modernen Interpretationen regiert hätten, ist für Garrett klar: «In erster Linie würde mir Beethoven für die Aufnahme seines Violinkonzerts gratulieren. Ich bin der Meinung, dass gerade die grossen Komponisten von der Innovation gelebt haben und meine Arbeiten schätzen würden.»

Trotzdem wird der Deutsche auch immer wieder mit Kritik vonseiten der Klassikbranche konfrontiert. Dem 32-Jährigen, der bereits als Kind grosse Konzerte spielte, sei das Feingefühl und die Präzision verloren gegangen. Solche Sätze scheinen an Garrett abzuprallen. «Ich kenne diese Menschen nicht, insofern muss ich auch nicht damit umgehen. Was wirklich wichtig ist, ist meine eigene Messlatte, an der ich mich orientiere. Ich glaube nicht an gute Ratschläge», antwortet Garrett und lehnt sich gelassen nach hinten.

Kein Platz neben der Musik

Dabei hat das Leben des Musikers am Anfang nicht viel mit Selbstbestimmung zu tun gehabt, im Alter von 19 Jahren kam die Wende: «Das war ein natürlicher Abnabelungsprozess und ein Stück der Selbstfindung. Wenn du anfängst, berufstätig zu sein, fragst du dich, wer den Beruf für dich ausgesucht hat», sagt Garrett. In seiner neuen Rolle fühle er sich wohl, auch wenn der Druck nicht ganz nachgelassen hat.

«Mein ganzes Leben ist ein einziger Zukunftsplan. Ich bin schon bis Mitte 2014 mit Konzerten eingedeckt. Es ist schwierig, darüber nachzudenken, denn wenn ich mir bewusst werde, wie viel ich arbeiten muss, desto weniger Spass habe ich am heutigen Tag.» Neben der Musik ist kein Platz für andere Dinge. «Mein Beruf erfüllt mich so, dass ich kein Interesse habe, nach links oder nach rechts zu schauen. Damit bin ich zufrieden, und mehr als Zufriedenheit kann man im Leben nicht erreichen.»

Neben seinen vielen Auszeichnungen war Garrett 2010 auch zum schnellsten Geiger ernannt worden – ein Umstand, der ihn noch heute ärgert. «Es bedeutet mir überhaupt nichts, aber trotzdem wird es mir teilweise übel genommen.» Schnelligkeit und Virtuosität seien nun mal Grundlage: «Entweder kannst du spielen oder nicht.»

Mit seiner Musik habe er ein Konzept gefunden, die jungen Leute an die Klassik heranzuführen. «Das ist eigentlich das, was die Puristen immer deklarieren, und ich habe einen möglichen Weg entdeckt – aber dann wird dies trotzdem nicht geschätzt.» Garrett drückt seine Zigarette aus und wendet sich seinen Assistenten zu. «Wir müssen los. Habe ich schon gepackt?» Während ein schwarzer Wagen vorfährt, verlasse ich das Hotel – in der Tasche immerhin eine signierte CD für meine Grossmutter.

Basel St.Jakobshalle, 12. November, 20Uhr. Vorverkauf: www.ticketcorner.ch