David Bowie ist jetzt auch mal sich selber

Pop Nach über zehn Jahren meldet sich der britische Altmeister zurück

Albert Kuhn
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Zerbrechlich und melancholisch präsentiert sich David Bowie auf seinem neuen Album. HO

Zerbrechlich und melancholisch präsentiert sich David Bowie auf seinem neuen Album. HO

Am Morgen des 8. Januar 2013 begann sich einem Virus gleich ein Video rund um die Welt zu verbreiten. Der virale Infekt stand unter strengster Kontrolle. Es ging um den Song eines Popstars, von dem zehn Jahre nichts mehr zu hören war. Viele wähnten ihn krank oder tot: David Robert Haywood Jones, genannt David Bowie, geboren am 8. Januar 1947 in London, UK.

David wuchs auf als adretter, Saxofon spielender Junge – sein älterer Halbbruder Terry dagegen als Rebell. Die Eltern sprachen wenig und mit Terry kaum. Die Brüder aber mochten sich sehr. Terry schleppte klein David ins Londoner Soho und bald spielte David bei einer Band namens The Kon-Rads. Um nicht mit Davy Jones von den Monkees verwechselt zu werden, nannte David sich David Bowie – eine Anspielung auf das gleichnamige Kampfmesser.

Unerwartete Sensation

Niemand hätte heute mit dem 66. Geburtstag von David Bowie noch etwas Besonderes verbunden – schon gar nicht ein 24. Studio-Album. Was man aber jetzt zu hören kriegt, ist eine Sensation. Hier hat eine verschworene Crew intensiv an Bowies Alterswerk gebaut. Produzent Tony Visconti verrät, das neue Album sei eine Mischung aus «Classic Bowie» und «Innovative Bowie». Aufgenommen wurde mit Unterbrechungen innert zweier Jahre in New York. Und, danke der Nachfrage: Herr Bowie sei gesund und munter.

Tatsächlich: «The Next Day», Titelsong und erste Nummer, prescht pumpend und mit lautem Geschrei über den verdatterten Hörer weg – und mutet ihm gleich zum Start ein veritables Chaos zu. «Dirty Boys» legt noch einen drauf – als würden Holzfällerhorden einen Wald flachlegen, angeheizt von einem abgrundtiefen Bariton-Saxofon. Überhaupt haben es am untersten Ende ihrer Möglichkeiten tutende Saxofone Bowie neuerdings besonders angetan.

Zehn Jahre Anlauf für ein Album – da darf man Überraschungen erwarten. Etwa der von den Sixties inspirierte Song «Valentine’s Day». Oder sein Versuch am nasal schleppenden Lennon-Sound in «I’d Rather Be High». In «How Does The Grass Grow» schwimmt er gegen den Strom, Lyrik schluckend, auf der Suche nach dem Avant-Pop. Oder: «Boss Of Me», ein toller Rocksong mit der Zeile: «Smalltown Girl – would you be the Boss of me?» Es scheint, Bowie wolle tatsächlich für jeden einen Song schreiben.

«The Stars (Are Out Tonite)», die erste Single, portiert den uralten, sentimentalen Kitschwunsch: «Hope we live forever.» Die tiefere Auskunft erhält man in «Where Are We Now?», dem schönsten Song des Albums. Hier outet sich Bowie in brüchiger Stimmlage, so wie man eben singt mit 66 Jahren. Zart, zerbrechlich, melancholisch.

Und gar authentisch? Da sind ja ganz neue Elemente in Bowies Zauberkasten: Charme, Fragilität, Nostalgie. Und ein wiederbesuchtes Berlin, im Alter. In «Love Is Lost» spricht er: «Had to get the train from Potsdamer Platz / You never knew that, that I could do that.» David Bowie war dort, als die Mauer noch stand.

Stimulierend und elektrisierend

Dieses Album ist aktuell, gross gedacht, scharf konturiert, voller Rätsel, intellektuell stimulierend, emotional geladen, musikalisch bunt und elektrisierend, gefestigt durch den eigenen Mythos, Celebrity-süchtig, aber mit Wissen um die Schieflage der Welt. An «The Next Day» wird man sich wohl als tolles Album erinnern. Und mit Sicherheit an das spektakulärste Comeback überhaupt.

Bowie hat 2013 auch eigene Tabus hinter sich gelassen. Sein jahrzehntelanges virtuoses Spiel mit den Identitäten ist nun nicht mehr das einzige Steckenpferd. David Bowie ist neu damit beschäftigt, auch mal sich selber zu sein. Dank Bowies Vorbild Scott Walker: mit Mut und Demut dem Tod ins Auge blicken.

David Bowie The Next Day. Sony.

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