Lucerne Festival
Das Wiedersehen mit der lieben Martha

Die Mklassik-Legenden Claudio Abbado und Martha Argerich spielten am Samstag und Montag im KKL am Lucerne Festival. Am Sonntag lud die deutsche Geigerin Isabelle Faust zu einem ganz speziellen «Passionskonzert».

Christian Berzins
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Priska Ketterer

Ist bei einem Konzert die Werbung im Vorfeld gleich null und der 1800 Leute fassende Saal bei Parkettpreisen von 240 dennoch zweimal ausverkauft, kann sich der Organisator die Hände reiben. Und steht am Schluss das Publikum jubelnd im Saal, gibts es gar nichts rumzumäkeln.

Allerdings stimmte fast zu viel: Claudio Abbado (*1933) und Martha Argerich (*1941) auf der Bühne wieder vereint, auf dem Programm vier Werke von Mozart und Beethoven. Angesichts der zwei Ausnahmekünstler wurde bereits vor dem Konzert Legendenbildung betrieben, die vergilbten Vinylscheiben herumgereicht, auf denen sich die damaligen Jungstars über den Flügel und die Noten hinweg zu verschlingen scheinen. Das Duo brachte einen Hauch dieses Goldenen Klassikzeitalters der späten 1960er-Jahre zurück ins KKL.

Am Montagabend spielte man Mozarts düsteres 20. Klavierkonzert, am Samstag das 25., das strahlende in CD-Dur. Doch, wenn Abbado dirigiert, dann trägt C-Dur plötzlich Trauerflor, aus d-Moll spricht, wie er im Sommer zeigte, eine sanfte Altersmilde. Und so war man denn am Ende weit – oder eben halt 40 Jahre – von jenem Mozartbild aus dem Goldenen Zeitalter entfernt. Da sass auch nicht ein wohlgenährtes Sinfonieorchester voller alter Herren, sondern eine kleine verschworene Gemeinschaft, das Orchestra Mozart – Abbados junger Bologneser Klangkörper.

Die ersten Akkorde des C-Dur-Konzertes KV 503 sind mehr scharf als glanzvoll, mehr marschartig als festlich – doch der sanfte Ton legt sich zusammen mit dem ersten Piano in Takt 7 alsbald wie ein Schleier über das Konzert. Im Kleinen, zusammen mit den Holzbläsern, sucht Abbado das Mozartglück.

Martha Argerich verfügt über umfassendes und differenziertes Repertoire auf, das von Bach über Werke von Beethoven, Schumann, Liszt, Debussy und Ravel bis Bartók reicht.
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1955 übersiedelte ihre Familie nach Europa - da gings mit der Karriere erst richtig los.
Die 1941 in Buenos Aires geborene Argerich gab schon mit vier Jahren ihr erstes Konzert.
Martha Argerich
Martha Argerich
Martha Argerich
Martha Argerich am Konzert für den Nobel Prize in Stockholm, 2009

Martha Argerich verfügt über umfassendes und differenziertes Repertoire auf, das von Bach über Werke von Beethoven, Schumann, Liszt, Debussy und Ravel bis Bartók reicht.

Argerich im Umfeld der Milde

Argerich zeigt schon in den ersten Figuren Charakter. Aber kaum Präsenz markiert, hastet die Unberechenbare unschön über die Läufe. Und dennoch lebt alsbald jeder Ton, Argerich findet im Altbekannten neue Geheimnisse. Doch ganz zu Hause fühlt sie sich in diesem Umfeld der Milde im Gegensatz zu Abbados gewohnter Mozartpartnerin Mario Joao Pires nicht. Argerich nimmt sich zwar auch zurück, stiehlt damit aber ihrem ureigenen Spiel an Zauber. Im Andante etwa sucht die Argentinierin ein (langsameres) Adagio. Abbados Flötist Jacques Zoon scheint ihr in die Zweiunddreissigstel hinein zuzurufen: «Vorwärts, liebe Martha!» Im Allegretto meidet Abbado hingegen die Attacke. Argerich versucht es dennoch einmal, zweimal, dann noch mit etwas Romantizismus im Zaubermotiv des Taktes 163.

Immerhin: Es waren dreissig lebendige Mozartminuten, von Abbado viel Geben, von Argerich wenig Nehmen – zwei grosse Künstler mit ihrer eigenen Vorstellung dieses Werkes.

Wie sich Abbado Interpretationen bis ins Detail ausdenkt und empfindsam ausführen will, war in der dritten «Leonoren»-Ouvertüre zu hören, in dieser der Oper «Fidelio» folgenden Freiheitshymne. Bei Abbado ist «Freiheit» kein Donnerwort. Zu gerne verlieren sich seine Helden, ob Coriolan oder Egmont, im süssen Es-Dur-Schlummer.

Leicht klingt dieser Beethoven. Aber dem Holzbläsereinwurf, der ins Paradies zu führen scheint, ist auch nicht zu trauen. Abbado meisselt die Gegensätze nicht heraus, hier wird alles zu Bewegung, zu Klang. Dieser Beethoven bleibt nahe bei Mozart, ist weit weg vom späten 19. Jahrhundert, wo man ihn so gerne hinstellt.

«Zu Ostern» bei Wort genommen

Lucerne Festival «Zu Ostern» bietet diese Tage noch ganz andere Programme, setzt in geistlichen Werken Schwerpunkte. Morgen etwa dirigiert Gustavo Dudamel ein zeitgenössisches Oratorium von John Adams –– und auch Mariss Jansons bietet mit Brittens «War Requiem» einen seltenen Klassiker.

Die Karwoche kündigt sich mit diesen Werken bereits an. Auch der späte Sonntagnachmittag mit Isabelle Faust wurde zur Passion, spielte die deutsche Geigerin doch gleich drei Suiten und drei Sonaten, BWV 1001 bis 1006, von J. S. Bach. Und so lauschte man denn von 17 Uhr bis 20.03 Uhr, volle drei Stunden, ihrem protestantischen Bachspiel, das allen Pomp scheut, nur das nackte Wort Bachs zulässt. Bei Faust sind die Töne bisweilen aschfahl und zerbrechlich, dazwischen trotz minimalem Vibrato durchaus gross: Da gibt es Platz für alle Freuden und noch mehr Schmerzen. Im Andante der a-Moll-Sonate wurde der Raum zum Klang, der Karfreitagszauber war nah. Man hätte ewig zuhören können – aber keine Minute länger.

Lucerne Festival: bis 24.3. Radio: Das Abbado/Argerich-Konzert ist am 1. April,
20 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören. Kino: Der Film «Argerich» läuft ab 4. April.

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