Drei Klaviertrios, dreimal Moll. Moll, wird man sich gesagt haben, das wird eine düstere Angelegenheit. Mitnichten. Es wurde eine abwechslungsreiche Berg-und-Tal-Fahrt, mal in heiterem Trab, mal im Galopp und dazwischen, gerade richtig, gab es die eine oder andere Rast, welche die nötige Musse zur Kontemplation erlaubte.

Im Rahmen der Boswiler Meisterkonzerte spielte das Sitkovetsky Trio Saint-Saëns (Klaviertrio e-Moll op. 92), Ravel (Klaviertrio a-Moll) und Dvořák (Klaviertrio e-Moll op. 90 «Dumky»). Dass das Ensemble um Geiger Alexander Sitkovetsky alles draufhat, was es braucht, um ein Weltklasse-Trio zu sein, steht ausser Frage. Nur manchmal, einem jungen Vollbluthengst gleichend, scheint es sich gar nicht so recht der eigenen, gewaltigen Kraft bewusst zu sein und schiesst übers Ziel hinaus.

Die Tempogeschichte

Mit dem Tempo ist es so eine Sache in der Musik. Während es der eine als ideal empfindet, geht es dem anderen zu schnell und die Dritte gähnt ob so viel Langsamkeit. Auf jeden Fall: Goldrichtig gewählt war das Tempo für Saint-Saëns’ ersten Satz. Es ermöglichte der Geige, später auch im Dialog mit dem Cello von Isang Enders, das melancholische Hauptthema eindringlich zu bearbeiten und das Resultat so richtig in die Seele des Zuhörers hineinzukneten.

Auch der Auftakt-Satz im Klaviertrio von Ravel war tempomässig wohltemperiert. Dieser über weite Strecken ruhig gehaltene Satz erinnert an einen faulen, heissen Sommertag, an welchem vor Hitze die Zeit stehen zu bleiben scheint und sich flimmernde Mauern weiss getünchter Häuser zu zersetzen drohen. Dank der subtilen Filigranarbeit aller Beteiligter nahm die Klangqualität einen geradezu psychedelischen Charakter an, welcher einen sanft wegdriften liess.

Ganz anders, nämlich zackig, geht es in der a-Moll-Fuge von Camille Saint-Saëns zu und her. Er platziert sie in den fünften Satz seines Trios. Nur. Hier jetzt. Warum musste diese ohnehin schon energievolle, wirklich fetzige Fuge so «up-tempo» genommen werden? Erster Nachteil: Sie ist schnell vorbei. Zweiter Nachteil: Man kommt kaum in den Genuss, den einzelnen Stimmen zu folgen und deren kunstvolle Verquickung gebührend zu ästimieren.

Das tut natürlich der Leistung, mit welch technischer Brillanz hier (und überhaupt) vorgetragen wurde, keinen Abbruch.

Wie viel Fortissimo darf es sein?

Von tiefem musikalischen Verständnis zeugten die Klarheit und Durchsichtigkeit, welche das Sitkovetsky Trio immer wieder in die anforderungsreichen Stücke hineinbrachte. So konnte man etwa im lyrischen Mittelteil von Maurice Ravels berühmten «Pantoum»-Satz durch alle drei Ebenen quasi hindurchschauen, weil sie, ähnlich wie Sichtmäppchen, luzide übereinandergelegt waren. Schade, dass die Klarheit des Gedankens dann durch übermotiviertes Fortissimo (vornehmlich am Klavier) weggeschrien wurde. Eine Unart, die sich auch im zweiten Satz des Saint-Saënsschen Trios, einem Menuett, bemerkbar machte. Apropos: Wer sich ein paar blaue Zehennägel holen möchte, dem sei ein Tänzchen zu diesem Menuett wärmstens empfohlen. Dieses ist in einem derart unglücklich, weil unnatürlich wirkend, ausgelegten 5/8-Takt geschrieben, dass es förmlich zum Stolpern einlädt. Da half alle Interpretiererei durch die Ausführenden nichts, welche ansonsten rhythmisch absolut auf der Höhe waren.

Dvořák mag es uns nicht übelnehmen, dass er heute zu kurz kommt. Sein Trio wäre natürlich auch der Rede wert. Beschwingt bewegt einerseits, schwelgerisch schmachtend andererseits, bot es aber alles in allem zu wenig Ecken und Kanten, wo man sich interpretatorisch hätte hervortun oder in die Nesseln setzen können.

Angenehm aufschlussreich war übrigens die Konzerteinführung. Man hat sowieso immer mehr von einem Konzert, wenn man sich ein wenig vorbereitet. Am einfachsten geht dies mit kompakt aufbereiteten Infos aus fachlich kompetenter Hand, wie das bei Musikwissenschafter Walter Labhart der Fall war.

Das Schönste zum Schluss. Manchmal lässt sich über Geschmack eben doch nicht streiten. Als Encore wiederholte das Sitkovetsky Trio den wunderbaren dritten Satz aus Saint-Saëns’ op. 92. Dieses Andante in Art einer Romanze hinterlässt, ohne Kitsch zu sein, ein eigenartig verzückendes Gefühl in der Herz-Bauch-Gegend, ein bisschen so, als wäre man verliebt.