Die Echos sind die deutsche Pendants zu den amerikanischen Grammys und damit der wichtigste Award im europäischen Musikmarkt. Für eine Schweizer Jazzcombo ist das eine grosse Ehre. «Diese Auszeichnung haben wir dem Label Sony Deutschland zu verdanken, bei dem wir dreieinhalb Jahre unter Vertrag standen», sagt Pianist Stefan Rusconi. Trotzdem hat das Trio jetzt den Deal mit dem Major «im gegenseitigen Einvernehmen» gekündigt.

Die Echo-Verleihungen waren das Schlüsselerlebnis. «Wir haben uns zuerst riesig darüber gefreut», sagt Rusconi. Doch das Ergebnis war ernüchternd. Die Erkenntnis: «Wenn das das Beste ist, was uns die Branche bieten kann, dann sind wir auf dem falschen Dampfer.» «Im Rahmen ihrer Möglichkeiten hat Sony einen guten Job gemacht», sagt Bassist Fabian Gisler, «wir haben aber erkannt, dass Majors viel zu langsam sind. Das Label hat uns gehemmt und behindert.»

Grosses Plattenlabel ist zu kompliziert

«Ein Radiokonzert konnte nicht einfach übertragen werden», erklärt Rusconi, «zuerst mussten Verträge ausgehandelt werden, um die Rechtsansprüche zu regeln. Unendlich viele Verträge waren nötig, als wir die Musik für einen Dokumentarfilm schrieben. Wir haben tolle Videos gedreht, aus rechtlichen Gründen wurden sie auf Youtube gesperrt.» Dazu war der Deal mit Sony Deutschland «territorial beschränkt». Der Markt ausserhalb des definierten Gebiets war Sperrzone.

Das Verdikt: Bei einem Major läuft alles umständlich, kompliziert, schwerfällig und vor allem: nicht der digitalen Revolution angemessen. «Die unendlichen Möglichkeiten, die das Internet in Sachen Promotion bietet, werden von der Musikindustrie nicht konsequent genutzt,» sagt Rusconi.

Gar nichts verdient

Auch kommerziell hat sich der Deal mit Sony Deutschland nicht ausbezahlt. Das Label hat der Band einen Euro pro verkaufte CD zugesichert. Jedoch erst nach Abzahlung des Lizenzvorschusses von 5000 Euro. Doch mehr als 5000 CDs verkaufen nur ganz wenige Jazzmusiker. Zumal die CD nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz erhältlich war. Das heisst: Die drei Musiker haben gar nichts verdient. Eine absurde Situation wie Schlagzeuger Claudio Strüby meint: «Wir haben CDs verkauft, aber nichts damit verdient.»

Die Geschichte von RUSCONI ist beispielhaft. Major-Labels sind dort geeignet, wo die Massen erreicht werden sollen. Musik, die in den Mainstream-Medien (Privat-)Radio und (Privat-)Fernsehen gespielt und im Massen-Discounter von Media Markt oder Saturn verkauft wird. Für alternative Musik wie Jazz, die in der Nische spielt und flexibel die Nische suchen muss, sind Majors nicht geeignet. Das musste auch RUSCONI erkennen. «Wir mussten das ändern und uns von den Zwängen des Majors lösen», sagt Rusconi.

Freie Verfügbarkeit der Musik

Der Schnitt ist radikal. RUSCONI hat sich befreit und macht jetzt alles selber. «Wir können jetzt viel schneller reagieren und frei entscheiden und unsere Musik so promoten, wie wir das wollen», sagt Rusconi. Befreiung und Revolution, denn das Trio bietet die Musik ihres neuen Albums kostenlos auf der Homepage an.

Die digitale Revolution lässt uns keine andere Möglichkeit, und wir sind bereit, uns dieser Realität zu stellen», heisst es in einem Manifest, das die Band formuliert hat. «Die digitale Reproduzierbarkeit und deren Verbreitung im Internet kennen keine Grenzen. Besitz wird dadurch hinfällig und die Höhe des Preises daher fragwürdig», heisst es weiter, «wir akzeptieren das, aber die künstlerische Leistung braucht finanzielle Mittel.» Mit dem Angebot zum kostenlosen Download verknüpft das Trio deshalb einen Denkanstoss: Die Musik soll frei sein, sie hat aber ihren Preis, den der Musikkonsument selber bestimmen kann.

Ohne euch soll es uns nicht geben»

Es ist ein Experiment, das vor RUSCONI auch schon Rockbands wie «Radiohead» durchgeführt haben. Für die englische Band soll sich das Experiment mit der Freiwilligkeit nicht gelohnt haben, für RUSCONI wird sich das Risiko dagegen in Grenzen halten. Im Gegenteil: RUSCONI kann nur gewinnen. Daneben setzt die Band vor allem auf die Einnahmen von Konzerten, wo auch der physische Tonträger von «Revolution» (CD und Vinyl) mit dem Cover-Artwork von Stefan Rusconi und der Berliner Künstlerin Paul Polaris verkauft wird. Die Band hat zudem ein eigenes Label, Qilin Records, gegründet und erreicht über den Vinyl-Vertrieb von «Godbrain» aus Bern acht Länder. Schon jetzt mehr als bei Sony.

Durch die freie Verfügbarkeit ihrer Musik will RUSCONI die Hörerschaft erweitern. «Das Gehörtwerden ist ihr eigentlicher Sinn», heisst es im Manifest. Ob das Experiment gelingt, ist offen. Eine entscheidende Rolle haben dabei die Zuhörer und die Fans. «Ohne euch soll es uns nicht geben», schreibt RUSCONI im Manifest.