Lucerne Festival

Das KKL wird im November zum Zufluchtsort

Eine Übung des Hörens? Eine Meditation? Der Franzose Pierre-Laurent Aimard spielt im KKL Bachs «Wohltemperiertes Klavier».

Eine Übung des Hörens? Eine Meditation? Der Franzose Pierre-Laurent Aimard spielt im KKL Bachs «Wohltemperiertes Klavier».

Die ersten drei Abende des Luzerner Pianofestivals sind vorbei: Gehört haben wir drei unterschiedliche Pianisten mit Ecken, Kanten und Schwächen.

Nie denken wir sehnsuchtsvoller an den Sommer, an den Festspielsommer, als in novemberdunklen Luzerner Pianofestivalnächten. Es liegt nicht an den Künstlern: Die sind jetzt genauso grossartig wie im August. Es liegt auch nicht daran, dass wir im Sommerfestival die dramaturgischen Programmlinien viel klarer sehen und hören. Darüber kommen wir gut hinweg – das breite Publikum sowieso. Den Unterschied macht das KKL, es erhält diese Tage eine ganz andere Rolle. Im Sommer ist es der kühle schöne Ort des Zwischenverweilens. Hinein? Draussen am See bleiben? Mal dies, mal jenes. Nun im November hingegen ist die Richtung klar, der grosse Konzertsaal ist geradezu ein Zufluchtsort. Man will gar nicht mehr hinaus nach dem Schlusston – nicht in den Nebel und schon gar nicht auf die Bahnstrecke Luzern–Zürich, wo ausgerechnet am Festival-Wochenende Gleisarbeiten durchgeführt wurden.

Hinein also ins KKL! Dort drängelten sich am Samstag 1800 Menschen, alle wollten Maurizio Pollinis erleben – und das, obwohl der 72-jährige italienische Pianist «kleibert», will heissen: Er macht sein Repertoire ähnlich wie einst der legendäre Dirigent Carlos Kleiber (1930–2004) schmaler und schmaler, spielt immer und immer wieder dasselbe. Auch am selben Ort.

Ein Sturm ist kein Sturm

Beethovens «Sturm»-Sonate kann man so spielen, dass sie nach Sturm tönt – muss man aber nicht, denn die Bezeichnung stammt nicht von Beethoven. Pollini denkt nicht an Dinge, die von aussen an diese Noten herangetragen wurden. Er lässt das kleine Largo sanft wie eine Gänsefeder auffliegen und behält dann im durchaus forschen Allegro diesen lyrischen Grundton bei. Gewiss: Das Spiel wäre aber noch klarer, wenn Pollini präziser spielen würde ... In den langsamen Sätzen besingt Pollini eine tiefe Melancholie. Sie ist umso furchteinflössender, da sie völlig frei von dummem Pathos ist – gerade in der Appassionata scheut er jeden Romantizismus: Raue Emotionen sind das, eine Unerbittlichkeit beherrscht diesen Klaviergesang.

Bei Chopin mag Pollini in der Barcarolle op. 60 mal mit der rechten Hand einen zauberhaften Schatten auf die Figuren werfen, so, dass der Klang flächig wird. Aber auch hier gilt: Wo so viel Schönheit ist, muss der Pianist nüchtern bleiben. Famos ist das, auch wenns in der Polonaise op. 53 technisch wieder heftig knarrt im Gebälk.

Das nackte Alte Testament

Bloss 1000 KKL-Zufluchtsuchende waren es am Sonntag. Sie aber waren keine Zufallsgäste, denn zu hören gabs kein Wunschkonzert, sondern das nackte Alte Testament der Klaviermusik: den ersten Band des «Wohltemperierten Klaviers» von Johann Sebastian Bach: Zweimal 12 Präludien und Fugen am Stück, zweimal je eine Stunde den Tonleiterzirkel geradewegs hinauf!

Eine Übung des Hörens? Eine Meditation? Für den Franzosen Pierre Laurent Aimard ist Bachs klangliche Mathematikstunde ganz einfach grossartige Musik, durchaus auch expressive. Er treibt ihr in seiner Sucht nach Klang die Strenge aus, findet noch in der verfurchtesten Fuge farbenvolle Schönheiten. Die harte Struktur der 24 Studien wird unter den langen Bögen zu einer vernachlässigbaren Grösse. Und so fragten wir uns denn bald leise irritiert, aber auch durchaus begeistert: Kann Bach wirklich so schön sein?

Daran dachten wir noch, als wir am Montagabend endlich wieder in den nun wieder gut gefüllten Konzertsaal schlüpfen konnten: Kein Wunder, standen doch gleich drei Klavierkonzerte von Beethoven auf dem Programm. Hitparade? Auch, aber noch viel mehr eine Herzensangelegenheit des 44-jährigen Leif Ove Andsnes: Vier Jahre ist er mit Beethovens Klavierkonzerten unterwegs, wird bald 150 Konzerte gegeben haben, mit dem Mahler Chamber Orchestra rund 60. Auch eine schöne CD-Box ist eingespielt.

Andsnes spielt Beethoven noch eine Spur zurückhaltender als Pollini: Was beim Norweger dann sachlich klingt, kann beim Italiener allerdings trotzig oder rau tönen. Und ja, leider: Es gehen bei Andsnes im Konzertsaal im Unterschied zur CD trotz der technischen Raffinesse auch Dinge unter.

Dass der Beethoven-Abend dennoch grossartig wird, ist dem von Andsnes gelenkten Zusammengehen mit dem wunderbaren Mahler Chamber Orchestras, mit diesen Freigeistern, die einem Leiter, der sie schätzt und machen lässt, fast jeden Wunsch erfüllen.

Bis Sonntag geht das noch weiter so: Andsnes und das MCO spielen bereits heute das 1. und 5. Klavierkonzert. Und am Freitag spielt das Junggenie Benjamin Grosvenor. Der Brite muss allerdings in der Lukaskirche auftreten, wo es im Sommer bisweilen schrecklich heiss sein kann und die Gäste und Musiker gleichermassen leiden. Gut, ists November.

Infos und Karten (kein Konzert ist ausverkauft): www.lucernefestival.ch

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