«Rhapsody in Blue», «Imagine», «Romagna mia», «Something», «Vieni via con me»: Ein Musiktitel nach dem andern wurde aus dem Publikum dem italienischen Pianisten Stefano Bollani auf der Bühne im Weindepot Basel auf dem Dreispitzgelände zugerufen; der gute Mann kam mit dem Notieren der Titel kaum nach. Bollani hatte am Ende seines Solokonzerts das Publikum dazu aufgefordert, ihm für die Zugabe zehn Musiktitel zu nennen, die er dann anschliessend mit verblüffender Souveränität spontan zu einem reichhaltigen Medley voller überraschenden Wendungen zusammenstellte.

Zuvor war der Pianist aus Mailand seinem Ruf, nicht nur ein genialer Pianist, sondern auch ein begnadeter Alleinunterhalter zu sein, voll gerecht geworden. Im Unterschied zu vielen andern europäischen Jazzpianisten wirkte sein Pianospiel wenig abgehoben und vergeistigt, sondern eher zupackend, rhythmisiert, in puncto Harmonieverbindungen «schwarz». Zusätzlich sprühte Bollanis Musik vor Esprit und Intelligenz, dass es fast schon unheimlich war.

Was dieses Konzert zusätzlich zu einem Event der Extraklasse machte, war die Tatsache, dass auch die Lachmuskeln voll auf ihre Kosten kamen. Meist spielte Bollani hoch konzentriert, gelegentlich aber ging sein Temperament mit ihm durch und er packte seinen Pianostuhl, um diesen als Schlagzeug einzusetzen, indem er ihn auf den Boden schlug. Mal machte sich sein linkes Bein selbstständig und begann, laut den Rhythmus zu klopfen, oder er rief «Schlagzeugsolo» und startete im Innern des Flügels ein wildes Schlagen und Klopfen. Am meisten zum Lachen aber reizte das unbeschreiblich komische Mienenspiel, mit dem der Pianist seine Darbietungen gelegentlich begleitete. Stefano Bollani erwies sich als Entertainer der Extraklasse.

Musikalische Tour ums Mittelmeer

Ein weiterer Höhepunkt am Ende des Jazzfestivals war das Solokonzert des französischen Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons in der Dorfkirche Riehen. Garcia-Fons hat in den vergangenen Jahren am Jazzfestival Basel schon mehrmals seine ausserordentliche Kreativität unter Beweis gestellt. In bester Erinnerung ist sein Auftritt 2011, wo er im Stadtcasino Basel mit seinem Sextett die Filmmusik zum Trickfilmklassiker «Die Abenteuer des Prinzen Ahmed» von Lotte Reiniger aus den 1920er-Jahren gestaltete.

Zu seinem aktuellen Auftritt in der Dorfkirche Riehen hatte Garcia-Fons seine letzte CD «The Marcevol Concert» im Gepäck, die er 2012 in einem Kloster in den Pyrenäen eingespielt hatte. Wie auf der CD spielte der Musiker auf einem speziell seinen Bedürfnissen angepassten, fünfsaitigen Bass, der ihm spezielle Spieltechniken und einzigartige Klänge ermöglichte. Zusätzlich erweiterte der Bassist seine Möglichkeiten noch durch dezenten Einsatz vorbereiteter Loops, die er mittels eines Fusspedals auslöste.

Renaud Garcia-Fons ist musikalisch tief im mediterranen Kulturraum verwurzelt. Mal spielte er sein Instrument tief wie ein klassischer Kontrabass, dann wiederum schlug er auf die Saiten, sodass man glaubte, die arabische Kurzhalslaute Ud zu hören. Eingeschoben immer wieder Partien, in denen der Musiker die Saiten mit dem Bogen strich und das Instrument gleich einer Viola da Gamba singen liess. Er schlug seinen Bass wie ein Flamenco-Gitarrist, um wenig später Papier unter die Saiten zu schieben, sodass er wie das afrikanische Lamellenklavier Kalimba tönte. Dem Ideenreichtum und der spielerischen Souveränität dieses Ausnahmemusikers waren keine Grenzen gesetzt.

Am letzten Abend des Jazzfestivals 2014 setzte die portugiesische Fado-Sängerin Ana Moura den Schlusspunkt. Auch wenn Moura mit ihrer Gesangskunst nicht ganz an die Meisterin des Fado Mariza heranreichte, die 2010 an der AVO-Session zu hören war, machte es Freude, ihr zuzuhören. Mit dunkler, modulationsfähiger Altstimme interpretierte die Sängerin mit reichhaltiger Stimmpalette vorwiegend Lieder ihrer letzten CD «Desfado» (2012). Warm wie ein Angoraschal umschloss die Begleitband die Stimme der Sängerin mit einem zart pulsenden Sound, während Angelo Freire mit seiner portugiesischen Gitarre den Gesang mit silbern perlenden Tonketten einhüllte.

Nur ein Schatten war zu verzeichnen, als die Sängerin auf Englisch zu singen begann, was für eingefleischte Fado-Aficionados im Publikum ein No-go gewesen sein dürfte. Das war wohl eher ein psychologisches Problem, spielte die Band und sang Ana Moura doch auf gleiche Weise weiter wie vorher, nur eben die Sprache änderte sich. Und prompt wirkte die Musik unecht, wie nette, etwas banale Popmusik. Doch bald wechselte die Sängerin wieder zurück zum authentischen, runden portugiesischen Idiom ihrer Heimat und die Welt war wieder in Ordnung.