Musik

Corona als Chance zur Veränderung: «Vielleicht wird in Zukunft einiges besser»

Sandro Corbat lebt seit rund zwölf Jahren von der Musik.

Sandro Corbat lebt seit rund zwölf Jahren von der Musik.

Der Basler Musiker Sandro Corbat erlebt in der Coronakrise viele Einschnitte, nutzt diese aber auch als Anstoss für Veränderung.

«Jetzt haben wir ja Zeit für sowas», sagt er und lacht. Dabei meint Sandro Corbat nicht unseren fast zweistündigen Spaziergang mit gebührendem Abstand am Rheinhafen, sondern sein tägliches Gitarrenprogramm im heimischen Lockdown. Im Internet sei er auf ein Video des amerikanischen Flitzefingers Frank Gambale gestossen. «Das ist überhaupt nicht meine Musik», sagt Corbat: «Aber meine Finger sind so fit wie lange nicht mehr.»

Seit rund zwölf Jahren lebt der Basler von der Musik. Die Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus spürt er deutlich: Von seinen drei Standbeinen – freischaffender Theatermusiker in Zürich, Gitarrenlehrer im Aargau, Bandmitglied in verschiedenen Formationen – liegen zwei vorübergehend komplett auf Eis.

Wirklich ärgerlich sei für ihn der Einschnitt bei den Bands, so der 43-Jährige: «Wir hatten einige Konzerte geplant, bei vielen davon ist nun nicht sicher, ob wir sie zu einem späteren Zeitpunkt nachholen können.» Ungünstig sei die Konzertpause insbesondere bei den Scratches, seiner Hauptformation, mit der er seit sechs Jahren aktiv ist. Das Quartett hatte unlängst ein neues Album veröffentlicht; ohne Möglichkeit zum Live-Spielen geht nun wertvolle Anschub-Energie verloren.

Finanziell seien diese Ausfälle jedoch verkraftbar, so Corbat. Insbesondere bei jenen Bands, die er zu seinen Herzangelegenheiten zählt, reichten die Gagen ohnehin jeweils gerade aus, um die Auslagen zu decken. Zumindest minimal lukrativer seien die Bar-Konzerte, die er in kleineren Formationen gegen Kollekte spielt. Doch auch an diese ist vorerst nicht zu denken.

Ungewissheit und lückenhafte Hilfe

Dass Bund und Kanton nun auch Kulturschaffende unterstützt, begrüsst Corbat natürlich, doch findet er die Regelungen verwirrend und lückenhaft. Das Problem sei, dass viele Engagements auf mündlichen Vereinbarungen basieren und oft (noch) keine Verträge bestünden. In seinem Umfeld habe er viele Kolleginnen und Kollegen, die nicht wüssten, ob sie nun Anrecht auf eine Entschädigung hätten oder nicht.

Bei seiner Arbeit am Theater sieht das ähnlich aus: Aktuell sei ohnehin kein Stück geplant gewesen, und bei den Produktionen, die im Sommer angelaufen wären, zeichnet sich ab, dass sie im kommenden Jahr nachgeholt werden. Da er von Projekt zu Projekt angestellt werde, gelte er als unselbstständig und habe Anspruch auf Arbeitslosenhilfe. Diese nehme er nun auch in Anspruch. Da er aber auch hier bei den kommenden Projekten erst mündliche Zusagen habe, wisse er noch nicht, wie dies von den Ämtern gehandhabt werde.

Seit über zwei Jahrzehnten steuert Corbat regelmässig Musik zu Theaterstücken bei. Was vor der Milleniums-Wende als Spontaneinsatz im Stück eines Freundes begann, hat sich zu regelmässigen Engagements gesteigert. Im Theater Winkelwiese in Zürich etwa hat Corbat bereits bei sechs Produktionen mitgewirkt. Mit dem Leiter Manuel Bürgin verstehe er sich mittlerweile fast blind. Früher hätten sich die zwei vor neuen Stücken noch wochenlang getroffen, nun reiche es, wenn sich beide separat in einen Stoff einlesen.

Neue Heimat im Theater

Ganz ohne Absicht hat sich Corbat im Feld der Theatermusik eine eigene Nische geschaffen, in der er all seine Talente einbringen kann: Als Komponist steuert er Stücke bei, als Produzent im heimischen Studio arbeitet er an Klängen und Einspielern und als Gitarrist, der gerne mit Effektgeräten herumtüftelt, kann er bei Proben oder während der Vorführung spontan auf die Schauspieler reagieren.

Oft entstehe aus einem Engagement bereits das nächste, sagt Corbat, während wir den Rückweg antreten. Es laufe mittlerweile so gut, dass er auch schon Produktionen habe absagen müssen. Denn es seien jeweils doch sehr zeitaufwendige Angelegenheiten. Besonders, wenn er jeden Abend live auf der Bühne sitze und Pendeln müsse. Und beim Herumtragen von Verstärkern spüre er langsam auch das Alter, witzelt er.

Auch sei es schon vorgekommen, dass er im Nachhinein mit seiner Leistung nur halb zufrieden war – das gehöre aber zu jeder künstlerischen Tätigkeit dazu: «Du musst Szenen schnell erfassen und mit der passenden Musik unterlegen. Es ist grossartig, wenn das gelingt, und nervenaufreibend, wenn es mal nicht so klappt, wie Du gerne möchtest.»

Zwischen Hoffnung und Angst

Gute Ideen gebe es insbesondere unter Zeitdruck nicht endlos, sagt Corbat. Da müsse er sich in Acht nehmen vor einem «kreativen Burnout». Das habe ihn vor kurzem mehr zum Umdenken angeregt als das üppige Arbeitspensum an sich. Vergangenes Jahr hat er im Schnitt 140% gearbeitet, was ihm ein durchschnittliches Monatseinkommen von 4500 Franken gesichert hat. Für einen Musiker sei das durchaus gut, sagt Corbat. Er habe schon von deutlich weniger gelebt.

Doch sei ihm auch bewusst, dass er dieses Level nicht bis ins hohe Alter durchziehen könne. Deshalb möchte er in Zukunft vermehrt Stunden geben. Dass die Tätigkeit als Lehrer ihre Vorteile hat, zeigt sich nun auch während der Coronakrise: Die Stunden hält er wie gewohnt ab – einfach via Skype oder Whats-App. «Eigenartigerweise funktioniert das in manchen Fällen sogar fast besser», sagt Corbat, der ein abgeschlossenes Jazzstudium und ein Diplom als Musikpädagoge vorweisen kann: «Manche Schüler können sich auf diesem Weg besser auf die Sache fokussieren.»

Insgesamt sehe er bei der Coronakrise zwei Seiten, sagt Corbat, ehe wir uns ohne Händedruck verabschieden: Insbesondere die jetzt einsetzende Diskussion über den Wert von Kultur und die Bezahlung von freischaffenden Künstlern mache ihm Hoffnung, dass sich die Situation in Zukunft vielleicht bessere. Angst macht ihm dagegen, dass nach überstandener Krise manche Konzertlokale und Bars nicht mehr in der bekannten Form existieren. Das wäre für die Szene sehr schlecht: «Es ist ja nicht so, dass wir aktuell zu viele Bühnen hätten.»

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