Vor ihm der um Glanz und um Visionen ringende Künstlerintendant, nach ihm der starverliebte Millionen-Macher: schwierig, da einen bleibenden Platz zu behaupten. Doch in Zürich wurde auch vor Alexander Pereira Oper gespielt, Christoph Groszer hiess von 1987 bis 1991 ihr Direktor. Der 1926 geborene Deutsche verliess Zürich in Frieden und setzte nach 1991 doch nie mehr einen Fuss in sein Opernhaus.

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Gelassen sagte uns der Vorgänger von Alexander Pereira vor fünf Jahren in Apulien: «Ich hatte keine Aggression. Ich wollte aber auch nicht über Dinge befragt werden, die nicht mehr zu mir gehörten. Hätte ich auf die Frage ‹Was sagen Sie, Herr Groszer, zu Pereiras junger Geliebten?› wie Berlusconi antworten müssen? ‹Gott sei dank ist er nicht schwul?› Ich schätze Pereira sehr. Hätte ich weiterhin in Zürich gelebt, hätte ich wohl wie Claus Helmut Drese die Generalproben besucht.»

Drese, Groszer, Pereira. Die drei Männer bestimmen Zürichs Opernleben 37 Jahre lang: Claus Helmuth Drese (1922–2011) und Alexander Pereira (*1947) leiteten das Haus von 1975 bis 1986 beziehungsweise von 1991 bis 2012. Dazwischen aber war jener Intendant am Werk, der mit seiner sanften Bescheidenheit den Exploit Pereiras erst ermöglichte. Pereiras Glamourwerkstatt strahlte so stark, dass Groszer vergessen ging. Erstaunlich und schade, arbeitete dieser Theatermann doch sein halbes Leben an Schweizer Bühnen: nach Luzern, Bern und St. Gallen kam er via Braunschweig und Wiesbaden nach Zürich. Groszer schaute zufrieden und ehrlich zurück: «Es ist eine schöne und grosse Erinnerung, auch mit Niederlagen.»

Er war es, der den Zürchern zeigte, was das deutsche Regietheater war, was Ruth Berghaus mit den altbekannten Geschichten alles anstellte. Legendär auch «Europeras» von John Cage 1991, «Lucia di Lammermoor» mit Edita Gruberova oder Daniel Schmids Inszenierung von Rossinis «Guglielmo Tell». Und Groszer holte junge Sänger wie Ramon Vargas, Cecilia Bartoli oder Vesselina Kasarova ans Haus, die alsbald zu Weltstars wurden. Die Bulgarin entdeckte Groszer 1989 bei einem Vorsingen in Stara Zagora höchstpersönlich und nahm sie sogleich unter Vertrag.

Sponsoring, was ist das?

«Lebt er noch?», fragte Kasarova bei einem Gespräch kurz nach unserem Apulien-Besuch. «Sehr vergnügt sogar. Er wohnt mit Tochter Caroline und Enkel Oliver auf der Masseria Alchimia, einem wunderschönen apulischen Landgut, wo man prächtig Ferien machen kann», war die Antwort. Am 17. August ist er dort gestorben.

Wer dort im Süden Baris mit ihm plauderte, hörte viel von einer Opernwelt von gestern. Er sagt famose, heute unglaubliche Sätze wie: «Damals, als das Geld noch nicht die entscheidende Rolle spielte.» Oder noch besser: «Sponsoring war mir ein unbekannter Begriff.» 12 Millionen Franken erbettelte sein Nachfolger zu den besten Zeiten jährlich. Groszer hatte seinen Etat und damit arbeitete er. Fast. «Ich habe mit einigen Mitgliedern des Rotary-Clubs unverbindliche Gespräche geführt. Ich trug einen dunklen Anzug, brachte Prospekte mit, kam aufs Thema und ging dann mit 10 000 Franken nach Hause. Pereira würde für einen solchen Betrag sagen: ‹Ich lade Sie zum Kaffee ein.›»

Damals gab es vom Verwaltungsrat kaum Druck. Darauf hingewiesen, dass Sponsoring eine wichtige Etaterhöhung bewirken könne, wurde aber durchaus. Denn wenn damals der Ausstattungsetat erschöpft war und ein prominenter Bühnenbildner ans Haus kommen sollte, sagte der Verwaltungsdirektor: «Es ist keine Reserve da.» Das setzt den Vorhaben Grenzen. Stimmweltwunder wie Edita Gruberova hatte Groszer trotzdem unter Vertrag.

Pereira erkannte sofort, dass seine Idee von der grossen Oper nur mit Sponsoring funktionieren würde. Das Opernkarussell drehte immer schneller. «Der Verwaltungsdirektor, den ich damals aus der Tonhalle geholt hatte, warf irgendwann das Handtuch und sagte: ‹Unter diesen Umständen kann ich hier nicht arbeiten: Wenn irgendwann der Geldfluss stoppt, kracht alles zusammen›», erinnert sich Groszer. «Andreas Homoki, Pereiras Nachfolger, muss etwas ändern. Unglaublich, was die Techniker in den letzten Jahren gearbeitet haben. Zu meiner Zeit hätten die Gewerkschaften mit Streik gedroht. Ich hätte das nie riskiert.»

Erst Katastrophe, nun Anekdote

Trotz Kritik fügt er durchaus bewundernd an, dass dieses Geschäft ohne den Rigorismus, den Pereira auszeichne, nicht laufe. «Dieses System ist nicht vereinbar mit humanitären Ansprüchen. Theater ist Ausdruck des persönlichen Willens eines Leiters: Ich bin der Chef, und du singst. Es gibt keine demokratischen Wege.»

Pereiras Ära lässt jene von Groszer klein erscheinen. Doch alles ist relativ. 1992 schrieb Pereira im Opernhausmagazin, dass Zürich 1990 unter Groszer mit 79 Prozent eine unter dem internationalen Durchschnitt stehende Auslastung gehabt hätte. 2010 lag sie bei Pereira bei 77 Prozent. Wie sagte doch Groszer: «Alle Katastrophen an einem Theater werden nach einigen Jahren zu Anekdoten, um Platz für neue Katastrophen zu machen.»