Pop
Chris de Burgh: «Innovation interessiert mich nicht»

Chris de Burgh steckte mitten in den Vorbereitungen für das erste Konzert seiner Welttournee im Congress Center Hannover. Für uns machte die sanftmütige Pop-Legende Pause und erzählte von Schallplatten, einsamen Sonntagen und nervigen Casting-Bands.

Julia Bänninger
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«Ich bin neugierig auf die Zukunft»: Der irische Weltstar Chris de Burgh steht seit fast 40 Jahren auf der Bühne.

«Ich bin neugierig auf die Zukunft»: Der irische Weltstar Chris de Burgh steht seit fast 40 Jahren auf der Bühne.

KEYSTONE

Chris de Burgh, Sie spielen bald in Zürich. Welche Songs werden wir beim Konzert hören?

Chris de Burgh: Wir präsentieren ein breites Spektrum an Songs, neue wie auch ältere. Das Problem ist die enorme Auswahl – es ist jedes Mal ein Albtraum, die richtigen Lieder für eine Tour zusammenzustellen. Ich bin der Meinung, dass die Leute ein Konzert besuchen, um unterhalten zu werden und ihre Lieblingssongs zu hören. Aber ich kann es nicht immer jedem recht machen. Auf jeden Fall sind alte Hits wie «Lady in Red» oder «High on Emotion» dabei, aber ich spiele auch einige Songs vom neuen Album.

Was ist wichtig für Sie, wenn Sie Musik schreiben?

Unermüdlicher Musiker

Der Irländer Chris de Burgh (*1948) begann seine Musiker-Karriere in den 70er-Jahren mit der Veröffentlichung seines Debüt-Albums «Far Beyond These Castle Walls». Seither ging es nur noch bergauf: Mit «High on Emotion» und «Lady in Red» wurde der Singer-Songwriter weltberühmt und bringt nun seit fast vier Jahrzehnten seine romantisch-rockigen Songs auf die Bühne. Er wird nicht müde: Sein bereits 20. Album, «The Hands of Man», präsentiert de Burgh nun auf einer Welttournee.

Auf dem Album sind auch autobiografische Songs: In «Big City Sundays» erzählen Sie von Ihren Anfangsjahren als Musiker.

Als ich die Uni in Dublin verliess und nach London ging, hatte ich kein Geld und schlief bei gutmütigen Freunden auf dem Sofa. Ich lebte überall in der Stadt. Und die Sonntage schienen immer die härtesten Tage der Woche: Das ist der Tag, wo man von zu Hause träumt, vom Brunch mit der Familie. Alle, die ich kannte, waren aus der Stadt, es schien immer zu regnen, man ging nach draussen und sah alte Zeitungen, die vom Wind über die leeren Strassen geblasen wurden ...

Das klingt fast wie eine Film-Szene.

Stimmt! Ich stelle mir die Dinge stark visuell vor, das war schon immer so. Wenn ich Musik mache, läuft in meinem Kopf stets ein Film, eine Geschichte ab.

Welcher Song liegt Ihnen besonders am Herzen?

Mein Lieblingskind? Es gibt einige Songs, die mir persönlich mehr bedeuten als andere. Zum Beispiel «Where would I be», eine Ballade. Erstaunlicherweise kreierte ich das Lied in nur 10 Minuten! Für mich ist es ein richtig gut konstruierter Song, der einen wunderbaren Zyklus beschreibt: die erste Liebe, das gemeinsame Leben, die Kinder, die nun alle ausgeflogen sind.

Ihre eigene Situation ... ?

Natürlich. Meine Songs sind aus meiner Perspektive geschrieben, von meinem heutigen Blickwinkel aus. Meiner Meinung nach ist es ein grosser Fehler, wenn Künstler vorgeben, sie seien immer noch 22 Jahre alt, wenn sie das nicht mehr sind.

Ihr neues Album hat zwei Seiten: Sunrise und Sunset. Weshalb?

Ich wollte zurück zu den guten alten Zeiten der Schallplatten. Wenn wir früher eine Vinyl-Platte aufnahmen, mussten wir darauf achten, jede Seite nicht länger als 22 Minuten zu bespielen, sonst ging Qualität verloren, weil die Rillen feiner wurden. Als Erinnerung daran habe ich beim neuen Album zwei dynamische 22 Minuten zusammengestellt, ich wollte dieses Gefühl zurück auf die CD bringen. Mir war wichtig, dass jeder Song auf dem Album seinen richtigen Platz hat, dass das Album ein Gesamtwerk wird.

Obwohl sich heute immer weniger Leute ein ganzes Album kaufen . . .

Ich war schockiert, als ich von einer Umfrage aus Amerika hörte: Die meisten der gekauften CDs waren im Durchschnitt 1,7-mal angehört worden! Die meisten Käufer kamen nicht bis über die ersten paar Titel hinaus. Deshalb begannen Musiker, ihre Alben aus vier fantastischen ersten Songs und nachfolgendem Restmüll zusammenzustellen. Ich kann und will das nicht – bei mir soll jeder Song etwas bedeuten.

Aber dann könnten die Songs ja auch für sich allein stehen?

Es geht auch um den physischen Besitz: Wer ein Album kauft, will ein Stück von diesem Künstler haben. Nur einen Song zu kaufen, ist unbefriedigend. Ich bin sicher, viele Menschen machen das so, aber für einen Musiker ist das auch eine Art Beleidigung. Man arbeitet hart, um ein dynamisches Album zusammenzustellen, und dann werden einzelne Songs herausgepickt.

Waren die «guten alten Zeiten» in musikalischer Hinsicht besser?

Auch wenn ich gewisse Entwicklungen bedaure, will ich nicht eine Person der älteren Generation sein, die sagt: «Früher war alles besser». Ich vergesse nie den Augenblick, als ich zum ersten Mal eine CD hörte – ein identischer Spiegel dessen, was wir in unserem Aufnahmestudio spielten. Ich dachte: «Das ist fantastisch!» Veränderungen sind wichtig, es braucht sie. Und mir scheint, dass es auch eine Dynamik gibt, eine Art Kreis.

Was meinen Sie damit?

Plötzlich werden Schallplatten wieder aktuell. Die Leute sagen, Vinyl habe eine gewisse Wärme. Wenn während unserer Aufnahmen ein Hund draussen bellt, versuchen wir, ihn nachträglich zu entfernen – so ist es perfekt. Aber das menschliche Ohr mag keine Perfektion. Viele dieser neuen Bands aus Castingshows nehmen perfekte und glatte Songs auf, obwohl sie keinen Ton gerade singen können. Und auf der Tour bewegen sie die Lippen zur Musik im Hintergrund. Da sehe ich keine Schönheit.

Sie haben über 280 Songs geschrieben und sind schon 40 Jahre unterwegs. Werden Sie manchmal müde?

Ich liebe das, was ich mache. Und ich würde meine Frau wahrscheinlich verrückt machen, wenn ich nur zu Hause rumsitzen würde. Meine Stimme ist in Form, ich freue mich auf die Tour. Sie soll aber kein Vermächtnis sein, ich will nicht als Legende auftreten und nur die alten Hits performen. Ich war stets ein Mensch, der den Berg hinauf- und nicht hinunterschaut.

Sie geben auch ein Konzert in Moskau. Könnte es einen politischen Grund für Sie geben, nicht dort zu spielen?

Nein, denn ich habe Fans in Russland, denen ich diesen Auftritt schuldig bin. Was auf politischer Ebene läuft, hat nichts mit Business zu tun – die Geschäfte laufen immer weiter. Das trifft auch auf Konzerte zu.

Freuen Sie sich auf die Schweiz?

Ich habe eine wundervolle Erinnerung an meinen ersten Trip nach Lausanne. Ich ass zu Mittag in einem Restaurant nahe dem See. Und ich erinnere mich, dass wir wahnsinnig guten Wein tranken. Ihr habt sehr guten Wein, besonders den Roten. Die Schweizer scheinen ihren Wein nicht sehr zu mögen, aber ich finde ihn fantastisch.

Haben Sie Lampenfieber für die bevorstehende Show?

Nein, Lampenfieber habe ich eigentlich nie. Ausser bei schönen Frauen. (lacht)

Do 21. und Fr 22. Mai, Kongresshaus Zürich, jeweils 20 Uhr.

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