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Chili-Peppers-Bassist Flea: «Ich bleibe dabei: Rock’n’Roll ist tot»

Bassist Flea ist eine Kultfigur seiner Musikergeneration.

Bassist Flea ist eine Kultfigur seiner Musikergeneration.

Der Bassist Flea von den Red Hot Chili Peppers über den Wahlkampf, Orlando, seine Ex und das neue Album.

Das Hotel «The Four Seasons George V», in einer Seitenstrasse der Champs-Élysées gelegen, ist selbst für abgebrühte Luxuskenner ein Spektakel. Das Gold funkelt, der Marmor glänzt, und die Mitarbeiter sind wirklich sensationell freundlich. Mitten in dieser Hoteloase sitzen die Red Hot Chili Peppers – Sänger Anthony Kiedis, Bassist Flea, Schlagzeuger Chad Smith und Gitarrist Josh Klinghoffer – um Interviews zum neuen, elften, Studioalbum «The Getaway» zu geben. Wir sprechen mit dem kleinen, knorrigen Flea (53, bürgerlich Michael Balzary), der gleich zu Beginn Überraschendes mitzuteilen hat.

Flea, geht es Ihnen gut?

Flea: Ehrlich gesagt: nein. Meine Freundin und ich, wir haben uns getrennt am Wochenende, jetzt bin ich ganz schön traurig. Aber ich versuche, tapfer zu sein.

Nur gestritten oder richtig Schluss?

Richtig Schluss. Ja, Scheisse. Vor zwei Tagen ist das passiert, ist noch total frisch.

Nun stürzen Sie sich in die Arbeit in einem der nobelsten Hotels der Welt?

Es muss weitergehen. Echt eine verdammt beeindruckende Bude. Die machen einen supertollen Avocado-Smoothie.

Die Chili Peppers haben in zehn Tagen fünf Festivals gespielt. Darunter am Greenfield in Interlaken. Wie locker steckt ihr das weg?

Das ist ein Arsch voll Arbeit. Das sind Menschen, die mir etwas bedeuten. Es gibt Zeiten, da ist es wirklich brutal hart, diese Power aufzubringen. Es gibt Abende, an denen bin ich einfach hundemüde und möchte am liebsten ins Bett.

Red Hot Chili Peppers Carpool Karaoke

Red Hot Chili Peppers Carpool Karaoke

«The Getaway» klingt recht sanft.

Ich selbst kann es noch extrem schlecht einschätzen, was wir da eigentlich genau gemacht haben. Ich weiss nur, dass wir etwas Schönes geschaffen haben. Wie das Album bei den Leuten ankommen wird, kann ich überhaupt nicht beurteilen.

Der Verkaufserfolg ist Ihnen egal?

Ich will, dass diese Platte ein verfluchter, gigantischer Erfolg wird! Wie fantastisch wäre es, als Band noch einmal ein kulturelles Phänomen zu sein. Den Zeitgeist abzubilden. Doch ich glaube nicht daran.

Unwahrscheinlich, dass die Band auf ihre alten Tage noch einmal der neue, heisse Scheiss wird?

Ja, äusserst unwahrscheinlich sogar. Wir sollten besser nicht darauf warten. Ich rechne auch nicht damit.

Ist es möglich, dass Musiker in ihren 50ern noch einmal total hip werden?

Wir sind in einem ungünstigen Alter. Wenn wir noch 20 Jahre durchhalten, finden uns bestimmt alle wieder supercool. Bei uns war die heisseste Phase mit «Blood Sugar Sex Magik» 1991. Als die Peppers so gross wurden, ging es nicht nur um die Musik. Wir hatten unseren eigenen Sound kreiert, aber es ging weit darüber hinaus: die Tattoos, die Socken über unseren Penissen, und, und, und. Die Red Hot Chili Peppers waren eine Erscheinung. Und dann hat sich diese Aufregung gelegt, und wir haben Alben gemacht, ohne eine kulturelle Sensation zu sein. Es ging dann einzig noch um die Musik.

Warum habt ihr Brian «Danger Mouse» Burton als Produzenten des neuen Albums verpflichtet?

Vor allem, weil wir es uns mit Rick Rubin ziemlich gemütlich gemacht hatten. Zu gemütlich. Wir wollten einen neuen Weg finden, unsere Songs umzusetzen, und dazu war ein anderer Produzent notwendig.

Wusstet ihr, was auf euch zukommt?

Nein, und ich hatte mir Sorgen gemacht. Ich glaubte anfangs, dass wir ohne Rick die Magie der Chili Peppers einbüssen. Aber das habe ich den anderen nicht gesagt. Gleich am allerersten Tag mit Brian wusste ich, dass es super wird.

Sie haben sich vor anderthalb Jahren den Arm gebrochen, was die Albumaufnahmen monatelang gestoppt hat.

Ja, hier, gucken Sie mal. Dieser Knubbel am Ellbogen ist eine Schraube. Der Knochen guckte richtig raus, und sie mussten viel Metall in meinen Arm einbauen. Sah verdammt übel aus. Aber jetzt ist alles wieder in Ordnung.

Wie ist das passiert?

Ich bin blöd gefallen beim Snowboarden in Montana. Ich erinnere mich nur noch daran, wie ich im Krankenwagen lag, stöhnte und halb weggetreten war.

Red Hot Chili Peppers - Dark Necessities

Red Hot Chili Peppers - Dark Necessities

Seid ihr eigentlich immer noch dicke Freunde?

Oh ja. Die ganze Band, wir alle vier, gehen sehr vertraut und liebevoll miteinander um. Gerade in diesen Tagen nach der Trennung von meiner Freundin habe ich einige Male mit Anthony geredet. Das tat unheimlich gut, und ich bin ihm wirklich dankbar, dass er mir zugehört hat. Wir sprechen über alles. Ich weiss, das ist bei Männerfreundschaften eher die Ausnahme. Aber so waren wir immer. Anthony weiss, was in meinem Leben los ist, und ich weiss, was in seinem Leben los ist.

Elton John spielt auf «Sick Love». Wie kam es dazu?

Uns hat «Sick Love» an Eltons Song «Bennie and the Jets» erinnert. Also fragten wir ihn, ob er nicht das Pianospiel auf der Nummer übernehmen will. Elton kam vorbei und spielte, ein wirklich supernetter Mann.

Sie haben gesagt, dass Rockmusik tot sei und dafür heftige Reaktionen bekommen. Hatten Sie damit gerechnet?

Nein. Ist mir auch komplett egal, was andere zu dem Thema denken. Es ist nun einmal so, dass Rockmusik eine ziemlich altgewordene Kunstform ist. Die herausragende Rockmusik passierte zwischen den Fünfziger- und den Achtzigerjahren, vielleicht noch ein wenig in den frühen Neunzigern. Aber seit Grunge ist Schluss. Seitdem ist alles retro. Ich finde, Musik, die in der heutigen Zeit neu und spannend klingt, kommt nicht aus dem Rock ’n’ Roll.

Sondern?

Am ehesten noch aus der elektronischen Ecke und dem Hip-Hop.

Also könnt ihr machen, was ihr wollt, besonders modern wird es nicht sein.

Richtig. Wir haben uns auf «The Getaway» sachte verändert, aber wir werfen jetzt auch nicht alles über Bord, um wieder modern zu werden. Das Schöne ist ja, dass wir in all den Jahren mit dieser Band noch in die wechselnden Trends hineingepasst haben. Aber der Punkt ist, ich wüsste nicht, wann ich zuletzt eine spannende neue Rockband gehört hätte. Also, egal, was die Leute von mir halten, ich bleibe dabei: Rock ’n’ Roll ist tot.

Sie haben sich immer vehement gegen die Waffenkultur in den USA ausgesprochen. Was empfinden Sie angesichts des Massakers von Orlando mit 50 Toten Nachtclubbesuchern?

Ich fürchte mich definitiv mehr vor der National Rifle Association (NRA) als vor den islamistischen Terroristen, bei dieser Meinung bleibe ich. Dieser Angriff ist einfach zu traurig, um ihn verstehen zu können. Jemand, der so eine Tat begeht, ist so wahnsinnig und so weit entfernt von grundlegendsten Werten wie der Liebe und des Respekts für das Leben anderer Menschen. Egal welche Rasse, welche Religion, welche Sexualität, welches Geschlecht, wir sind alle gleich. Das weiss doch auch jeder normale Mensch. Wer das nicht versteht oder diese Haltung nicht teilt, der ist krank. Ich bin einfach tieftraurig, geschockt und angewidert von so viel unerklärlichem Hass.

Ihr habt Bernie Sanders unterstützt. Werdet ihr jetzt umschwenken ins Lager von Hillary Clinton?

Ich weiss nicht recht. Wir sind noch dabei, eine einheitliche Band-Meinung zu finden. Klar ist, dass ich lieber Hillary als Trump in diesem Amt sehe. Aber Hillary ist «politics as usual», sie hat für den Irak-Krieg gestimmt, und ich hasse Krieg. Deshalb bin ich auch enttäuscht von Obama, dem Präsidenten der Drohnenkriege.

Clinton gilt immerhin als erfahren.

Natürlich ist Hillary erfahren, auch erfahren darin, Kriege mit zu verursachen.

Verlassen Sie das Land, wenn Donald Trump Präsident wird?

Ach, wo soll ich denn hin?

Können Sie sich ein Leben ohne die Red Hot Chili Peppers vorstellen?

Im Moment würde mir das schwerfallen. Doch werden wir eines Tages merken, dass wir zu alt sind und dass wir die nötige Leidenschaft und Intensität für die Bühne nicht mehr aufbringen können. Vielleicht. Ich weiss es nicht.

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