Sinfonieorchester Basel
Chefdirigent legt ein stürmisch bewegtes Finale hin

Jeder Ton eine Hingabe, jedes leise Solo ein Gesang, jedes laute Tutti ein Schlachtruf: Chefdirigent Dennis Russell Davies verabschiedet sich mit einer Sternstunde vom Basler Sinfonieorchester.

Jenny Berg
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Zum Abschied ein Dankes-Banner für Dennis Russell Davies .

Zum Abschied ein Dankes-Banner für Dennis Russell Davies .

Da steht er nun zum letzten Mal, ganz vorne, ganz allein und mittendrin: Dennis Russell Davies, Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel (SOB) von 2010 bis 2016. Mit dem baldigen Saisonende endet auch die Basler Zeit des US-Amerikaners, und das Abschiedskonzert seiner sieben ergiebigen Basler Jahre hätte kaum gigantischer ausfallen können: eine Uraufführung, eine Rarität und eine der wuchtigsten, längsten und schönsten Sinfonien der Musikgeschichte.

Ein Klangbad hat Davies noch einmal genommen und mit ihm das Publikum im fast ausverkauften, heissen – fühlbar renovationsbedürftigen – Musiksaal im Stadtcasino Basel. Leise und filigran fängt es an, dieses vorletzte – weil doppelt geführte – Konzert, mit kurzen, überraschenden Ausbrüchen und dem zarten Zirpen der Grillen in einer warmen Sommernacht. «Die Zikaden» heisst die Suite von Hans Werner Henze, die erst kürzlich den Weg in die Paul-Sacher-Stiftung – und von dort auf die Notenpulte des Sinfonieorchesters Basel – gefunden hat.

Henze schrieb die Orchesterstücke einst für ein Hörspiel seiner Freundin und Seelenverwandten Ingeborg Bachmann und arbeitete die kurzen, einminütigen Zwischenstücke später zu einer Orchestersuite um. Dass sie nun in dieser Fassung in Basel uraufgeführt werden, just zu Davies’ Abschied, der mit Henze freundschaftlich verbunden war, ist ein Glücksfall – und auch der guten Vernetzung der Basler Musikinstitutionen zu verdanken.

Einen guten alten Studienfreund wollte Dennis Russell Davies schliesslich noch nach Basel holen: den Pianisten Emanuel Ax. Der einstige Preisträger des allerersten Arthur-Rubinstein-Wettbewerbs spielt leicht und flüssig die «Variations symphoniques» für Klavier und Orchester von César Franck, ein kurzes, etwas konturloses Stück, wie gemacht zum Auffüllen der Zeit vor dem gewichtigen Hauptwerk: der fünften Sinfonie von Gustav Mahler.

Fünf Viertelstunden lang dauert dieses spätromantische Riesenwerk — und jeder Augenblick ist von Davies geführt, jeder Klang hat ein Ziel, jeder Ton emotionalen Gehalt. Hundert Musiker stehen und sitzen hier auf der Bühne. Auch deshalb hat Davies dieses Werk aufs Programm gesetzt: Damit er noch einmal mit (fast) allen Musikerinnen und Musikern des SOB gemeinsam musizieren kann.

Standing Ovations

Und ja: Das Orchester gibt alles, wächst über sich hinaus. Jeder Ton eine Hingabe, jedes leise Solo ein Gesang, jedes laute Tutti ein Schlachtruf. Scharf und präzis dirigiert Davies, mit seinen typischen, abgezirkelten Taktschlägen; scharf und präzis antwortet das Orchester. Zum Schwelgen sind die Basler Musiker nicht unbedingt gemacht, fast scheinen sie die ganz grossen Emotionen zu scheuen. Doch vielleicht ist es genau diese professionelle Sachlichkeit, die das berühmte Adagietto in dieser Mahler-Sinfonie nicht ins Kitschige kippen lässt – sondern ihm eine ganz besondere, entrückte Schönheit gibt.

Nach dem fulminanten Schlussakkord verbeugt sich Davies lange vor dem Orchester, das er klanglich geformt und mit Selbstbewusstsein gefüllt hat. Mit Schwung rauscht ein Stoffplakat von der Decke herab: «Thank you, Dennis» steht darauf – als bedürfe es dieser Worte noch. Das Publikum gibt schon lange Standing Ovations, die Musiker haben lachende und weinende Augen. Es ist ein denkwürdiges Konzert gewesen – genauso muss es sein, wenn man im Guten auseinandergeht.

Radio SRF 2 Kultur überträgt das Konzert am 17. Juli um 22 Uhr.