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Céline Dion pathetisch? Mais oui!

Mit einem sympathischen Auftritt in Bern sang und redete sich Céline Dion in die Herzen ihrer Fans.

Stefanie Christ
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Céline Dion ist immer dann am stärksten, wenn sie singt, was ihre Fans am meisten lieben: Powerballaden.Anthony Anex/Keystone

Céline Dion ist immer dann am stärksten, wenn sie singt, was ihre Fans am meisten lieben: Powerballaden.Anthony Anex/Keystone

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Céline Dion kann es gar nicht erwarten, im Berner Stade de Suisse aufzutreten. Vier Minuten vor offiziellem Konzertbeginn ihrer «Live 2017»-Tour steht die 49-jährige Kanadierin bereits auf der Bühne. In schwarzen Hosen und einem silbernen Glitzerblazer, völlig unaufgeregt, ganz ohne Bühnenshow-Schnickschnack. Da weiss eine: Wer zu den erfolgreichsten Sängerinnen aller Zeiten gehört, vermag die Fans schon mit dem blossen Erscheinen zu begeistern.

Natürlich ist es zuträglich, wenn man noch über eine Portion Showtalent verfügt, und das wurde Dion schon in die Wiege gelegt: «Ich bin eines von 14 Kindern, da kam ich nie viel zu Wort. Darum rede ich heute so gern und viel», erklärt sie auf Französisch, während die untergehende Abendsonne über dem Stadion mit den kitschig-schönen Balladen konkurriert.

24 000 singende Fans

Dann hört sie auf zu reden, stimmt den ersten Song an und haut den Zuschauerinnen und Zuschauern die Töne so kraftvoll und laut um die Ohren, dass die Geister vergangener Stade-de-Suisse-Rockkonzerte geduckt von dannen ziehen. «I’m Alive», «It’s All Coming Back to Me Now», «All By Myself» – Dion reiht Hit an Hit, die 24 000 Fans singen mit, klatschen, schunkeln und erheben sich immer wieder von ihren Sitzen.

Und sie verstummen, wenn ihr Idol erneut dem zuweilen ausufernden Rededrang nachgibt. Dann herrscht im Stadion beinah eine sakrale Atmosphäre. Die «Priesterin» Dion spricht über Ängste und Schwächen, über Hoffnung und die Kraft der Liebe. Das erklärt den stolzen Ticketpreis: In den 250 Franken ist etwas Life-Coaching inbegriffen. Wie eine Hohepriesterin sieht Dion aus, als sie sich nach einem Kostümwechsel und einer kurzen erotischen Tanzeinlage im Ganzkörperstrumpf einen opulenten Umhang über die Schultern legt. Da braucht es nur noch «Pour que tu m’aimes encore» und Tausende Feuerzeuge werden gezückt (keine Smartphones: Dion-Fans sind eben noch alte Schule!).

Hühnerhaut-Momente

Es ist ein Hühnerhaut-Moment unter vielen. Pathetisch? Mais oui! Aber trotzdem wirkt vieles überraschend authentisch. Vor allem Dion, die an diesem Abend keine millionenschwere Unternehmerin ist, sondern in erster Linie eine gut gelaunte, sympathische Frau, die den Technikern dankt, die Geschenke einsammelt, die Fans in den Bühnengraben werfen, die sich für die verstärkten Sicherheitsmassnahmen beim Einlass entschuldigt – und am Ende sogar durch die Menge schreitet. Und die, wenn sie über ihren verstorbenen Mann und Manager René Angélil spricht, in Tränen ausbricht.

Bei über 20 dargebotenen Songs vermag Dion zwar die Stimme, nicht aber die Stimmung konstant zu halten. Beim Neunzigertitel «Refuse to Dance» holt sich der eine oder andere ein Bier (ja, das fliesst auch am Dion-Konzert). Covers, etwa Michael Jacksons «Black or White» inklusive Schritt in den Griff, wirken wie Fremdkörper.

Dion ist immer dann am stärksten, wenn sie singt, was ihre Fans am meisten lieben: Powerballaden. Vor allem eine. Genau, «My Heart Will Go On». Der Welthit aus dem Film «Titanic» verfehlt seine Wirkung auch 20 Jahre nach seiner Entstehung nicht. Alle stehen. Alle singen. Alle stehen vor dem inneren Auge am Bug eines Kreuzfahrtschiffs und rufen: «Ich bin der König der Welt!» Sie sind es nicht. Aber Dion ist unbestritten die Königin dieser Nacht.

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