Rockmusik

Carlos Santana: «Eine Menge der aktuellen Pop-Musik ist unnötig»

Carlos Santana - Black Magic Woman (Live at Montreux 2011)

Carlos Santana - Black Magic Woman (Live at Montreux 2011)

Gitarrengott Carlos Santana spricht im Montagsinterview über seine Liebe zur Schweiz, Barack Obama, Roger Federer, die Macht der Musik und ein mögliches Duett mit Lady Gaga.

Rockstars sind nicht bekannt für ihre Pünktlichkeit. Gerade bei Telefon-Interviews sind Verschiebungen, Verzögerungen oder gar Absagen an der Tagesordnung. Carlos Santana ist die grosse Ausnahme. Um 13.10 Uhr ist mein Interview terminiert, um 13.10 Uhr erreiche ich den Gitarrengott in seinem Hotelzimmer in Amsterdam.

Hello Mr Santana. Sie spielten schon unzählige Male in der Schweiz. Sie müssen eine spezielle Beziehung zu diesem Land haben.

Carlos Santana: Absolut. Die Schweiz ist sehr schön. Viele Leute sehen nur Schokolade und Uhren. Sie sehen nicht, dass die Leute vor allem dem Frieden verpflichtet sind. Auf der ganzen Welt gibt es Länder und Menschen, die ein Geschäft aus der Angst und mit Krieg machen. Mit ihrer Neutralität investiert die Schweiz dagegen in den Frieden und das friedliche Zusammenleben in der Welt. Das gefällt mir.

Welche Region gefällt Ihnen am besten?

Ich spielte viel Male am Jazzfestival in Montreux. Dort ist alles so locker und frei. Das erste Mal war ich 1970 in Montreux, wo ich den verstorbenen Festivalgründer Claude Nobs kennenlernte. Wir wurden Freunde und Montreux meine zweite Heimat. Claude war mein geliebter Bruder und ich vermisse ihn sehr. Ich werde ihm unsere Musik widmen.

Was war für Sie der Höhepunkt in Montreux?

Das Reunion-Konzert 2011 mit dem Jazz-Gitarristen John McLaughlin ist mir in bester Erinnerung geblieben. Mein persönlicher Höhepunkt war aber 2006, als wir brasilianische und afrikanische Musiker einluden und an drei Abenden hintereinander spielten. Es war wie ein Festival im Festival. Wir nannten es «Dance tot he Beat of my Drum» und zum Finale gab es eine grosse Musikparade durch die Stadt.

Kennen Sie Claude Nobs Nachfolger Mathieu Jaton?

Nein, leider noch nicht, aber würde gern enger mit ihm und den Freunden von Montreux zusammen arbeiten. Wir brauchen mehr Musiklabors wie jenes in Montreux, wo es Zeit und Raum gibt für Experimente. Ich habe viele Idee für spannende Projekte.

Jetzt spielen Sie auch noch in Locarno am Festival Moon & Stars.

Ja, ich spielte dort schon 2008 und 2011. Locarno ist auch ein schöner Fleck. Ich freue mich sehr darauf.

Was können wir erwarten?

Viele neue Musik von meinem neuen Album «Corazon». Wie Bob Marley und Michael Jackson liefert Santana Energie und ein Sound der kollektiven Gemeinschaftlichkeit. «We Are One – wir sind eins» - war die Botschaft des Sommers der Liebe 1967. Einheit ist möglich und Musik kann der Klebstoff sein. Wir spielen für alle Menschen, alle Nationen, alle Rassen.

Könnten Sie sich vorstellen in der Schweiz zu leben?

Auf jeden Fall. Neben San Francisco und Las Vegas, wo ich heute wohne, könnte ich mir nur noch zwei Orte vorstellen, wo ich gerne leben möchte: Hawaii und Montreux.

Sie sagten einmal, dass Sie Stefi Graf lieben würden. Was halten Sie von Roger Federer?

Oh, er ist absolut unglaublich. Ich bin ein Tennis-Fan und schaue alle Matches in Wimbledon. Ich glaube, dass Federer das Turnier noch einmal gewinnen kann. Der Grasbelag kommt ihm und seinen Fähigkeiten am besten entgegen. Er darf nicht überlegen. Wer zu viel denkt, macht Fehler und verliert. Vertraue einfach deinem Herzen und deinen Fähigkeiten. Genauso ist es auch in der Musik.

Vor zwei Jahren trafen Sie Präsident Barack Obama. Wie war es?

Er hat das Herz am richtigen Fleck. Aber ich fürchte, er hat nicht die Kraft, um seine Herzensangelegenheiten umzusetzen. Es ist wie bei Papst Franziskus. Trotz ihrer Machtfülle können sie doch nur wenig bewegen. Schlussendlich sind sie nur Figuren im grossen Machtspiel. Sie sind sehr mächtig, aber doch nur ein Rad im grossen Ganzen. Aber immerhin: Im Vergleich zu George W. Bush ist Obama ein grosser Fortschritt.

In den 60er-Jahren glaubten Sie daran, dass man die Welt mit Musik verändern kann. Glauben Sie immer noch daran?

100 Prozent, weil Musik mehr Kraft und Macht hat als Gewehrkugeln. Sie dringt tief in deine Seele ein und erinnert dich daran, dass du wichtig und sinnvoll bist. Musik ist nicht wie eine Religion, die dich verurteilen und verdammen kann. Sie befreit dich von falschem Denken.

2015 ist ein trauriges Jahr. B.B. King und Ornette Coleman sind in diesem Jahr gestorben. Haben Sie beide gekannt?

Ja, ich habe sogar mit beiden gespielt. Ornette kam zu mir nach Hause und wollte mit mir musizieren. Es war eine private Session. Er brachte mir bei, freier zu sein. Mit B.B. King bin ich mehrere Male auf einer Bühne gestanden. Alle Gitarristen haben etwas von B.B. King. Ich habe ihn 1967 zum ersten Mal getroffen. Er kam nach einem Konzert im Fillmore in San Francisco zu mir und sagte, dass ich einen grossartigen Ton hätte.

Das stimmt natürlich. Und es ist wie bei B.B. King. Ein Ton genügt und man weiss, dass er von Carlos Santana ist. Können Sie mir verraten, wie Sie diesen Ton kreieren?

Nein. Ich schliesse einfach meine Augen und folge meinem Herzen. Jeder Gitarrist hat seine eigenen Beitöne und Obertöne. Das ist der Ursprung deiner Persönlichkeit als Gitarrist. Diese Töne haben eine Aura, die man wecken muss. Dazu muss man seinem Herzen folgen und vertrauen.

Wie hat Sie der Jazz-Saxofonist John Coltrane beeinflusst?

Geistig und musikalisch. Er starb schon 1967. In jenem Jahr, in dem ich meine Karriere startete. Leider habe ich nie mit ihm spielen können. Er war der Einstein der Musik und sollte ins Guiness Book der Rekorde aufgenommen werden. Als derjenige Improvisator, der die längsten und intensivsten Soli spielte. Er beeinflusste mich am stärksten über die Art, wie er Balladen interpretierte.

In den späten 60er-Jahren, als Rock gross wurde, hatte der Jazz und die Improvisation einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der Rockmusik. Heute ist dieser Einfluss fast verschwunden. Weshalb?

Die Leute sind geistig faul und wollen sich nicht mit echter Musik befassen. Zu anstrengend. Sie wollen sich nur noch berieseln und unterhalten lassen. Eine Menge der aktuellen Pop-Musik ist heute unnötig und nur noch wenige Musiker wie Alicia Keys oder Mos Def haben ein Anspruchsbewusstsein entwickelt.

Aber auf «Corazon» haben Sie mit einer Reihe aktueller Popstars wie Miguel, Juanes und Pitbull gearbeitet. Planen Sie weitere Duette?

Geplant ist im Moment ein Duett mit Ronald Isley, dem 74-jährigen Sänger der Isley Brothers, oder Musikern vom Kaliber eines Herbie Hancock, John McLaughlin oder Wayne Shorter.

Lady Gaga singt in Montreux mit Tony Bennett. Haben Sie die beiden schon gesehen?

Nein, sie würde ich gerne sehen. Ich mag beide sehr.

Wie wärs mit einer Zusammenarbeit mit Lady Gaga?

Das wäre natürlich fantastisch und ich würde ihre Eltern sehr glücklich machen. Ich habe die beiden kürzlich getroffen und sie haben es mir vorgeschlagen. Das war lustig.

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