Interview

Campino: «In einem Jugendclub bin ich fehl am Platz»

Sänger Campino konnte «lange eine grosse Naivität bewahren».

Sänger Campino konnte «lange eine grosse Naivität bewahren».

Campino (54), Sänger der Toten Hosen, gibt Auskunft über das Älterwerden und den Verlust an Wahnsinn.

Wie ist Ihre Laune?
Campino: Das Gefühl der Verunsicherung, das momentan in ganz Europa herrscht, weil niemand weiss, wie sich alles weiterentwickeln wird, deckt sich auch mit meiner privaten Situation. Ich befinde mich in einer Übergangsphase, gehöre zwar noch nicht zum alten Eisen. In einem Jugendclub fühle ich mich fehl am Platz. Das hat auch Vorteile. Wenn du keiner bestimmten Gruppe angehörst, kannst du das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten.


Geniessen Sie es, als Popmusiker mit 54 noch immer ein grosser Junge sein zu dürfen?
Es ist sicher so, dass wir wegen dem, was wir tun, lange eine grosse Naivität bewahren konnten. Am Ende spielt es jedoch keine Rolle, welchen Beruf du ausübst. Jeder ist selbst dafür verantwortlich, wie er mit seinen Erfahrungen umgeht. Setzt er sich mit ihnen auseinander oder macht er es sich lieber im Fernsehsessel bequem?


Sie machen noch immer Rock. Was bedeutet er Ihnen heute?
Ich bin nach wie vor ein leidenschaftlicher Musikfan. Wenn ich tolle Konzerte besuche, reisst mich das mehr mit als jedes Fussballspiel. Wenn ich selbst auf der Bühne stehe, will ich immer noch besser werden und das Publikum nicht enttäuschen. Vom Körperlichen und der Vernunft her bin ich beim Verausgaben, Klettern und Durchdrehen nicht mehr der Gleiche wie mit Ende zwanzig, doch ich gebe mir Mühe, den Verlust an Wahnsinn mit einem guten Text zu kompensieren! (lacht)


Mit «Unter den Wolken» ist Ihnen schon wieder ein Hit gelungen. Werdet ihr auf die alten Tage eine Hit-Band?
Wer weiss? (lacht) Solche Lieder laufen einem zu. Dafür kannst du nicht viel tun. Wir können kein zweites «Tage wie diese» aus dem Ärmel schütteln, obwohl ich jeden Abend darum bete, dass uns nochmals eine solche Hymne zufallen möge.


Was erlebten Sie mit ihr?
Es ist für uns das Schönste, wenn wir andere Menschen mit unserer Musik berühren können. Dass «Tage wie diese» nun auf Hochzeiten oder Siegesfeiern von Sportlern gespielt wird, empfinden wir als Riesenglück. Wir müssen aber auch damit leben, dass es bei Wahlkampfpartys von allen möglichen Parteien missbraucht wird.


Wie hat sich die aktuelle Single herauskristallisiert?
Es klingt ein wenig anders, ist aber trotzdem Tote Hosen pur und nimmt die gegenwärtige Stimmung ins Visier. Der Titel ist eine Hommage an «Über den Wolken».


Welche Beziehung haben Sie zu Reinhard Mey?
Ich bin schon als kleiner Junge mit seinen Liedern in Berührung gekommen. Er ist ein subtiler Texter. «Über den Wolken» war in den Siebzigerjahren so etwas wie eine alternative Hymne der BRD und wahrscheinlich für viele Leute in der DDR, die von einem Leben ohne Grenzen und Mauern träumten.


Wie entstand das bewegende «Kein Grund zur Traurigkeit»?
Es stammt von «Wölli», unserem ehemaligen Schlagzeuger Wolfgang Rohde, der lange mit Krebs im Krankenhaus lag. Zwischen den depressiven hatte er auch euphorische Phasen. Einmal meinte er: «Wenn ich hier rauskomme, machen wir ein paar Lieder. Ich habe so Lust aufs Texten!» Da habe ich ihm einen Block hingelegt und gesagt: «Wann immer dir was einfällt, schreib es auf. Ich mache dann was draus.» Leider sind diese Notizen nach seinem Tod verloren gegangen. Ich erinnerte mich, dass Wölli ein Soloalbum herausgebracht hatte, auf dem auch das Lied «Kein Grund zur Traurigkeit» war. Wir haben die alten Bänder dann in einem Keller entdeckt, die Musik neu eingespielt, und ich spielte zu seiner Gesangsspur eine zweite Stimme.


Wie sind Sie in Ihrer Jugend zum Punk geworden?
Als Sohn eines Deutschen und einer Engländerin wuchs ich in Düsseldorf auf, voller Sehnsucht nach dem Land, das für mich unerreichbar war, wenn ich nicht gerade meine Oma besuchte. So wurde ich mit Haut und Haaren Fan des FC Liverpool und freute mich, dass die beste Musik der Welt aus London kam. Punk war mir besonders sympathisch, weil er nicht elitär ist.


Wie sind Sie damals vom Fan zum Akteur geworden?
Wir sind damals so oft wie möglich auf die Insel gefahren. Mit einem Britrail-Pass und einem Zelt waren wir dort von Konzert zu Konzert unterwegs und haben Punk wie ein Schwamm aufgesogen. Es gab aber auch zu Hause in Düsseldorf eine pulsierende Musikszene. Kraftwerk, DAF, Mittagspause, die späteren Fehlfarben und die Jungs, die später die Krupps wurden, verkehrten alle in der gleichen Kneipe wie wir. So wurde uns klar, dass wir ebenfalls deutsche Texte machen und nicht einfach den von uns bewunderten Londoner Punkrock kopieren wollten.


Sie haben 11 Wohnzimmer-Gigs gegeben und haben über 10 000 Bewerbungen erhalten. Womit hat Sie die WG aus Thun überzeugt?
Wir bekamen E-Mails, Videos, Hörspiele und selbstgebrannte Schnäpse. Natürlich war auch Stuss dabei. Die Thuner, das waren 16 schräge Punks, die sich und den riesigen Komplex, in dem sie sich immer treffen, gefilmt haben. Das konnte nur gut werden!

Die Toten Hosen Laune der Natur & Learning English Lesson 2. Ab 5. Mai erhältlich. Live: 29. Juni Open Air St. Gallen, 18. August Open Air Gampel.

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