Oper

Bühnenblut war gestern – jetzt wirds richtig beklemmend

Das Rad dreht sich immer weiter Aus Renatas (Ausrine Stundyte) Teufelskreis gibt es kein Entrinnen.

Das Rad dreht sich immer weiter Aus Renatas (Ausrine Stundyte) Teufelskreis gibt es kein Entrinnen.

Skandalregisseur Calixto Bieito inszeniert in Zürich einen grossartigen «Feurigen Engel».

Opernheld sein ist nichts für Warmduscher. Während das Publikum es sich in plüschigen Sesseln gemütlich macht, wird man bei lebendigem Leib eingemauert (Aida), muss sich von einem Gefängnisturm stürzen (Tosca) oder elend an Schwindsucht sterben (La Traviata). Aber kaum eine trifft es so hart wie Renata in Sergej Prokofjews selten aufgeführter Oper «Der feurige Engel».

Die junge Frau wird von Dämonen verfolgt, vom Ehemann verlassen, von der Gemeinschaft verstossen, von einem Heiler vergewaltarztet, von Mephisto und Faust verführt und vom Inquisitor auf dem Scheiterhaufen verbrannt, nachdem dieser sie vergeblich exorziert hat.

Arbeit am Rad

Dabei hatte alles so schön angefangen. Seit Renata acht Jahre alt war, ist ihr täglich ein feuriger Engel erschienen. Das Mädchen und Madiel (so der Name des Engels) sind ein Herz und eine Seele. Bis Renata ihn mit sechzehn bittet, sich körperlich mit ihr zu vereinigen. Der Engel verschwindet erzürnt. Von da an ist die junge Frau wie besessen auf der Suche nach ihm, heiratet Heinrich, in dem sie ihn wiedergefunden glaubt.

Doch nach einem Jahr verlässt auch Heinrich sie aus heiterem Himmel. Vorhang auf für zwei Stunden klingende Beklemmung. Und doch. Einen Lichtblick gibt es in Renatas düsterem Alltag (zumindest in der Zürcher Inszenierung): das Velo. Als ob ihre Gedanken und Gefühle weniger kreisten, wenn es ihre Füsse es auf der Pedale tun.

Der Scheinwerfer von Renatas Rad ist denn auch das Erste, was man von der Inszenierung zu sehen bekommt. Aus dem völligen Dunkel der Szene (Bühne: Rebecca Ringst) leuchtet er einsam auf. Ein fahles Licht, welches Renata entfacht, indem sie die Räder voller Inbrunst von Hand dreht. Das Bild ist flüchtig, wunderschön, todtraurig – und nur eines in der Fülle solcher Bilder, wie sie Calixto Bieito auf die Bühne der Zürcher Oper zaubert.

Denn Prokofjews radikalstes Musiktheater erzählt von Dingen, die ausser der Protagonistin niemand sehen oder hören kann. Nicht einmal ihr Beschützer Ruprecht, der Renate wider besseren Wissens liebt. Armer Ruprecht (grossartig gebrochen gesungen und gespielt von Leigh Melrose). Auch sie liebt ihn, liebt ihn nicht, liebt ihn – nicht. Was sie eben noch sagte, gilt nicht mehr. Und was sie eben wollte, erfüllt sie nun mit Abscheu.

Wie aber stellt man auf einer Bühne die Logik einer Besessenheit dar? Die Frage würde bei manch einem Regisseur für graue Haare sorgen. Nicht bei Bieito – und das keineswegs, weil dieser sein Haar von jeher zur Glatze schert. Dem Enfant terrible der Opernszene gelingt es vielmehr, Unsichtbares sichtbar, Irreales real zu machen. Und dies, indem er den Übergang zwischen diesen Bereichen zum Mittelpunkt seiner Inszenierung macht.

Beklemmende Rafinesse

Videoprojektionen erzählen Erlebtes und Erlittenes aus Renatas Vergangenheit. Und es ist keineswegs Zufall, dass es Projektionen sind, tragen sie so die Frage, wie viel an ihnen wahr sei, von Anfang an in sich. Auch Gewaltszenen verdoppelt Bieito und lässt sie parallel ablaufen: Auf der einen Seite wird Gewalt ausgeübt, ohne dass das Opfer eine Regung zeigt. Auf der anderen Seite steht Renata unbehelligt – scheint aber die Qualen des anderen Opfers zu erleiden. So beklemmend war regietechnische Raffinesse selten.

Schützenhilfe kriegt die Inszenierung von der Musik. Prokofjew hat sie als klingendes Psychogramm der Protagonistin komponiert, welches bei Dirigent Gianandrea Noseda und der Philharmonia Zürich grossartig plastisch wirkt. Vom gleissenden Engel Madiel über das Gefangensein im Teufelskreis bis hin zum Pochen der Dämonen – was immer durch Renatas Kopf geistert, scheint in der Musik auf. Es ist das Mindeste, was der Komponist für seine Sängerin tun kann. Denn abgesehen davon erspart er ihr nichts, wenn er sie für über zwei Stunden als einsame Solistin mit fast nur Ruprecht an ihrer Seite auf die Bühne schickt, verloren im Nirgendwo zwischen Wahn und Wirklichkeit. Und auch die herausragende Sopranistin Ausrine Stundyte singt und spielt die Figur der Renata ohne Sicherheitsnetz. Ihr dunkler Sopran, gepaart mit stupender Technik, verhilft dem Abend zumindest gesangstechnisch zu einem Happy End.

Nächste Vorstellungen Do, 11., und So, 14. Mai. www.opernhaus.ch

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