Wiener Philharmoniker
Braune Schatten auf dem habsburggelben Jubeltag

Der Schweizer Historiker Fritz Trümpi bewegt die Wiener Philharmoniker. Am Donnerstag steht das berühmteste Orchester der Welt beim traditionellen Neujahrskonzert einmal mehr im Mittelpunkt der Musikwelt.

Christian Berzins
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Alle Welt blickt am Neujahrstag in den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, wo Zubin Mehta ab 11.15 Uhr das Neujahrskonzert dirigiert. HERBERT NEUBAUER/APA/KEY

Alle Welt blickt am Neujahrstag in den Goldenen Saal des Wiener Musikvereins, wo Zubin Mehta ab 11.15 Uhr das Neujahrskonzert dirigiert. HERBERT NEUBAUER/APA/KEY

KEYSTONE

Österreich zählt schon längst die Tage, bald die Stunden: TV, Radio, Zeitungen, Österreich Tourismus – alles berichtet vor und nachher ausführlich über das berühmteste Klassikkonzert der Welt. Kaum verhallt, gibts am 9. Januar die CD zu kaufen – das Cover ist längst produziert und bereits auf der Homepage der Wiener Philharmoniker zur Ansicht, dort bestellen kann man CD (21.90 Euro), DVD (25.90 Euro) und Blu-ray Disc (28.90 Euro) schon jetzt. Das Wiener Neujahrskonzert ist für den Finanzchef der Philharmoniker und der Tourismusorganisation ein Traum. So heftig sich die einen gerade deswegen davon abwenden, so innig gehört das Konzert auch bei uns für viele zum Fixpunkt am Neujahrsmorgen. Noch vor dem päpstlichen Neujahrssegen.

Vorhang auf für Österreich!

Um 11.15 Uhr öffnet Österreich seinen Vorhang, versprüht weltweit – 90 Länder sind am TV mit dabei! – seine Walzerseligkeit, zeigt sich als grosses Kulturland, die Vergangenheit darf habsburggelb aufleuchten. Im Rahmen des Neujahrskonzerts gewürdigt werden 650 Jahre Universität Wien, 200 Jahre Technische Uni und 150 Jahre Wiener Ringstrasse: unter anderem in Form ausgewählter Werke im Konzertprogramm, durch zwei bereits aufgezeichnete Balletteinlagen, die in der Universität Wien am Ring getanzt wurden, oder mit dem «Pausenfilm» über den Wiener Prachtboulevard. Spätestens dieser Hauptact für Wiens Tourismuschef bringt 2015 bestimmt eine Million Russen und zwei Millionen Chinesen in die Stadt.

Alles eitel Sonnenschein? Fast. Ein junger Schweizer Historiker weist einmal mehr auf die dunklen Wolken im Kulturland. Schon 2013 gerieten die Wiener Philharmoniker in die Schlagzeilen, da sie kurz vor dem Neujahrskonzert die NS-Vergangenheit erneut einholte. Und das, obwohl sie sich seit einigen Jahren intensiv mit der Zeit im Nationalsozialismus beschäftigen – oder jedenfalls jenen keine Steine mehr in den Weg legten, die das tun wollen. Schade (oder auch etwas dumm), hängten sie es im Herbst 2013 nicht an die grosse Glocke, als sie sechs Auszeichnungen, die während der NS-Zeit an Nationalsozialisten verliehen wurden, aberkannten – man kann auch sagen: Sie taten es heimlich.

Erst Blockade, dann Hilfe

Neujahrskonzert ist Zubin Mehta gewidmet

Das traditionsreiche Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker ist in diesem Jahr in grossen Teilen dem Dirigenten Zubin Mehta gewidmet. Eine Hälfte des Programms soll einen Bezug zum Wirken Mehtas herstellen, wie Orchester-Vorstand Andreas Grossbauer mitteilte. Der aus Indien stammende Dirigent stand 1961 erstmals am Pult der Philharmoniker. Das Neujahrskonzert leitet er bereits zum fünften Mal. Auf dem Programm stehen Werke der Strauss-Dynastie sowie von Franz von Suppé und Hans Christian Lumbye. Laut ORF-Intendant Alexander Wrabetz wird das Konzert mit rund 20 Walzern und Polkas in etwa 90 Ländern übertragen. Mehr als 50 Millionen TV-Zuschauer werden erwartet. (sda)

Jubel für den Militärmarsch

Ungern liessen sich die Wiener von Fritz Trümpi sagen, dass die Wurzeln des Neujahrskonzertes im Nationalsozialismus gründeten: 1939, im ersten Kriegswinter, gaben die Philharmoniker zu Silvester erstmals ein Konzert mit einem reinen Strauss-Programm, aus dem das Neujahrskonzert hervorging.

Und kaum ist die Diskussion abgeflacht, legen Trümpi und seine Kollegin Bernadette Mayrhofer ein zweites Buch vor: «Orchestrierte Vertreibung». Hier wird akribisch aufgezeigt, wie unerwünscht einzelne Philharmoniker waren, wie sie verfolgt, ja ermordet wurden oder im Exil endeten. Insgesamt 29 Musiker der Philharmoniker fielen ab März 1938 Verfolgung oder Vertreibung zum Opfer. Keiner kehrte nach dem Krieg zurück ins Orchester. Und bitter auch für die Vertriebenen: Das Orchester hielt auch nach 1945 an seinen NS-belasteten Musikern fest. Wen wunderts: Die Wiener Philharmoniker waren im Nationalsozialismus fast zur Hälfte mit NSDAP-Mitgliedern besetzt. Spannend nachzulesen, wie schwierig es auch deswegen war, Anfang der 1950er-Jahre eine Tournee in die USA zu planen.

Lange Zeit ging das vergessen, am Neujahrstag herrscht stets Kaiserwetter – der martialische Radetzkymarsch wird alljährlich jubelnd gefeiert. Naturgemäss auch übermorgen. Zum fünften Mal schon steht Zubin Mehta am Pult – einer, der weiss, was die Philharmoniker wollen. Oder besser: Was sie nicht wollen: also keiner, der ihnen zu viel dreinredet. Neben Kompositionen der Strauss-Familie werden unter anderem auch Werke von Franz von Suppé und Hans Christian Lumbye, dem «Strauss des Nordens», aufgeführt.

Grosses Bedauern

Bei allem Jubel vergessen nun aber auch die Philharmoniker die Vergangenheit offiziell nicht mehr. Philharmoniker-Vorstand Andreas Grossbauer erklärte bei der Präsentation des Buches, das wahrlich ein trauriges Bild der philharmonischen Kriegs- und Nachkriegszeit zeigt: «Frau Mayrhofer und Herr Trümpi leisten mit ihrem neuen Buch einen wichtigen Beitrag zur weiteren Aufarbeitung des dunkelsten Kapitels unseres Orchesters. Wir bedauern zutiefst, was den betroffenen Kollegen durch Verfolgung und Willkür angetan wurde. Die Wiener Philharmoniker werden auch in Zukunft weitere Schritte zur Aufarbeitung ihrer Vergangenheit setzen und unterstützen.»

Da kann man den Hut ziehen – und eingestimmt sei in den traditionellen «Prosit Neujahr!»-Ruf kurz vor dem Donau-Walzer. Vielleicht nicht ganz so freudig-donnernd wie einst?

Buch

Bernadette Mayrhofer/Fritz Trümpi: Orchestrierte Vertreibung. Unerwünschte Wiener Philharmoniker. Verfolgung, Ermordung und Exil. Mandelbaum Verlag 2014. 280 S.

Fritz Trümpi: Politisierte Orchester. Die Wiener Philharmoniker und das Berliner Philharmonische Orchester im Nationalsozialismus. Böhlau 2011. 357 S.

CD

Neujahrskonzert 2015, Zubin Mehta, Sony 2015

TV

9.05 Uhr: Johann Strauss Vater - Das Leben ein Tanz

10 Uhr: Zubin Mehta – Partitur eines Lebens

10.45 Auftakt zum Neujahrskonzert

11.15 Uhr: Live-Übertragung

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