Der rote Teppich ist ausgerollt. Für Ivor Bolton, der mit diesem Konzert seinen Einstand als Chefdirigent des Sinfonieorchesters Basel gibt. Für die Kultur- und Politik-Prominenz aus Stadt und Land, die diesem Konzert eine ereignishafte Note verleihen. Für das Publikum, das dem Sinfonieorchester Basel treu an seine verschiedenen Ersatzspielstätten folgt, und das für etliche Minuten auf eben jenem roten Teppich ausharren muss – denn die scheinbar einzige zur Verfügung stehende Tür ist schlicht zu schmal (oder zu spät geöffnet worden), um am frühen Sonntagabend die 1800 Zuschauerinnen und Zuschauer in die nahezu ausverkaufte Event Halle der Messe Basel pünktlich einzulassen. Zehn Minuten später als geplant, nach einem kurzen Eingewöhnen an die für Klassik-Konzerte ungewohnte, neutrale schwarz-blaue Saaloptik und an die gefühlt zehn Grad tiefere Raumtemperatur, kommt es nach zwei kurzen Ansprachen zum Trommelwirbel: Ivor Bolton ist da. Verbeugt sich, dreht sich um – und legt los.

Streicher ohne Vibrato

Ivor Bolton ist ein Mann der Töne, nicht der Worte, das macht dieser Einstieg mehr als deutlich. Und was er da für Töne bei der siebten Sinfonie von Ludwig van Beethoven aus dem Orchester lockt, ist bemerkenswert: In nur wenigen Proben haben die Streicher das willkürliche Vibrieren nahezu gänzlich aufgegeben, glänzen dafür mit einem geraden, kräftigen Ton, schnellen Bogenstrichen und einer sehr flexiblen Dynamik. Und die Naturhörner bereichern die Klangpalette des romantisch besetzten Sinfonieorchesters mit herben Farben.

Bolton dirigiert ohne Stab, zeigt mit blossen Händen, was er möchte: Zügige Tempi in den schnellen Sätzen; im langsamen Satz einen ungemein ruhigen, zu einem grossem Bogen führenden Gestus; und immer wieder mutige, fast lautlose Pianissimi.

Und hier fangen die Probleme an: Je leiser das Orchester spielt, um so lauter ist das Rauschen der Klimaanlage zu hören. Je knackiger und kürzer die Bläser ihre Akkorde spielen, um so deutlicher ist der hinkende Nachhall aus den Lautsprechern der Soundanlage zu vernehmen. Je weiter weg die Zuhörer vom Orchester sitzen, um so wattiger ist der Gesamtklang; gestalterische Details sind in den seitlichen und hinteren Reihen kaum auszumachen. Dies verstärkt sich mit dem Auftritt von Erwin Schrott. Der Star-Bariton aus Uruguay bekommt ein eigenes Mikrofon, ebenso die Mandoline, die in seiner ersten Arie, «Deh, vieni alla finestra» aus Mozarts «Don Giovanni», eine prominente Begleitfunktion übernimmt – so prominent, dass sie in der Messehalle deutlich lauter eingestellt wird als das Orchester. So klingt das Orchester nur noch wie ein schaler Schatten seiner selbst.

Schrott aber weiss mit dem Mikrofon umzugehen, hält gebührend Abstand und schafft es, mit seinem Bariton alle nur erdenklichen Stimmungslagen Klang werden zu lassen. Er flirtet mit dem Publikum, erzählt in einer Arie eine halbe Operngeschichte, und bringt mit seiner runden, voluminösen Stimme Strahlglanz in die Messehalle.

Schade ist es dennoch, dass bei Ivor Boltons Einstandskonzert die Akustik dem Orchester einen solchen Streich spielt. Denn alles, was von Boltons Gestaltungsideen durch den Watteschleier – oder durch Sitzplatztausch – zu erahnen ist, klingt äusserst vielversprechend. Vielleicht sollte das Orchester seine mobile Klangmuschel aus dem Musicaltheater stets mit sich führen. Oder auf kleinere Säle ausweichen – und sein Publikum dafür mit einem echten, analogen Klang ohne Elektronik beglücken. Denn das ist schliesslich einer der Hauptgründe, weshalb man noch ins Konzert geht, statt zu Hause eine gut produzierte CD aufzulegen.

Das nächste Konzert mit Ivor Bolton und dem Sinfonieorchester Basel findet am So, 9. 10., um 17 Uhr im Goetheanum Dornach statt. Auch dort steht Beethovens 7. Sinfonie auf dem Programm. www.sinfonieorchesterbasel.ch