Robin Ticciati hat versagt. Das behaupteten jedenfalls die zwei Zürcher Stadtzeitungen gestern. Man musste ob der zwei Kritiken denken, dass niemand so schlecht wie der junge Brite die Musik Antonin Dvoraks dirigiere. Aber war das so schlecht? Oder war es vielmehr der Umstand, dass es Ticciati gewagt hatte, sich illoyal gegenüber dem Opernhaus Zürich zu verhalten?

Wir fassen kurz zusammen: Ticciati hatte im Mai den missratenen, ausgebuhten «Don Giovanni» in der Regie von Sebastian Baumgarten verlassen. Leider tat er das nicht während der Proben, sondern erst nach der zweiten Vorstellung. Die «Verspätung» des mutigen Entscheids zeigt aber nur, wie sehr der erst 30-Jährige damit gerungen hatte. Sänger der Produktion gaben uns zu verstehen, dass sie dasselbe am liebsten auch getan, aber um die Folgen gefürchtet hätten. Das Opernhaus zeigte Geschlossenheit: Chefdirigent Fabio Luisi sprang ein, Direktor Andreas Homoki war empört ob Ticciatis Tat.

Dvoraks 5. Sinfonie bleibt sperrig

Trotz allem kehrte Ticciati diese Woche nach Zürich zurück, allerdings auf die andere Seite der Limmat. Er dirigierte dreimal das Tonhalle-Orchester und wagte mit ihm, was kaum jemand vor ihm getan hatte: Er setzte Dvoraks ungeliebte 5. Sinfonie aufs Programm.

Er verstand es im ersten Satz durchaus, schöne Figuren zu zeichnen, die Streicher mit den Bläsern zu verschmelzen, das Werk atmen zu lassen. Diese Ideen nahm er mit in den 2. Satz, aber spätestens ab dem 3., und vor allem im Finale, wusste auch Ticciati nicht mehr weiter mit Dvoraks Sperrigkeit. Er versuchte es, mit dem Auskosten der Effekte, was aber nur zu dumpfer Kraft führte. Dvoraks 5. Sinfonie bleibt ein schlechtes Werk, ist zu Recht vergessen. Daran werden auch andere Dirigenten nichts ändern können.

Nach der Pause zeigte der junge Cellist Maximilian Hornung seine technische Raffinesse in Dvoraks Cellokonzert. Zu Beginn allerdings zu sehr auf sich konzentriert, erst im Laufe des zweiten Satzes begann er, aufs Orchester zu hören, was zu beglückenden Momenten führte. Aber eine grosse Interpretation braucht mehr Eigenständigkeit. Allein durch Technik entsteht sie nicht.

Das Tonhalle-Orchester war Ticciati durchaus zugetan. Aber es bleibt zu befürchten, dass dieser Dirigent nach der Fahnenflucht aus dem Opernhaus und den vernichtenden Kritiken nach dem Tonhalle-Debüt anderswo weltberühmt werden wird. In New York, Salzburg und London hat er schon dirigiert, 2014 wird er Musikdirektor des Glyndebourne Festivals. Die «Welt» bedauerte im Frühling, dass der Brite nicht im Gespräch um das Chefdirigentenamt der Berliner Philharmoniker ist.