Klassik
Beethoven und ein Panzer in C-Dur - Eine andere Konzertkritik

Vor zehn Jahre wurde das Jugendsinfonieorchester Aargau gegründet. Mit nationalen und internationalen Stars stand es auf der Bühne. Einer der ersten Geiger – und Journalist – schreibt aus seiner Sicht.

Simon Huwiler
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Aus dem dunklen Keller ins Rampenlicht der grossen Bühne: Streicher des Jugend-Sinfonieorchesters.

Aus dem dunklen Keller ins Rampenlicht der grossen Bühne: Streicher des Jugend-Sinfonieorchesters.

Werner Rolli

Der Raum ist dunkel und karg. Ein kalter Betonboden, massive Archivschränke und ein Warenlift machen den Raum zu dem, was er ist: ein Keller. Statt Gerümpel ist der Raum voller Holz. Holz in Form von Geigen, Cellos, Bratschen. Und sie werden nervös gespielt, die letzten schwierigen Passagen geübt, zum wiederholten Mal die Saiten gestimmt. Dann geht es los. Die Lampe neben der Treppe ist immer noch auf Rot – die hat noch nie funktioniert –, stattdessen scheucht der Orchestermanager die Streicher im Marschschritt durch den Saal auf die Bühne. Dort treffen sie auf die Bläser und formieren sich zum Jugend-Sinfonieorchester Aargau. Es ist das Eröffnungskonzert der Saison und gleichzeitig auch ein Jubiläumskonzert. Vor zehn Jahren wurde dieses ambitionierte Projekt gegründet. Ein Orchester für Jugendliche zwischen 16 und 26 Jahren. Zweimal im Jahr treffen sich die jungen Musikerinnen und Musiker, bereiten sich eine Woche lang vor und gehen dann im Aargau und in angrenzenden Kantonen auf Tournee.

Leise und im Tempo

Der Dirigent betritt die Bühne, das Orchester steht auf, setzt sich hin. Dann geht es schnell. Der Bogen ist gespannt, die Noten sind aufgeschlagen. «Coriolan» steht ganz oben. Diese Ouvertüre von Beethoven wird auch zur Ouvertüre des Konzertes. Sie beginnt mit einem langen, tiefen Ton. Ein scharfer Akkord unterstreicht das Drama, welches sich in diesem Werk abspielt. Dann erneut ein Akkord. Doch dieser ist schwieriger, klang in den Proben fast immer falsch. Er gelingt. Jetzt muss nur noch diese eine Stelle gelingen. Leise und im Tempo, bläute Hugo Bollschweiler, Dirigent des Orchesters, immer wieder ein. Leise und im Tempo spielte das Orchester. Jetzt rollt die Ouvertüre, jetzt kommt das Orchester in Fahrt.

Begonnen hat diese Fahrt vor zehn Jahren am selben Ort. Im Künstlerhaus Boswil versammelten sich die ersten jungen Musiker unter dem Gründer Moritz Baltzer, spielten sich durch Generationen von Komponisten. Beethoven, Mozart, Dvořák, Schumann, Schubert. Die Liste ist lang, genauso wie auch die Liste der Solisten, die mit dem JSAG gespielt haben. Radovan Vlatković, einer der weltweit gefragtesten Hornisten, steht darauf genauso wie der Pianist Dejan Lazić oder der Solocellist des Tonhalle-Orchesters Zürich, Rafael Rosenfeld. Auch an zeitgenössische Werke wagte sich dieses junge Orchester. So auch in dieser Saison. Kaum sind die letzten gezupften Töne von Beethovens «Coriolan» vom Applaus verschluckt worden, folgt der Umbau. Ein Mikrofon wird gebracht, ein Podium provisorisch hergerichtet: Kein Jubiläumskonzert ohne Ansprachen.

Schwierige musikalische Sprache

Zeit, um sich auf die «Ballade» von János Tamás vorzubereiten. Vor 20 Jahren starb dieser Aargauer Komponist, seine Werke werden kaum aufgeführt. «Die Ballade ist ein Stück, das zu Unrecht nicht oft gespielt wird», sagt Dirigent Bollschweiler. «Aber nicht nur dieses Werk, es lohnt sich, den gesamten Komponisten Tamás zu entdecken.» Das Werk beginnt ruhig, einzelne Ausbrüche lassen andeuten, dass unter dieser Ballade ein musikalischer Vulkan brodelt, bis dieser schliesslich mit Getöse ausbricht. Es sind die Celli, die eine dieser ersten Eruptionen einleiten. Die glänzenden Augen der Musiker verraten, dass es eine ihrer Lieblingsstellen ist. Die Bögen fliegen, die Saiten vibrieren um die Wette, es rumpelt, ein Panzer in C-Dur rollt an. Nicht zur Freude aller Zuschauer. Zwischen den interessierten Gesichtern verrät die Mimik vieler, dass diese Art der Musik ihnen nicht zusagt. Es ist eine schwierige musikalische Sprache, nicht eingängig, weder für das Orchester noch für die Zuhörer. Erst nach wiederholtem Mal hören erschliesst sich diese Musik. Dazu haben die Musiker Zeit. Acht Stunden pro Tag übten sie die Werke, liessen sich von profilierten Musikern coachen, probierten verschiedene Interpretationen aus. «Es ist ein Privileg, dass wir ein Stück mehr als nur oberflächlich betrachten können», sagt Bollschweiler, der in dieser intensiven Probewoche ebenso Geduld brauchte wie die Teilnehmer.

Wieder befinden sich die Streicher in dem dunklen Keller, die Bläser irgendwo im Chor der Kirche. Die Pause ist gleich vorbei, los geht der zweite – unterhaltsamere – Teil. Die Ouvertüre zur Operette «Die Fledermaus» vom Walzerkönig Johann Strauss Sohn ist eines der Lieblingswerke des Orchesters und versprüht ein bisschen den Glanz des Wiener Opernballs. Auch den Zuschauern scheint es zu gefallen. In der dritten Reihe wippt ein Mann intensiv mit dem Fuss, rechts aussen dirigiert eine Frau mit. Um die Leitung des Orchesters zu übernehmen, reicht es aber noch nicht.

Neue Schwerpunkte

Als der Gründer Moritz Baltzer das Orchester Ende 2012 verliess, bewarben sich 50 Personen aus der ganzen Welt um diese Stelle. Mit dem Bratschisten Hugo Bollschweiler gewann das Orchester eine starke Führung. Neue Klänge hielten Einzug, neue Schwerpunkte wurden gesetzt. Zum Sprungbrett für junge Musiker soll es werden, sagt Bollschweiler. «Der Kanton Aargau hat keine Musikhochschule. Das JSAG soll dieses Vakuum füllen und zu einem Qualitätslabel werden.» Dieser Qualität scheint Bollschweiler auf der Spur zu sein. Nach Gustav Mahlers «Adagietto» und der schwierigen Schauspiel-Ouvertüre von Erich Wolfgang Korngold applaudiert das Publikum lange und intensiv. Das Konzert schliesslich endet, wo es begonnen hat: im Keller der Kirche. Er ist genauso kahl wie am Anfang, genauso gedrängt. Nur schwelt diesmal ein leichter Nebel von vergangenen Emotionen über dem kargen Betonboden. Er erzählt von harter Arbeit in der vergangenen Woche, verspannten Muskeln, unzähligen Nachtspaziergängen – und von einem gelungenen Tournee-Auftakt.

Jugend-Sinfonieorchester Aargau «Sagenhaft». Do, 8. Januar, Stadtkirche Brugg, 19.30 Uhr; Fr, 9. Januar, Kirche St. Peter Zürich, 19.30 Uhr: So, 11. Januar, KuK Aarau, 11 Uhr.