Es ist heiss. Es ist voll. Es drängt sich Körper an Körper. Eine ausgehfreudige Menge, jung, chic, in Erwartungshaltung. Nein, das hier ist nicht der neueste angesagte Club. Das hier ist die altehrwürdige Tonhalle in Zürich, die plötzlich so angesagt anmutet. Das liegt an der atmosphärischen Ausleuchtung des Foyers, die das biedere Beige im Nu wegzaubert, aber auch am jugendlichen Publikum des Formats Tonhalle Late – als Enddreissigerin schliesst man den Altershorizont von hinten ab. Die Luft vibriert vor Spannung.

Willkommen in der aufregenden Welt der Klassik! Hier ist man live dabei, erlebt hautnah mit, wie in Echtzeit grosse Emotionen geschmiedet werden. Emotionen? Ach was! Die Rede ist von eigentlichen Sternstunden. Das bezeugt Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel. Sie erklärt: «Die gibt es tatsächlich, es sind Momente, wo die Menschen im Saal und auf der Bühne spüren: Jetzt passiert etwas ganz Besonderes.»

Reinhören gefällig? Beethovens 5. Symphonie

Reinhören gefällig? Beethovens 5. Symphonie

This is the first movement of Beethoven's 5th symphony. Composed between 1804 and 1808.

Aber auch ohne Sternstunde ist der Content in Bereich Klassik Spitzenklasse. Wurde er doch über Jahrhunderte hinweg gefiltert in der Kultur-Evolution um den Survival of the Fittest. Und wenn Gloria Gaynor «I will survive» singt, können Beethoven und Bach nur gähnen. Sie haben schliesslich ganze Jahrhunderte überlebt.

Neu ist jedoch, dass die Welt der Klassik auch hip ist, was ihre Form angeht. Keine andere Kunstsparte verändert sich in vergleichbarem Tempo. Im Reich von Mozart und Co. werden alte Zöpfe abgeschnitten (sorry, Mozart!) und traditionelle Formate aufgebrochen. Statt von 19.30 bis 21.30 Uhr still im Konzertsaal zu verharren, darf das Publikum in der Tonhalle über Mittag einen Haydn to go konsumieren; sich zum Apéro einen Viertel Weissweinschorle samt Dreiviertelstunde Tschaikowsky genehmigen, oder spätabends clubben mit wechselnden Sets aus Klassik und Dancefloor. Neu gilt: Keine Tageszeit zu allgemein, um nicht Klassik-tauglich zu sein. «Auch die Informations- und Konzentrationszeitspannen sind kürzer als früher», meint Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel. Deshalb auf Klassik verzichten? Fehlanzeige. Es gibt für jedes Bedürfnis Hörgenuss mit entsprechender Dauer.

Bach in der Pizzeria

Bei wem die festliche Opulenz, die gediegenen Rituale der Konzertsäle dennoch für leises Unbehagen sorgen, für den legt das Argovia Philharmonic heute schon mal Haydn tiefer. Und das wortwörtlich: in einer Garage, wo seine Sinfonien auf fabrikneue Karosserien treffen. Meister Bach wird seinerseits an Badeseen verfrachtet – oder auch mal in Hallenbäder samt Sprungturm. Den Weg der Authentizität geht der einstige Startenor Christoph Homberger, wenn er Schubert an jenen Ort zurückbringt, wo er einst seine Lieder selbst spielte: in den Salon.

Die Avantgarde von damals war es, die das typische Klassik-Konzert erfand: als musikalische Hochleistungsveranstaltung (seitens der Musiker) in verzückter Stille (seitens des Publikums), die nicht wie kurz zuvor den Fürsten Esterházy oder Lichnowsky vorbehalten waren, sondern die das Bürgertum nun für sich pachtete. Klassik war das Statussymbol der Stunde. Und das Konzept so revolutionär, aufregend und erfolgreich, dass man es am liebsten in Stein gehauen hätte. Genau das tat man auch und rüttelte in den darauffolgenden 150 Jahren nicht daran. Der einzige Haken war, dass man die Welt vor den stuckverzierten Toren der Musiksäle nicht auch noch mit dem Foyer der Tonhalle Zürich versteinern konnte. Und spätestens für die Jugend der 68er-Bewegung galt das, was in den grossen Konzerthäusern passierte, als etabliert-bürgerliche Kultur und stand damit unter dem Generalverdacht von Spiessigkeit.

Die Jahrtausendwende wendete das Blatt für die Klassik. Zunächst an einzelnen Spots: Im Jahr 2000 tourte Cellist Matt Haimowitz durch die USA und entdeckte als eine Art Klassik-Kolumbus Neuland, in Form von Pizzerien und Punk-Clubs, die er mit Johann Sebastian Bach im Gepäck eroberte. In Berlin doppelte die Yellow Lounge nach, ein Format, das Klassik in Techno-Locations transferiert und sie mit DJ-Sets und Lightshows aufmischt. Einige Jahre später war Yellow Lounge von Stockholm bis Buenos Aires ein globales Phänomen. Gleichzeitig schossen immer neue, immer mehr, immer diversere Hotspots klassischer Musik aus dem Boden.

Edel, cool und stilvoll

Wen wunderts da noch, dass sich angesichts der Klassik-Lawine auch das spanische Etikett der traditionellen Konzertsaal-Kultur lockert? Statt anderthalb Stunden strammem Stillsitzen serviert Klassik dem Publikum heute: Beinfreiheit, Barbetrieb und Bier. Krawatte sowie Kostüm dürfen im Schrank bleiben – und das Publikum dafür in Kapuzenpulli und T-Shirt fläzen, kichern, küssen. Und die coole neue Klassik nimmt sich buchstäblich mehr Raum: In hybriden Zentren wie der Elbphilharmonie, welche innovative Konzertsäle, Luxushotel und öffentliche Aussichtsterrasse unter ihrem Dach vereint.

Selbst das traditionelle Schweigen der Musiker bröckelt. So sorgt Startenor Juan Diego Flórez mit witzigen Einführungen dafür, dass im Konzert neben dem Trommelfell auch das Zwerchfell regelmässig zum Einsatz kommt. Nur tanzbar wird Klassik nicht, es sei denn, man zwängt die komplexe Musik von Beethoven oder Mozart in ein Korsett aus Beats. Dennoch kommen tanzfreudige Klassikfans nicht zu kurz. Je länger, je mehr heisst es nämlich: Zuerst Schostakowitsch, dann Shaken. Und wer seinem Dvorak oder Bruckner doch lieber ganz privat in Begleitung von Kuscheldecke, Teetasse und Chipstüte lauscht, darf das getrost täglich. So zahlreich sind mittlerweile die Orchester, die Streamings anbieten.

Klassik ist innovativ wie keine andere Kunstsparte. Keine verändert sich in ähnlich rasant. Keine rückt zurzeit sprungartiger ins Leben der Menschen. Dorthin, wo sie mal war. Denn noch Strawinskys «Sacre du Printemps» führte mit nackten Tänzern und «barbarischen» Rhythmen zu einem Skandal samt Prügelei im Saal, gegen den heutige Shitstorms Stürmchen im World Wide Wasserglas sind. Umgekehrt ging Mozarts «Figaro» nach der Premiere viral. Sogar die Kutscher sollen ihn durch ganz Wien gepfiffen haben. Die Briten haben längst erkannt, dass Klassik von «classy» kommt. Und das bedeutet nicht zufällig: edel, cool und stilvoll.