Nichts Schöneres als ein Abend im 7. Himmel! Sie kennen das doch auch: Salznüsse, deutsches Bier, und auf dem brandneuen Flachbildschirm gibts Männer in roten Trikots zu sehen, die Fussball spielen. Noch besser ist das Leben dieser Tage nur noch in Boswil.

Beim «Boswiler Sommer» wird allabendlich nämlich nicht nur ein wackeres Menü im Festivalzelt serviert, sondern dort musizieren in der Alten Kirche eine Woche lang so bunte Vögel, dass einem vor lauter dramaturgischer Programm-Jonglierkunst ganz anders wird. Aber keine Angst: Niemand drückt Ihnen hier trotz des Themas «Paradies» ein Konzept auf, es gibt keine Ermahnungen à la «Hör jetzt Luigi Nono, das ist grossartig!» oder «Hört jetzt mal Volksmusik und Klassik an einem Abend, das ist superspannend!».

Das heisst aber nicht, dass es in Boswil nie Nono oder Volksmusik zu hören gäbe. Und es bedeutet auch nicht, dass sich der Boswiler Sommer weit von den anderen Aargauer Klassikfestivals abhebt, wie Künstlerhausleiter Michael Schneider in seiner Ansprache sinngemäss postulierte. Von einem laut denkenden anderen Festivalleiter wurde an uns jedenfalls die Zukunftsvision eines Festivaldaches über Lenzburg, Olsberg und Boswil herangetragen …

Genug der Mikrolokal-Kulturpolitik, hinein in den 14. Boswiler Sommer! Wie kurios es hier zur Festivaleröffnung zu- und hergehen kann, wenn das Abendthema simpeleinfach «Im 7. Himmel» heisst, zeigte man mit Edward Elgars Introduktion und Allegro für Streicher und Streichquartett (!). Prächtig, welche Fülle an Überraschungen der 48-jährige Elgar dabei verschleudert! Höchst vergnüglich auch zu sehen und hören, dass hinter dem Solisten-Quartett – des als «Festival Artists» residierende Schumann-Quartetts –, im Tutti auch gleich das Casal Quartett aufspielte. Solche Verbindungen sind tatsächlich ein grösserer musikalischer Luxus als manch weltberühmter Künstlername.

Hier das Paradies, da der Tod

Das 2007 gegründete Schumann Quartett wagte sich alsbald an Schuberts d-Moll-Quartett, der «Tod und das Mädchen» genannt. Die drohende Botschaft: Das Paradies hat auch eine Gegenwelt … Die Entschlossenheit der vier Musiker, die weit entfernt von Aggressivität liegt, war gleich in den Anfangstakten zu spüren. Dieses Quartett hat auch den Mut, Schuberts zwischenzeitlich aufleuchtende Himmelklänge zu geniessen, ohne sie zu versüssen. Erstaunlich, dass ein junges Quartett bereits so feinfühlig am gleichen Klang-Strang zieht.

Da Mark Schumann kein extrovertiert aufbrausender Cello-Spieler ist, Knurr-Töne durchwegs scheut, Liisa Randalu ebenfalls keine Bratschenwuchtbrumme ist und da der zweite Geiger, Ken Schumann, lieber feinhörig gestaltet, als unnötig auftrumpft, liegt die klangliche Gewichtung allerdings bisweilen bei Primgeiger Erik Schumann. Bis zum Streichquartett-Himmel ist es für die vier noch weit, im 7. Hörhimmel hingegen waren die Boswil-Besucher derweil längst angekommen. Da mochte die Luft in der Kirche noch so feucht und warm geworden sein.

Vor dem finalen Klavierkonzert überraschte Festivalleiter Andreas Fleck mit einer für ihn typischen Programm-Spielerei: Die «Cavatina» aus Beethovens 13. Streichquartett sollte in ein Klavierkonzert hineinführen.

Musik für Raumsonde Voyager 2

Die grossartige Schlichtheit, mit der das Schumann Quartett hier agierte, war schlicht famos. A propos 7. Himmel: Die «Cavatina» ist eines von mehreren Musikstücken auf der legendären Voyager Golden Record, die in der 1977 gestarteten Raumsonde ins All geschossen wurde. Wer weiss, ob irgendwelche Wesen im elften Himmel nicht längst die Aufnahme bewundern und darob unser Sein studieren.

Sicher erstaunt wären die Marsmenschlein über die Boswiler Interpretation von Mozarts Klavierkonzert KV 456 gewesen – vor allem falls sie eine silbersüsse Version aus guten alten Klassikzeiten des Jahres 1977 kennen. Wie anders das doch nun klingt, wenn fast genauso viele Bläser wie Streicher auf der Bühne sitzen! Da wird Mozarts revolutionärer Geist – die aberwitzigen Wendungen, die kühnen Gesten, die Klangspielereien – wahrhaftig durchschau- und durchhörbar. So wurde dieses Mozartkonzert zum freudigen Fest für die chaarts-Musiker (und das integrierte Schumann Quartett!) sowie für die Solistin Mona Asuka Ott. Die junge Pianistin getraute sich ab dem Andante viel mehr zu als noch im brav gespielten Eröffnungssatz. Schade, wagte man es nicht, noch einen Satz als Zugabe zu spielen. Aber klar: Es warten diese Woche noch viele Aufgaben auf die Musiker. Am Sonntagabend etwa lockt das erste Liegekonzert in die Alte Kirche, zu hören gibts Beethovens «Mondscheinsonate» oder Max Regers «Nachtlied» … Ob man dabei oder vor dem Flachbildschirm zu Hause dem Paradies etwas näher war, lassen wir offen.

Boswiler Sommer «Paradies»: Alte Kirche, zehn Konzerte bis 6. Juli.