Sie sind in den letzten beiden Jahren rund um den Globus gereist. Wie haben sich die Reiseeindrücke auf Ihre Musik ausgewirkt?

Bastian Baker: Vor allem Countrymusik hat mich inspiriert. Dazu haben wir neue Instrumente wie Banjo, Mandoline, Harmonika und Bläser.

Dann haben die USA die nachhaltigsten Eindrücke hinterlassen. Sind Sie amerikanischer geworden?

(Imitiert einen breiten amerikanischen Akzent) Oh yeah, you know … Nein. Die elf neuen Songs klingen nicht alle nach Amerika. Schliesslich haben mich meine Reisen auch nach Korea, Japan, Island, Brasilien, Argentinien, Chile, Algerien, Australien, Tunesien und Kanada geführt. Aber es stimmt. Ich habe jetzt neu eine Agentur in New York.

Aha, dann wollen Sie Amerika erobern?

Natürlich wäre es für mich ein Traum, mit dem Bus durch die USA zu touren und jeden Abend irgendwo zu spielen. Aber ich bin nicht darauf fokussiert. In Nordamerika herrschte bisher auch kein grosses Interesse an mir. Das beginnt erst jetzt nach und nach. Besonders in Kanada tut sich was. Ich kann als Opening Act für Shania Twain spielen. Aber es ist nicht unsere Strategie, uns auf ein Land zu konzentrieren. Wir gehen immer dahin, wo uns die Leute anfragen, und vernachlässigen Europa und die Schweiz keinesfalls. Gegen Ende des nächsten Jahres ist eine Europatournee geplant, bei der wir auch nach Deutschland und Österreich gehen wollen. Ich mag diese Abwechslung.

Welche Länder haben Sie sonst noch inspiriert?

Ich kann ja überhaupt nicht tanzen wie die meisten Europäer. In Brasilien dagegen tanzen alle, überall und immer. Unter Brasilianern habe ich gelernt, trotzdem mitzumachen. Es macht sogar Spass. Man wird nicht komisch angeschaut, wenn man nicht tanzen kann. In Japan ist mir aufgefallen, wie wichtig Tradition und Werte für die Gesellschaft sind. Mich interessiert die Gegenwart und Vergangenheit. Ich will die Welt kennen lernen und sie verstehen.

Sie haben ja auch Geschichte studiert.

Genau! Aber ich war nur drei Monate an der Uni, bevor ich abgebrochen habe und mich auf die Musik konzentriert habe.

Stimmt es eigentlich, dass Sie nur drei Stunden pro Nacht schlafen, wenn Sie unterwegs sind?

Wenn ich in einer neuen Stadt bin, will ich alles sofort entdecken. Das beste Restaurant, den besten Club, die belebteste Strasse. Ich will keine Zeit versäumen, nichts verpassen, schlafen kann ich später. Jetzt zum Beispiel gönne ich mir eine ruhigere Phase, in der ich oft bis elf Uhr schlafe, Sport mache, gesund esse, viel Wasser trinke und mich erhole. Das kann sich aber schnell wieder ändern. Manchmal trifft man mich am Morgen noch halb besoffen, ein andermal bin ich topseriös, so wie jetzt.

Gut, dass Sie Musiker sind und keinen Bürojob haben.

Ich liebe mein Musikerleben. Man erlebt viel, trifft viele Leute, und es gibt immer einen Grund, Party zu machen.

Der Song «Charlie From Sydney» handelt von einer Geiselnahme durch den IS in Sydney. Werden Sie politisch?

Für mich ist es kein politischer Song. Vielmehr will ich ein Gefühl der Ohnmacht vermitteln. Die Geiselnahme hat mich betroffen gemacht, ich war wütend, traurig und völlig hilflos. Ich konnte nichts dagegen tun. Bisher habe ich immer an das Gute im Menschen geglaubt. Habe nicht irgendeinem Gott vertraut, sondern den Menschen. Nach diesem Ereignis habe ich meine Zweifel. Es hat mein Menschenbild erschüttert.

Wofür steht «Charlie» im Songtitel?

Ich war in einem Hotelzimmer in Island, als ich die Ereignisse von Sydney in einem Song verarbeiten wollte. Mir ist eine Melodie eingefallen, als meine Assistentin ins Zimmer platzte und erzählte, dass in Paris Mitarbeiter von Charlie Hebdo getötet worden seien. Wegen dieses unglaublichen Zusammenhangs habe ich neben dem ersten Vers über Sydney einen zweiten über Charlie Hebdo geschrieben. Es ist mein berührendster Song. Wenn ich ihn spiele, wird es im Publikum ganz still, und am Schluss singen alle mit. Ein Wahnsinnsgefühl. Am liebsten würde ich während des ganzen Songs die Faust zum Protest hochstrecken, so sehr bewegt er mich emotional.

Der Song «Tattoo on my Brain» beschreibt eine Liebesgeschichte von Ihnen. Bisher haben Sie Privates gemieden.

(Zögert.) Es ist ganz gut, dass ich gerade am Essen bin. Das verschafft mir Zeit, zu überlegen … «Tattoo on My Brain» ist das grösste Liebeslied, das ich bisher geschrieben habe. Es ist aus einer schönen Geschichte entstanden.

Im Song geht es um eine Nina. Sie meinen damit sicher den amerikanischen Serienstar Nina Dobrev («Vampire Diaries»), mit der Sie vor einem Jahr am Jazzfestival in Montreux waren.

Es geht um eine Nina, ja. Mehr will ich jedoch nicht dazu sagen. Der Song spricht für sich selbst.

Ach was.

(Lacht.) Na gut, das ist wohl ein typischer Fall von «der Name ist der Redaktion bekannt». Aber im Song geht es nicht um die Beziehung zu einer bestimmten Person, es geht um die Gefühlswelt von Bastian Baker. Ich wollte den Leuten beschreiben, wie ich in der Liebe sein kann und welches meine Gefühle sind. Ich werde auch künftig mein Privatleben nicht offenlegen.