Teodor Currentzis
Auf die Vorschusslorbeeren folgt das Mozart-Debakel

Kaum erschienen, wussten alle: Das ist die beste «Le nozze di Figaro»-Aufnahme seit langem. Ein Irrtum.

Christian Berzins
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Dirigent Teodor Currentzis soll den Geist von Mozart befreien.

Dirigent Teodor Currentzis soll den Geist von Mozart befreien.

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Hat eine Mozart-Opernaufnahme jemals so viele Vorschusslorbeeren erhalten? Vielleicht einst bei Herbert von Karajans Aufnahmen für die Deutsche Grammophon? Wer weiss. Die Plattenfirma Sony versuchte diese Wochen gar, mit dem in der Klassikbranche kaum je gehörten Wort «Sperrfrist» den vermeintlichen Hype um die Neuerscheinung anzuheizen. Die «SonntagsZeitung» brach sie frisch-fröhlich, der Kritiker hörte eine «überwältigend schöne Mozart-Aufnahme» und titelte, dass Dirigent Teodor Currentzis den Geist von Mozart befreie.

Schön für Mozart, sein offenbar gefangener Geist ist nun also frei. Geschafft haben soll das ein Dirigent, der in seinen schwarzen Clown-Kleidern und Totenkopfsandalen aussieht wie die guten alten Waver in den 1980er-Jahren.

Damit fördert der 42-Jährige seinen sorgfältig gepflegten Ruf, ein verrücktes Genie zu sein. Er unterstreicht das mit allerlei «kurligen» Aussagen zu Gott und der Welt. Was Currentzis allerdings im CD-Heft über Forte und Piano verlautbaren lässt, ist nicht mehr als ein Allgemeinplatz: Würde er Karajans 60 Jahre alte «Le nozze di Figaro»-Aufnahme kennen, wüsste er, dass seine Ideen längst überholt sind.

Bei den Sängern hört der Spass auf

Currentzis «Figaro» geht ab wie die Feuerwehr. Das Gegenteil wäre heutzutage viel zu revolutionär. Mit Tempo macht man eine Oper oberflächlich lebendig. Currentzis hat allerdings tatsächlich viele Details herausgearbeitet, folgt auf dem Hammerklavier den Arien und Ensembles, schmückt sie auch mal mit Laute, Gitarre oder Drehleier fröhlich aus. Schön ist das – und ungewohnt erfrischend! Die Sänger sind ebenfalls angehalten, fleissig Verzierungen zu singen und Kadenzen einzubauen. Doch bei ihnen hört der Spass an dieser Aufnahme auf.

Die fundamentlose Stimme von Barockstar Simone Kermes flattert milchweiss durch ihre Auftrittsarie «Porgi amor». Fanie Antonelou ist ihre nette Zofe Susanne, die aber wie Kermes sonst vor allem Barockmusik singt: ein arg blasses Stimmchen. Christian von Horn gibt einen hübschen, amerikanischen Figaro, hat aber einen Hang zu altväterlichen Überhöhungen des Textes. In seinem Prunkstück «Notte giorno» erkennt man die fehlende Sonorität, geringen Gestaltungsreichtum und den Mangel an Tiefe.

Die Griechin Mary-Ellen Nesi – eine weitere Barockspezialistin – singt den Cherubino mit näselndem Mezzo, ihre beiden Arien gehen vorbei, als sei da nichts gewesen. Einzig Andrei Bondarenko ist zwar mit 27 Jahren ein sehr junger, aber stimmlich überlegener Graf. Antonio Garry Agadzhanian gibt den Gärtner Antonio, als habe man ihm gesagt: «Sing so, damit jeder merkt, du bist 70 und betrunken!»

Allgemein wird sehr bühnennah gesprochen, auch mal ein Küsschen darf hier einfliessen. «Bühnenecht» wirds auch, wenn der Graf mit rauschendem Orchesterwirbel ins Geschehen eintaucht. Mit Effekten, romantischen Verschleppungen (Barbarina-Arie) oder bisweilen rasenden Tempi («Susanna or via sortite...») wird nicht gespart. Beim finalen «Contessa perdono» bleibt die Welt nicht stehen, weil alles so unendlich traurig-schön wäre, sondern, weil das Tempo quasi aufgelöst ist. Expressionismus bei Mozart? Andrei Bondarenko kann bei dieser Tempo-Verweigerung kaum mehr singen, muss hauchend winseln.

Aus der Not eine Tugend gemacht

Aus der Not, dem Makel der (Barock-)Sänger, wird hier eine Tugend gemacht. Currentzis wünscht, dass die Oper nicht so schrecklich «opernhaft» klinge. Als Gegenmittel dient ein vibratoarmer Ton, der mehr als Geschmackssache ist.

Fazit: ein phasenweise im Orchester aufwühlender «Figaro», der aber daran krankt, dass die Sänger dem hohen Anspruch der Plattenfirma nicht gerecht werden. Da nützt es auch nichts, dass während zweier Wochen «Tag und Nacht» an der Aufnahme gearbeitet wurde, wie lauthals kolportiert wurde. An Cecilia Bartolis «Norma» (Decca 2013) arbeitete man länger.

Und auch René Jacobs, der in den letzten Jahren famose Mozart-Aufnahmen präsentiert hat, arbeitet mit seinen Sängern länger, führte er doch – wie einst Karajan ... – die Opern mit seinen Sängern erst auf der Bühne auf, ehe er ins Studio ging. Immerhin ist es schön, dass Sony nach wie vor Opern im Studio aufnimmt. Das Ergebnis ist aber mehr als enttäuschend. Wie wohl der geplante «Don Giovanni» herauskommt?

W. A. Mozart: Le nozze di Figaro, Sony 2014. HHAAA

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