Wer bin ich? Was hat mich zu dem gemacht, was ich bin? Ich habe eine Identität: aber wie steht es mit dieser, wenn ich – etwa als Musikerin – in verschiedenen Ländern beruflich zu Hause bin? Oder: Wie steht es um meine Identität, wenn ich durch Flucht gezwungen werde, in einem neuen Land Fuss zu fassen und damit eine neue zu gewinnen, ohne die alte zu verdrängen? Diese Fragen wirft das Lucerne Festival in diesem Jahr auf, weshalb es das Motto «Identität» gewählt hat.

Auch der Erlebnistag am Sonntag kreist von früh bis spät in einer Vielzahl von Konzerten im KKL, Kunstmuseum und im Freien um ein derzeit vor allem politisch brisantes Thema. Muss einem davor bange sein? Nein. Der Tag soll zwar mit seinem umfangreichen Angebot zum Nachdenken anregen, primär aber will er neugierig machen auf Unbekanntes, das auf einer musikalischen Reise rund um den Globus zu entdecken ist: mit Gruppen des Strassenfestivals im Freien; quer durch den Balkan im Kunstmuseum sowie auf Irrwegen mit Flüchtlingen und Sklaven sowie einer Heldenfantasie für Kinder im KKL.

Verführerische Aussenwelt

Weil dessen Lage am See einmalig ist, taucht man nach 30, 60 oder 90 Konzertminuten gerne ab in die verführerische Aussenwelt mit Ensembles des Weltmusik-Festivals – worauf dann geschieht, was das Festival-Team wohl erhofft hat: Man stutzt, tritt näher, weil man der Musik einer bestimmten Gruppe auf den Grund gehen will. Hat man nicht soeben verblüffend ähnliche Musik im grossen Saal des Kunstmuseums gehört? Ja, was nicht verwundert, wenn man die beiden Ungarn Béla Bartók und Zoltán Kodály ins Spiel bringt – zwei Komponisten, die akribisch den musikalischen Wurzeln ihrer Heimat nachspürten. Dasselbe gilt auch für den Rumänen George Enescu, dessen Sonate für Violine und Klavier Nr. 3 a-Moll im ausverkauften grossen Saal gespielt wird.

Patricia Kopatchinskaja – als Kind von Moldawien in die Schweiz geflüchtet – spielt diese mit ihren Partnern Polina Leschenko (Klavier) und Jay Campbell (Violoncello), als ob es um ihr Leben ginge. Wer, wenn nicht diese Geigerin, verbindet das Ungestüme derart packend mit dem Akkuraten und das Poetische mit dem Virtuosen. Tempodifferenzierungen und Rubati – man will kaum glauben, was man zu hören bekommt: eine Interpretation, die bisweilen einer Wildwasserfahrt gleicht, jedoch im zweiten Satz, einem Andante sostenuto e misterioso, mit berückenden Klangfarbenspielen die mystische Seite von Enescu beleuchtet und den ruhigen Schlussteil klanglich bis an die Grenze zum Unhörbaren führt. Kein Aufschrei danach – Schweigen.

Zeichen gegen Unmenschlichkeit

Das Festivalmotto ist zunächst einmal weit entfernt. Doch beim Wechseln ins KKL wird es einem dann wieder bewusst. Zwei Besucherinnen sind von einem Konzert mit dem Titel «Die Wege der Sklaverei» beeindruckt. «Das war anders als alles, was ich in jüngerer Zeit gehört habe», sagt die eine und die andere ergänzt: «Flüchtlinge, Migration, Identität – an alle diese Themen sind wir erinnert worden.» Was haben Jordi Savall und sein Ensemble Hespèrion XXI gespielt? (Sklaven-)Musik aus Afrika, Portugal, Spanien und Lateinamerika von 1444 bis 1888: ein starkes Zeichen gegen die Unmenschlichkeit.

Gerne hätten wir die Mozart-Oper «Idomeneo» besucht, in deren Inszenierung Flüchtlinge aus Syrien und anderen Ländern integriert sind, doch es lockt ein Anlass, der alle – egal welchen Alters – anspricht: Zoltán Kodálys «Die kaiserlichen Abenteuer des Háry János». Die beiden etwa 4- oder 5-jährigen Kinder neben mir staunen und löchern ihre Mutter mit Fragen. «Von nun an dürfen wir nicht mehr sprechen», ermahnt die Mutter dann ihre Sprösslinge, als die Orchestermusiker des Sinfonieorchesters Basel Platz genommen haben. Die Kinder verstummen, weil sie sofort gefesselt sind vom Orchesterspiel und den Fantasie-Reisen des hochstapelnden Háry, den der Schauspieler Florian von Manteuffel so lebendig gibt.

Es drängt einen ins Freie

Beim Applaus kann man nicht lange mithalten, denn es drängt einen ins Freie, bevor das (für uns) letzte Konzert im Kunstmuseum ansteht: Streich-und Bläserkompositionen von Béla Bartók und György Ligeti stehen im kleinen Bahnhofsaal auf dem Programm. Hier ist die Atmosphäre sachlich; wir vermissen den grossen Saal von nebenan mit den Waldgemälden des Schweizers Robert Zünd und der riesigen Fotografie, die einen Wald nach einem Sturm zeigt: Da gibt es viel zerborstenes Holz – was beim Einstieg am Morgen eine visuell wunderbare Unterstützung ist für Adrien Trybuckis Spira für Streichtrio. Die Komposition des 24-Jährigen verweist mit ihrer harschen und kratzenden Geräuschhaftigkeit auf zersplitterndes Holz und lässt einen darüber nachdenken, wie weit der junge Komponist auf seinem Weg zur Identität schon gekommen ist.

Nachdenken. Eben. Am Erlebnistag selbst haben wir viel nachgedacht, noch mehr aber gesprochen: mit Zufallsbekannten aus dem In- und Ausland über einen Tag, dessen Vielschichtigkeit uns so sehr angeregt und bereichert hat.