Die Schweizer Konzertszene boomt. Gemäss dem Branchenverband SMPA erreichten die Veranstalter mit einem Bruttoumsatz von 264 Millionen Franken 2010 einen neuen Spitzenwert. Gemäss diesen Angaben ist der Umsatz mehr als doppelt so gross wie jener der kriselnden Tonträgerindustrie (124 Millionen). An der Konferenz m4music in Zürich, wo der Live-Markt ein Hauptthema war, wurde trotzdem gejammert. Unter den Titeln «Festivals unter Druck» und «Clubsterben» sangen die Veranstalter den Blues und klagten in Panels über den harten Konkurrenzkampf, steigende Kosten, überrissene Gegenforderungen und sinkende Margen. Alles richtig, der Erkenntnisgewinn tendierte aber leider gegen null. Alles blieb nur an der Oberfläche.

Bloom und Blues

Es blieb an Berthold Seliger, dem deutschen Konzertagenten und Autor, in seiner Keynote den Widerspruch zwischen Boom und Blues im Live-Markt aufzuzeigen. Den grossen Profit sieht der streitbare Berliner bei den grossen Konzerten und den grossen Stars. Dagegen stellt er bei kleinen und mittleren Konzerten eine Stagnation fest. Auch die zum Teil horrenden Gagenforderungen würden nur für die Superstars gelten. Umso härter sei es für alle anderen. Bei steigenden Produktionskosten würden die Gagen kleiner und Newcomer legen bei Konzerten sogar drauf. Unausgesprochen widerlegte er damit die auch vom Bundesrat vertretene These, wonach die Schweizer Musiker ihre Einbussen im Verkauf von Tonträgern durch Konzerte kompensieren könnten.

Für Seliger ist die ungesunde Entwicklung in der Musikbranche eine Folge der Marktkonzentration. Nicht nur im Tonträgermarkt, wo die drei multinationalen Majors Universal, Sony und Warner über fast 80 Prozent Marktanteil verfügen, sondern vor allem auch im Live-Geschäft. Seliger verweist auf die beiden amerikanischen Unterhaltungsriesen William Morris Endeavor (WME, die Welt-Nr.1) und Creative Artists Agency (CAA), die den Markt beherrschen und die Preise aufgrund ihrer dominanten Stellung diktieren können. Weiter nennt Seliger den Zusammenschluss des Konzertriesen Live Nation und von Ticketmaster. 80 Prozent des Ticketings in den USA liefen über Ticketmaster.

Diktatur der Märkte

Seliger spricht von einer «Diktatur der Märkte», von einem «haltlosen Medienmonopol», von einem «amerikanischen Oligopol mit Auswirkungen auf die weltweite Konzertbranche». Die Marktkonzentration und die entstandenen Monopole und Oligopole hätten einen funktionierenden Wettbewerb ausser Kraft gesetzt. Für Seliger ist klar, dass diese monopolartigen Konglomerate «für die hohen Gagen und Ticketpreise verantwortlich» sind und dass der «Konsument die Zeche für diese Situation zahlt». «Wie konnte es passieren, dass wir das zulassen», sagt er und sieht «die Diversität und kulturelle Vielfalt gefährdet».

«Gigantisches Oligopol»

«Die Dominanz einzelner Firmen und Konglomerate zieht sich durch das gesamte Musikgeschäft», erklärt Seliger weiter. Auch in Deutschland. Gemäss Seliger verkauft der Marktführer CTS Eventim AG geschätzte 80 Prozent der Tickets für Popmusikkonzerte in Deutschland, ist Europas Marktführer im Ticketing und einer der führenden Anbieter von Live-Entertainment. Eventim verfügt über «gigantisches Oligopol, mit dem die Firma die Vorverkaufs- und Ticketgebühren wie auch die Verkaufsbedingungen diktiert». Gleichzeitig habe die Firma «systematisch Beteiligungen an nationalen Tournee- und Konzertveranstaltern aufgebaut» – auch in die Schweiz. Dabei verweist er auch auf den Deal mit der Schweizer Ticketcorner AG (Marktanteil 60 Prozent).

Es ist der einzige Verweis auf die Situation in der Schweiz. Dabei liesse sich Seligers Analyse wunderbar auf die Schweiz übertragen. Der Vorstandsvorsitzende von Eventim, Klaus-Peter Schulenberg, sagte damals zur Übernahme von Ticketcorner: «Wir festigen mit dieser Akquisition unser Geschäft in der Schweiz und bauen gleichzeitig unsere Marktführung in Europa weiter aus. Erklärtes Ziel ist es, zukünftig den kompletten Ticketverkauf in Europa aus einer Datenbank abzuwickeln.»

Mit anderen Worten: Eventim gibt unumwunden zu, dass die Firma ein Monopol in Europa anstrebt. Umso pikanter ist der Deal, als der Medienkonzern Ringier mit Eventim schon 2009 eine Joint-Venture-Gesellschaft gegründet hatte, in der alle Ticketingaktivitäten gebündelt werden. Ringier verdient also mit. Für Marc Walder, CEO Ringier Schweiz und Deutschland, ist der Deal «ein weiterer wichtiger Schritt im Rahmen des konsequenten Ausbaus seines Engagements im Bereich Entertainment». Unerwähnt blieben auch folgende Fakten:

Der grösste Schweizer Konzertveranstalter Good News gehört seit 2000 zu Ringier und dem deutschen Konzertveranstalter DEAG (Deutsche Entertainment AG).

Free&Virgin, der zweitgrösste Schweizer Konzertveranstalter, ging im letzten Jahr ein. Ringier und DEAG gründeten darauf die neue Konzertagentur Starclick, die das Programmsortiment von Free &Virgin weitgehend übernahm (zum Beispiel das Metalfestival Sonisphere, das in diesem Jahr in Yverdon stattfindet).

Appell an die Konsumenten

Hat hier jemand etwas von gefährlicher Marktkonzentration gesagt? Am Festival m4music jedenfalls nicht. Von Ringier, Good News oder Eventim war niemand anwesend und die Stichworte «Ringier» und «Good News» wurden an der Konferenz nicht einmal erwähnt. Seliger appellierte angesichts der Marktkonzentration an die Haltung der Konsumenten. Doch wo sind die Politiker und Wettbewerbshüter, die für einen funktionierenden Wettbewerb sorgen sollen?