Da solle noch mal einer behaupten, die Kunst der Romantik würde sich nur mit unerreichbaren Idealen beschäftigen. Dass sie auch ganz lebensnah sein kann und durchaus den Zugriff auf die Realität schafft, zeigt Hector Berlioz in seiner «Symphonie fantastique». Mit diesem Werk fasste er nämlich sein eigenes Liebesleid in Töne. Und das zeigte Wirkung. Denn die von ihm angebetete irische Schauspielerin Harriet Smithson, die zunächst nichts von ihm wissen wollte, wurde durch das Werk und seinen Erfolg auf ihn aufmerksam und heiratete ihn schliesslich sogar.

Selten haben Musikstücke wohl so lebensnahe Auswirkungen. Der konkrete Weltbezug der Komposition, kombiniert mit der neuen Form der symphonischen Dichtung, macht es dann auch zu einem revolutionären Meilenstein der Musikgeschichte. Aber nicht nur geschichtlich hat diese komponierte Achterbahn der Gefühle ihre Relevanz. Beim Anhören der neuen CD des Argovia Philharmonic, das dieses Werk im Juni eingespielt hat, lassen sich die Wirklichkeitsnähe und der Ereignisbezug nachvollziehen. Über die rein symphonische Musik transportiert sich zwar nicht direkt die Geschichte, die für Hector Berlioz dahintersteht, sehr wohl jedoch das innere Gefühl des Protagonisten. Die sehr emotionalen Momente, wenn er seine geliebte, aber unerreichbare Herzensdame mit innerlichem, durch und durch gehenden Kribbeln im zweiten Satz «Un bal» erblickt und gefühlsmässig förmlich abhebt, sind von Chefdirigent Douglas Bostock brillant herausgearbeitet worden. Auch das innere Schluchzen im ersten Satz «Rêveries – Passions» oder die ans Schicksal mahnende Musik im vierten Satz «Marche aus supplice» sind mit kräftigen Klangfarben und einer überzeugenden Fallhöhe gestaltet.

Im Opiumrausch

Die in allen Sätzen wiederkehrende Melodie, die «idée fixe», hält das Stück auf raffinierte Weise zusammen und ist eine Neuerung in der Kompositionsgeschichte. Sie wirkt wie eine Zwangsvorstellung, die den Helden mehr und mehr besessen macht. In einem Opiumrausch stellt dieser sich vor, wie er seine Geliebte umbringt. Dieses Kippen der Handlung ins Surreale gestaltet Berlioz als Teufelsritt, der vom Argovia Philharmonic kraftvoll und auf den Punkt interpretiert wird.

Eröffnet wird die CD mit dem Stück «Aufforderung zum Tanz» von Carl Maria von Weber, das ursprünglich für Klavier komponiert ist und hier in einer farbenreichen Orchestrierung von Hector Berlioz eingespielt wurde. Musikgeschichtlich gilt es als Vorlage für die später entwickelten Wiener Walzer. Auch hier liegt eine Paar-Geschichte zugrunde, die verhalten zärtlich beginnt und sich dann zu einem opulenten, vor Lebensfreude sprühenden Walzer aufschwingt. Markig, pointiert lässt Bostock die Walzerschritte pulsieren und erreicht eine wunderbar schwebende Musik. Insgesamt steckt diese auf dem Coviello-Classics-Label erschiene CD voll beflügelnder Musik, inspiriert und lebendig gespielt: Das dürfte sich unter so manchem Weihnachtsbaum gut machen.

Fantastique, Argovia Philharmonic, Douglas Bostock, Coviello 2015.