Pop

Anna Rossinelli über ihr neues Album: «Wir mussten die Trennung verarbeiten»

«Ich möchte mit Georg und Manuel alt werden.» Anna Rossinelli und Manuel Meisel (links) sowie Georg Dillier (rechts). ho

«Ich möchte mit Georg und Manuel alt werden.» Anna Rossinelli und Manuel Meisel (links) sowie Georg Dillier (rechts). ho

Anna Rossinellis Band gibts schon seit zehn Jahren, am 18. Januar kommt nach drei ruhigen Jahren das neue Album «White Garden» in den Handel. Ihre Musik klingt zunehmend jünger. Wie kommt das?

Wer bei Google Anna Rossinelli eingibt, erhält als ersten Suchvorschlag keine Musik, sondern ein Stichwort: «Neuer Freund». Das also scheint viele Leute zu interessieren, wenn sie ihren Namen googeln.

Und, stimmt das?

Ja, bestätigt sie, aber seien wir ehrlich, viel interessanter ist doch die Frage, wie die Basler Band mit der vorangegangenen, einschneidenden Veränderung umgegangen ist. Denn die Sängerin und der Bassist, Georg Dillier, waren immer ein Paar. Bis sie sich 2015 trennten. Sie taten das im Stillen, als sie noch unterwegs waren mit ihrem vierten Album «Takes Two To Tango». «Zunächst wollte ich mit niemandem darüber reden», erzählt Anna Rossinelli.

Trennung und Songwriting

«Wir mussten uns wieder finden in der Gruppe. Zwölf Jahre sind eine lange Zeit, man definiert sich extrem über den anderen. Also mussten wir die Trennung verarbeiten.» Und nicht nur diese. Denn auch Gitarrist Manuel Meisel, der Dritte im Bunde, erlebte damals einen privaten Umbruch. «Es war für uns alle eine schwierige Phase», sagt Georg Dillier, «aber aus kreativer Sicht extrem fruchtbar.»

Er und seine Ex-Freundin brachen also auf zu neuen Ufern, schrieben beide Songs darüber – und das ist dann doch erstaunlich –, hielten sich und die neue Situation bei allem Konfliktpotenzial doch so gut aus, dass sie noch immer zusammenarbeiten.

«Veränderungen sind gut, Stagnation ist schlimmer. Denn geht es nicht weiter, läuft es ins Leere», sagt Georg Dillier, ganz pragmatisch. «Wir haben uns so auch künstlerisch weiterentwickelt.»

Melancholischer Pop

Allerdings. Anna Rossinelli, die Band, gibt es mittlerweile seit zehn Jahren, sie klingt mit jedem Album jünger, zeitgenössischer und zugleich stimmiger. Die Single «Feel It» etwa führt direkt in den Club. «Wir haben recht viel Party gemacht in dieser Zeit. Manche Songs sind im Vergleich zu den ersten Versionen nicht wieder zu erkennen», erklärt die 31-jährige Sängerin.

Vorbei auch die Zeiten, als das Trio primär härzig klang und mit Ausflügen in die Weltmusik flirtete. Die Strassenmusik reflektiert nur noch im Rückspiegel. Auf dem neuen, mittlerweile fünften Album, «White Garden», reichern sie modernen Pop mit auffällig vielen Synthiesounds an.

Das hatten sie schon mal versucht, doch geben sie zu, dass das nicht richtig funktionierte. Die elektronischen Einflüsse kamen «cheesy» statt cool rüber. Diesmal zogen sie mit dem DJ und Produzenten Pablo Nouvelle einen angesagten Kenner der Materie hinzu – und trafen unüberhörbar die richtige Wahl. Drei Wochen lang arbeiteten sie schliesslich, ergänzt durch Schlagzeuger und Produzent Simi Kistler, in der Abgeschiedenheit des Toggenburgs an den Aufnahmen der neuen Lieder.

Kopf hoch

Entstanden ist ein Album, auf dem Rossinellis Verletzlichkeit, ihr eindrückliches, leicht angerautes Timbre stark zum Tragen kommen. Herausragend ist dabei die melancholische Klavierballade «Heroine» oder das durchaus pathetische Aufmunterungslied «Hold Your Head Up». Kopf hoch? «Natürlich ist da viel Privates drin, schliesslich lässt sich so etwas Einschneidendes nicht ausblenden», sagt Anna Rossinelli. «Gerade auch, weil eine Beziehung etwas vom Wichtigsten ist im Leben, musste das klar in die Musik hineinfliessen.» Das erklärt auch, weshalb das neue Werk eher dunkel gefärbt ist. «Stimmt, das sehen wir auch so», sagt Rossinelli. «Aber es ist kein ‹Chlöni›-Album, wir wollten auch die schönen Momente festhalten, die wir erlebt haben. ‹White Garden› etwa schrieb ich, nachdem ich meinen neuen Freund kennen gelernt hatte. Man spürt das Positive heraus, wie aufregend es ist, Neues zu entdecken.»

Treue gilt

Im Fall von Anna Rossinelli ist das nebst der Clubnummer «Feel It» auch R&B im Stil von Destiny’s Child («Jewellery»). Liebäugelt die Band mit der internationalen Popbühne?

Die Frage stehe immer wieder im Raum, sagen sie, damit aber auch die Frage, wer Geld investieren möge. Eine zweite Teilnahme am Eurovision Song Contest, wo sie als Interpreten ihre Karriere lancierten, schliessen sie jedenfalls aus. «Wir arbeiten seit sieben Jahren daran, Glaubwürdigkeit aufzubauen», sagt Dillier. Noch einmal am ESC teilnehmen, diesem Zirkus, würde das Gegenteil bewirken. «Wir hätten nichts gegen den Sprung ins Ausland. Aber wir können nicht auf ein Genrepublikum vertrauen, sind nicht in einer Nische zuhause. Das Risiko, dass niemand kommen und uns hören würde, weil man uns nicht kennt, wäre daher zu gross. Es müsste gut geplant sein.»

Bis dahin konzentrieren sie sich auf den Schweizer Markt. Mit englischen Songs. Und dem ungebrochen grossen Vertrauen zueinander. Eine Solokarriere einzuschlagen, war für die Sängerin auch in der Trennungsphase nie ein Thema. Auch wenn ihr das von Aussenstehenden schon ans Herz gelegt wurde. «Anna Rossinelli ist immer noch eine Band», sagt sie bestimmt. Und: «Ich möchte mit Georg und Manuel alt werden.»

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