Musik
Anna Rossinelli: Im Shitstorm nach Amerika

Die Basler Pop-Sängerin Anna Rossinelli finanziert ihr neuen Projekt über Crowdfunding und wurde dafür bös beschimpft. Dabei gehört dieser Art der Finanzierung die Zukunft.

Stefan Künzli
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Anna Rossinelli und ihre Mitmusiker Georg Dillier (l.) und Manuel Meisel wollen ihr neues Album-Projekt in den USA produzieren.

Anna Rossinelli und ihre Mitmusiker Georg Dillier (l.) und Manuel Meisel wollen ihr neues Album-Projekt in den USA produzieren.

Tom Haller

Einen solchen Shitstorm hat Anna Rossinelli (27) noch nie erlebt. Unter der Affiche «We Want you» hat die Basler Sängerin diese Woche ihr neues Projekt «Takes Two To Tango» vorgestellt.

Einen dreimonatigen Trip, der die Band durch verschiedene Städte der USA, von San Francisco über Nashville und New Orleans nach New York, führt.

Zusammen mit Gastmusikern soll dort ein neues Album entwickelt werden. Ein ehrgeiziges Projekt, und dass das nicht gratis zu haben ist, versteht sich von selbst. Dies umso mehr, als die Musikreise auch filmisch begleitet und vom Schweizer Filmemacher Milan Büttner und Toningenieur Florens Meury umgesetzt werden soll.

Ein Teil der Kosten soll deshalb über das sogenannte Crowdfunding finanziert werden. Eine Art der Finanzierung von Projekten, die auf einer grossen Menge von Kapitalgebern beruht.

Doch das kam bei Lesern von «20 Minuten» gar nicht gut an. Die Reaktionen waren so heftig, dass die Kommentarfunktion zwischenzeitlich lahmgelegt wurde. «Frau Rossinelli, vielleicht sollten Sie etwas mehr arbeiten, besser singen und sich die Karriere mit Ferien erarbeiten.

Ich finde es etwas billig, wie Sie das planen», hiess es zum Beispiel. «Liebe Anna und Band, habt ihr euch eigentlich schon überlegt, wie sich andere Menschen so eine Reise finanzieren müssen?», fragt eine andere und meint: «Lass es bleiben, wenn du es dir nicht leisten kannst. Arbeite darauf hin».

Falsche Vorstellungen

Anna Rossinelli war konsterniert, hatte sich zwei Tage später aber wieder etwas gefasst. «Was wir planen, ist keine Ferienreise. Es ist harte Arbeit eine ‹Riesenbüez› und eine Investition in meine Karriere.»

Eine Arbeit notabene, die nicht entlöhnt und zuerst einfach mal kostet. An den Reaktionen zeigt sich, dass die Leute völlig falsche Vorstellungen von einem Musikerleben in der Schweiz haben.

«Ich bin zwar bekannt, aber das heisst nicht, dass ich Millionen verdiene. Ich bin glücklich, dass ich von meiner Musik leben kann, aber ich lebe sehr bescheiden und nicht in Saus und Braus», sagt sie.

Dabei gehört Anna Rossinelli, die die Schweiz mit Erfolg am Eurovision Song Contest 2011 vertrat, zu den erfolgreichen Musikern der Schweiz. Ihr letztes Album «Marylou» erreichte Platz 1 der Schweizer Albumcharts und mit gut 10 000 verkauften Einheiten Goldstatus.

Doch im Tonträgergeschäft kann man in der Schweiz kaum mehr Geld verdienen. Rossinellis Label Universal leistete einen Vorschuss von 40 000 Franken für die Produktionskosten, streicht dafür alle Einnahmen bis zu 10 000 verkauften Einheiten ein.

Das heisst: Anna Rossinelli und ihre Mitmusiker Georg Dillier und Manuel Meisel haben bis heute an den Albumverkäufen nichts verdient.

CD-Verkauf rentiert kaum mehr

In der Schweiz ist das heute die Regel. Es ist eine Folge der digitalen Revolution und der daraus resultierenden Gratis-Mentalität der Konsumenten sowie der Krise der Tonträgerindustrie.

Album-Produktionen sind zwar immer noch die künstlerischen Visitenkarten der Musiker, kommerziell betrachtet sind sie heute in der Schweiz aber nur noch Promotionsvehikel für Konzerte und Tourneen. Das heisst: Ohne Album keine Konzerte. Ohne Konzerte kein Geld.

Das gilt auch für «Takes Two To Tango». Das Projekt kostet eine Stange Geld. Eine Albumproduktion von dieser Dimension kann die Sängerin und ihre Band nicht allein stemmen. Sie ist auf finanzielle Hilfe angewiesen.

Wir wollten es genau wissen: Total 180 000 Franken kostet das ganze Projekt, wobei die filmische Umsetzung allein 100 000 Franken verschlingt. Das Label Universal beteiligt sich mit einem Drittel der Kosten am Gesamtbudget und wird das Album damit vorfinanzieren.

Es bleiben also 120 000 Franken, die die Band selbst eintreiben oder berappen muss. Das geschieht über Eigenleistungen und Gönner (der grösste Teil), Sponsoren (der kleinste Teil), Kultur- und Filmförderung (Gesuche werden gestellt) sowie Crowdfunding. 50000 Franken sollen über die Crowdfunding-Plattform www.wemakeit.com zusammenkommen.

Früher, in den goldenen Zeiten der Popmusik, waren die Musiker für das Kreative, die Labels für das Geschäftliche zuständig. Das ist heute in der Schweiz die Ausnahme. Die Musiker müssen selber aktiv werden.

Crowdfunding ist für sie eine der besten Antworten auf die Herausforderung des digitalen Zeitalters. Ein alternatives oder komplementäres Finanzierungsmodell, das die Einbussen der digitalen Revolution kompensieren oder mindern kann.

Der Fan ist der «Ermöglicher»

Doch bei den Lesern von «20 Minuten» ist die Crowdfunding-Idee durchgefallen. «Crowdfunding ist total daneben. Eine Frechheit», heisst es zum Beispiel. Für Johannes Gees, den CEO der Crowfunding-Plattform «wemakeit» völlig unverständlich.

«Ein Missverständnis. Crowdfunding ist eine Mischung aus Mäzenatentum und Vorfinanzierung», sagt Gees. Es gehe nicht darum, den Fan um Geld anzubetteln, sondern ihn auf die Reise mitzunehmen und ihn am Projekt teilhaben zu lassen. Früher hat der Fan den Star über den Kauf einer CD oder einer Vinylplatte bezahlt, heute kann er ihn via Crowdfunding unterstützen.

Gees ist überzeugt: «Dem freiwilligen Bezahlen gehört die Zukunft. Der Fan ist dabei und wird zum ‹Ermöglicher›. Crowdfunding schafft ein gutes Gefühl, denn ermöglichen fühlt sich einfach besser an als nur konsumieren.» Es ist keine selbstlose Spende. «Wer sich engagiert, erhält dafür eine konkrete und persönliche Gegenleistung.»

Starke Antwort der Fans

Crowdfunding steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Doch Gees sieht ein grosses Entwicklungspotenzial. Bei «wemakeit» sind in der Schweiz immerhin schon 2,6 Millionen für Musikprojekte zusammengekommen. Und es wäre viel mehr möglich. «Gerade für die Musikindustrie ist es eine Chance», sagt Gees.

Mit der Crowdfunding-Plattform als Partner können Projekte ermöglicht werden, die sich selbst der Branchenriese Universal allein nicht mehr leisten kann. «Es erfordert aber ein Umdenken bei den Labels», sagt Gees. Denn Crowdfunding ist kein Selbstläufer. Die Aktionen müssen bewirtschaftet werden. Die Labels könnten Kampagnen und Projekte aufgleisen, um das Geld zu generieren.

Der Shitstorm hat sich inzwischen gelegt. Und die Crowdfunding-Aktion von Anna Rossinelli ist gut angelaufen. Schon rund ein Drittel ist zusammengekommen. «Eine starke Antwort der Fans», sagt Gees. Vielleicht kommt es ja doch noch zu einem Happy End in Amerika.

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