Pop
Angekommen: Graf von Unheilig will an den Eurovision Song Contest

Mit «Geboren um zu leben» und «So wie Du warst» landeten «Unheilig» Riesen-Hits im deutschsprachigen Raum. Jetzt wollen sie an den ESC. Der Graf über sein Stottern, seine schwarze Vergangenheit in der Gothik-Szene und seinen Wandel zu sich selbst.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Der Graf von Unheilig hat früher eine Rolle gespielt. Jetzt sind die weissen Kontaktlinsen weg. Erik Weiss

Der Graf von Unheilig hat früher eine Rolle gespielt. Jetzt sind die weissen Kontaktlinsen weg. Erik Weiss

© Erik Weiss

Unheilig: der Graf

Der Graf und seine Band Unheilig gehören mit mehr als drei Millionen verkauften Alben zu den populärsten Acts im deutschsprachigen Raum. Der charismatische Sänger ist bekennender Stotterer, sonst ist kaum etwas von ihm bekannt. 15 Jahre nach der Bandgründung geben Unheilig die erste Werkschau ihres Schaffens in einem Best-of-Album heraus. Dazu die Single «Als Wär's Das Erste Mal», mit der der Graf an der deutschen Vorausscheidung für den Eurovision Song Contest teilnimmt. (SKU)

TV: Unser Song für Dänemark. Deutsches Finale zum Eurovision Song
Contest. Do, 13.3., 20.15 Uhr, ARD.
CD: Alles hat seine Zeit - Best of Unheilig 1999-2014. Universal. Erscheint am 14.3.
Live: 20.6., Rock the Ring Festival, Hinwil.

Sie wollen an den Eurovision Song Contest (ESC). Wieso?

Der Graf: Der ESC gehörte bei uns zum Familienprogramm, mit Kindern, Oma und Opa. Insofern war er für mich von klein auf prägend. Jetzt möchte ich den Wettbewerb von der ganz grossen Bühne verfolgen. Ich will es zumindest versuchen. Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum. Das ist schon ein Riesending.

Auch Unheilig ist ein Riesending. Sie können doch nur verlieren?

Nein, das sehe ich überhaupt nicht so. Unheilig ist bis jetzt erst im deutschsprachigen Raum ein Riesending. Der ESC bietet die grösste internationale Bühne. Wenn wir das Glück haben sollten, Deutschland in Kopenhagen zu vertreten, haben wir die Möglichkeit, uns vor 150 Millionen Menschen zu präsentieren. Wir würden ein Publikum erreichen, das uns gar noch nicht kennt.

In der Schweiz nehmen keine bekannten Stars mehr teil. Niemand will sich die Finger verbrennen.

Aus Angst vor der Niederlage, bestimmte Dinge nicht zu tun, ist doch völlig falsch. Wer das Risiko scheut und schon von vornherein kapituliert, ist der wirkliche Verlierer.

Wie gut kennen Sie die Schweiz?

Sehr gut. Als ich ein kleiner Junge war, haben wir mit unserer Familie sicher acht Jahre hintereinander am Genfersee unsere Ferien verbracht. Aber auch in den Anfängen von Unheilig, als wir noch nicht so berühmt waren, sind wir in unzähligen Clubs in der ganzen Schweiz aufgetreten. So habe ich die Schweiz und die Schweizer kennen gelernt.

Welches war Ihr schönstes Konzerterlebnis in der Schweiz?

Das war 2010 an einem grossen Open-Air-Festival in den Bergen.

Das muss das Greenfield Festival in Interlaken gewesen sein.

Genau. Wir spielten dort vor Rammstein und es war absolut gigantisch. Die Stimmung der absolute Wahnsinn. Von wegen «die Schweizer sind ruhiger und brauchen immer etwas länger». Das ist völliger Quatsch. Diesen Auftritt werde ich nie vergessen. Er markierte den Durchbruch in der Schweiz. Danach war im Internet die Hölle los und wir stürmten die Schweizer Hitparade.

Sie sehen die Ursprünge Ihrer Band in der sogenannten «schwarzen Szene», in der Gothic-Szene. Können Sie uns das erklären?

Die Gothic-Szene hat sich in den 1980er-Jahren aus Punk, New Wave und der Neuen Deutschen Welle herausgebildet. Die Faszination an Themen wie Tod und Vergänglichkeit ist für sie zentral. Sie ist entstanden, um sich vom Kommerz abzugrenzen. Die Szene ist gross, mit Festivals bis gegen 80 000 Zuschauer. In dieser Szene haben wir als Unheilig zum ersten Mal Leute gefunden, die unsere Musik auch mögen. In dieser Szene haben wir uns fernab von Radio und TV ein immer grösseres Publikum erspielt. Sie müssen sich das vorstellen: Bis 2010 wurden wir nie am Radio gespielt.

Weshalb änderte sich das?

Das geschah mit dem Song «Geboren, um zu leben». Ich kann mich noch an ein Meeting 2009 mit dem Label erinnern, wo uns prophezeit wurde, dass wir mit dieser Musik nie in den Radios gespielt werden. Das änderte sich erst, als die Leute bei den Radios immer wieder dieses Lied gewünscht haben. So lange, bis die Radio-Macher nicht mehr darum herum kamen, uns zu spielen.

Wie hat die Gothic-Szene reagiert?

Es kam Unmut auf. Das war abzusehen, denn die Szene definiert sich ja auch gegen den Kommerz. Es war für viele aus der schwarzen Szene unverständlich, dass wir uns plötzlich im kommerziellen Mainstream bewegten. Das war eine schwierige Situation und ich musste mir klar werden, wo wir mit Unheilig hin wollten.

Wie haben Sie sich entschieden?

Wenn man Musik macht, ist man froh um jeden Zuhörer. Es ist mir egal, ob jemand schwarz, weiss oder rot trägt. Wir spielen überall dort, wo man uns einlädt. Vor zwei Jahren spielten wir am legendären Metal-Fest im deutschen Wacken, im letzten Jahr waren wir in der Samstagabendshow von Carmen Nebel, wo Schlager gespielt werden. Das hat in der Szene und in den Magazinen für Wirbel gesorgt. Zugegeben: Das ist ein wahnsinniger Spagat, aber es zeigt unsere Denkweise. Alle haben das Recht, uns zu mögen und unsere Musik zu hören.

Hat sich die Gothic-Szene von Ihnen abgewandt?

Ja, ein grosser Teil hat uns den Rücken gekehrt und wirft uns Verrat an der Gothic-Szene vor. Lustig ist aber, dass die erste Reihe an unseren Konzerten noch immer schwarz gekleidet ist. Ein Teil ist den Weg mit uns gegangen und hat verstanden, worum es uns geht. Gerade wir in Deutschland sollten uns bewusst sein, dass Ausgrenzung von Menschen der falsche Weg ist.

Welches sind heute Ihre Fans?

Wir haben Fans von 8 bis 80 Jahren. Kinder unter 10 und Senioren ab 65 kommen bei uns gratis an die Konzerte. Unheilig-Konzerte sind deshalb auch zu Treffen der Generationen geworden. Es sind Familien-Konzerte mit Kinderbereichen, wo sie spielen können und betreut werden. Das ist wohl einmalig und wird immer grösser. Heute kommen im Schnitt rund 1000 Kinder an unsere Konzerte.

Sie sind bekennender Stotterer. In Ihrer Kindheit haben Sie einfach nicht mehr gesprochen. Weshalb?

Es war die Angst, zu versagen und ausgelacht zu werden. Diese Angst besteht bis heute. Es heisst, wenn ein Stotterer sich verkleidet oder schauspielert, dann wird er mutig und stottert deshalb weniger. Wenn ich heute 15-jährige Bilder von mir anschaue, verstehe ich, weshalb ich mich damals so verkleidet habe. Mit weissen Kontaktlinsen, schwarzen Kleidern und Fingernägeln. Es war für mich wie eine Maske und ein Schild, um mich nach aussen zu schützen. Ich wollte mich nicht öffnen und die Menschen nicht so nah an mich heranlassen, um nicht verletzbar zu sein. Ich wollte mir keine Blösse geben.

Haben Sie das Stottern heute im Griff?

Ja, seit ich mein Stottern öffentlich gemacht habe, geht es viel besser. Ein grosser Druck ist weg. Es ist ja auch nicht schlimm zu stottern. Heute weiss ich, dass ich selbst mit dem Stottern grössere Probleme hatte als mein Gegenüber.

Haben Sie eine Strategie?

Einfach machen und ruhig bleiben. Aber es ist noch heute so. Ein solches Interview zu geben, bedeutet für mich mehr Stress als vor 30 000 Leuten zu singen. Mit Musik geht alles einfach. Dabei habe ich keine Panik vor Fragen. Es ist die Angst, das Wort nicht rauszubringen.

Der Gegensatz ist interessant. Auf der Bühne strahlen Sie ein enormes Selbstbewusstsein aus. Stotterer sind aber eigentlich unsichere Menschen, voll von Selbstzweifeln.

Ja, aber es ist bei jedem Stotterer so: Wenn er singt, stottert er nicht. Dazu ist die Bühne meine Heimat. Da fühle ich mich wohl. Durch den Applaus bin ich auch mutiger geworden. Plötzlich wollte ich mich öffnen, die Kontaktlinsen und Fingernägel loswerden, ein neues Outfit.

War der Graf immer eine Rolle?

In meiner ersten Single «Sage ja» von 1999 sang ich: «Das Einzige, was zählt, ist die Maske, wenn sie fällt.» Ja, ich habe in den ersten Jahren eine Rolle gespielt. Zum ersten Mal gelächelt habe ich erst auf einem Foto von 2008. In jener Zeit ist die Maske langsam gefallen. Der Erfolg hat mir in diesem Öffnungsprozess sehr geholfen. So sehr, dass ich mich heute normal mit Ihnen unterhalten kann. Dabei spielt es keinen Unterschied, ob ich als Graf mit ihnen spreche oder als Privatperson beim Grillen. Heute bin ich der Gleiche, habe zu mir selbst gefunden.

Wieso wollen Sie denn nicht über Ihr Privatleben sprechen?

Mein Privatleben und meine Familie gehören nicht an die Öffentlichkeit.

Das verstehe ich, aber Sie geben ja nicht mal Ihr Alter an. Und Ihren richtigen Namen Heinrich Graf wollen Sie auch nicht bestätigen.

Richtig. Das weiss ja auch keiner. Und ab einem gewissen Alter spricht man sowieso nicht mehr über das Alter. (Lacht). Privat können wir gern darüber sprechen, aber das hat nichts mit meiner Musik zu tun.

Ein kleines Geheimnis könnten Sie unseren Lesern doch verraten?

Ich verrate Ihnen nur, dass wir sieben Minuten über der abgemachten Zeit sind. Danke für das interessante Gespräch und auf Wiedersehen.