Musik

Akzente und Aufmerksamkeit – «Wir sagen was man sieht»

Manchmal klingt er wie zwei Musiker: Günter A. Buchwald aus Freiburg improvisiert am Klavier und an der Geige live zu Stummfilmen aller Genres. Und das nun schon seit fast 40 Jahren.

Manchmal klingt er wie zwei Musiker: Günter A. Buchwald aus Freiburg improvisiert am Klavier und an der Geige live zu Stummfilmen aller Genres. Und das nun schon seit fast 40 Jahren.

Günter A. Buchwald hat über 3000 Filme im Repertoire – er gehört zur seltenen Spezies der Stummfilmmusiker. Am 21. März ist er in Basel zu sehen und hören, am 1. und 2. April in Freiburg.

Er hört mit den Augen, sieht mit den Ohren, zaubert beim Spielen. Günter A. Buchwald ist Stummfilmmusiker, einer der wenigen weltweit, hörbar berufen für diese spezielle Berufung. Als Zuschauerin wähnt man zwei oder drei Live-Musiker im Kinosaal, wenn er wieder mal einen Buster Keaton begleitet, einen Nosferatu, einen Prinz Achmed. Buchwald ist ein Kammerorchester für sich, eine Zwei-für-Eins-Musikaktion – aber nicht marktschreierisch, sondern mit Witz und Zartgefühl für den Film zugleich.

Günter A. Buchwald beherrscht alle Stile, von Barock über Jazz bis Zeitgenössisch; er spielt Klavier und Violine. Manchmal beide Instrumente zugleich. Wie macht er das? «Ich mache nur, was physikalisch möglich ist», gibt er zu. Nicht um der Akrobatik Willen, nicht um anzugeben, sondern «weil ich in diesem Moment eine neue Farbe haben will».

Die Geige kann den perkussiven Klang des Klaviers aufbrechen, kann Klischees bedienen: Geige gleich Liebe. Buchwald möchte mit ihr aber auch Klischees brechen, etwa indem er auf der Geige kratzt, klopft, quietscht.

Der stumme Film wird durch ihn zum musikalischen Live-Erlebnis, zum grösseren, akzentuierten Seh- und Hörgenuss. Buchwald belebt die Dialoge, akzentuiert den Slapstick, animiert die Handlung. Schon im 40. Jahr. Über 3000 Stummfilme hat er begleitet — europäische, amerikanische, asiatische. Immer auswendig, meistens improvisiert.

Er ist der Hausstummfilmpianist des Stadtkino Basel, des Filmpodiums Zürich, des kommunalen Kinos in Freiburg. Er dirigiert seit zehn Jahren das Philharmonische Orchester in Freiburg zu Stummfilmmusik, er wird an Stummfilmfestivals in aller Welt gerufen, von Pordenone bis San Francisco. Und er hat einen Lehrauftrag an der Jazzakademie in Basel, wo er unter anderem Improvisation unterrichtet — auch in der Hoffnung auf Nachfolger.

Als Kind Schritte paraphrasiert

Selber kam Günter A. Buchwald nur auf den ersten Blick zufällig zur Stummfilmmusik. 1978, er war Student, wurde er vom kommunalen Kino Freiburg angefragt: Kannst du bitte was spielen zum «Glöckner von Notre Dame»? Er improvisierte ausgehend von Bartóks Allegro Barbaro, das lag grad nah, es war seine Abschlussarbeit. Und der Anfang seiner neuen Karriere.

Auf den zweiten Blick hat da einer zu seiner von Kind an angelegten Berufung gefunden. Er habe schon als Primarschüler immer am Klavier improvisiert, paraphrasiert. Er konnte noch nicht Noten lesen, aber er hatte die Musik im Kopf, der älteren Schwester beim Blockflötespielen abgehört.

Mit etwa 13 begann er Visuelles zu vertonen. Menschen, die verschieden laufen, Fotografien. «Es war mir lange nicht bewusst, dass das etwas Spezielles ist.» Erst in der Retrospektive sei ihm aufgefallen, «dass ich offensichtlich einen Blick für Visuelles habe und gleichzeitig Musiker bin.»

Die Pause ist essenziell

Was ist sein Geheimnis? Das wird er oft gefragt. «Ich habe kein Geheimnis», sagt er. Entscheidend sei der Sinn für Dramaturgie, dafür «wie das ist, wenn das Visuelle mit dem Auditiven zusammenkommt.» Das Verhältnis sollte ausgeglichen sein. Die Musik sollte den Film weder dominieren, noch zu unselbstständig daherkommen.

Beim Tonfilm fragt man sich: Wo kommt Musik dazu? Beim Stummfilm: Wann mache ich Pause. Nur Anfänger meinten, wegen der Stille die ganze Zeit in Aktion sein zu müssen. Der Profi weiss, wann er an der richtigen Stelle eine Pause macht. Manchmal reichen zwei Sekunden.

Am Anfang habe er zu viel gemacht. Fuhr bei Nosferatu das volle Gruselrepertoire auf, beim Glöckner ganze Schlachten. Sich zurückzunehmen, das hat Buchwald mit den Jahren gelernt. Innehalten, um dann wieder Akzente zu setzen, neue Aufmerksamkeit zu erregen. Heute spielt er zu Nosferatu Liebesmotive; betont die romantischen Aspekte, die Frau, die sich aufopfert— sehr wagnerisch, sehr «Fliegender Holländer».

Der Stummfilmmusiker interpretiert das Stück? «Ja, wir sagen, was man sieht.» Und der Zuschauer merkt das oft nicht? «Nein, das ist das Schlimme.» Ein bekannter Filmmusikpapst habe einmal zu ihm gesagt, er sei froh, nicht im Getto des Stummfilmfestivals zu stecken. Und Günter A. Buchwald dachte so für sich: «Wenn er wüsste, wie vielfältig das Feld ist, wie frei man sich darauf bewegen kann!»

Beim Stummfilm ist der Komponist befreit von kommerziellen Zwängen, befreit vom Regisseur, der sagt, wie es sein soll. Vorlagen gibt es meistens keine, und wenn, dann selten verbindliche. Bei Tausenden von Filmen ist er frei.

Manche Stummfilme werden erst jetzt (wieder)entdeckt, digital restauriert. Etwa «Casanova» von 1927. Buchwald komponiert eine Orchestermusik dazu, nächsten Frühling wird er live mit der Basler Sinfonietta die Premiere dirigieren. Der Filmregisseur ist schon lange tot. Erlaubt ist, was gut ist. Ein Casanova, der musikalisch verführt.

Live. Am 21. März, um 20.30 Uhr, vertont Günther A. Buchwald im Club des Jazzcampus Basel mit drei Musikern den Stummfilm «Tabu» von Murnau ( 1931).

Am 2. und 3. April dirigiert er in Freiburg das dortige Orchester zu «Goldrausch» 19 Uhr Theater Freiburg, grosses Haus.

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