Ihre Augen sind auf eine gigantische Leinwand projiziert. Sie sind geschlossen. Es wird’s dunkel und mit dem Einsatz der Musik öffnen sich die Augen, werden lebendig und blinzeln ins Publikum. Gleichzeitig wird der Star des Abends langsam auf eine kleine Bühne mitten im Hallenstadion gehoben. Ganz allein steht sie dort im Scheinwerferlicht, ihr langes, dunkles Kleid funkelt, ihre Stimme bebt. Adele, die Superdiva. Königlich, göttlich, unnahbar und geheimnisvoll. Doch dann steigt die Königin hinab, wird eins mit Volk und watet sich durchs Publikum zur grossen Bühne. Diese Szene ist sinnbildlich für Adele.

Der Vorhang hebt sich und der Blick wird frei auf ein 21-köpfiges Orchester mit acht Streicherinnen, vier Bläsern, drei Backup-Sängerinnen und einer sechsköpfigen Band. Grosses Kino und ein grosser Sound für die neue Königin. Standesgemäss. Dabei ist es doch nur ihre Stimme, die Adele königliche Weihen verleiht. Diese Stimme, die auch die durchschnittlichsten Songs des neuen Albums in kleine Perlen verwandelt. Diese berührende, ungekünstelte, leicht heisere Stimme, die in den besten Momenten des Zürcher Konzerts zu zerbrechen droht, um doch wieder zu neuen Höhen aufzuschwingen. Mit voller Wucht und überwältigender Kraft.

Aber Adele kann nicht nur schmettern und imponieren, sie beherrscht auch die Feinheiten. Das wird vor allem im akustischen Teil deutlich, wo, nur von Gitarre und Bass begleitet, die Raffinessen ihrer Gesangskunst am besten zur Geltung kommen. Mehr braucht es eigentlich nicht, mehr braucht sie nicht. Man wünschte sich, Adele im kleinen, intimen Rahmen erleben zu können.

Adele ist aber auch eine Perfektionistin, die selten an ihre Grenzen stösst. Oft hat man das Gefühl, dass bei ihr noch mehr gehen könnte. Intensiver, virtuoser, überschwänglicher. Doch Adele ist eine Konservative, bleibt diszipliniert und trifft damit den Geschmack eines breiten Publikums. Sie beherrscht die Farbenlehre des Soul, stellt sie aber nie in Frage und reizt sie nie aus.

Umso undisziplinierter ist Adele als Conférencière. Die 28-jährige Britin spricht, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie ist ein echtes Plappermaul. In Zürich ist sie jedenfalls kaum zu bremsen und lässt in ihrem Cockney zum Gaudi des Publikums manch ein „Fuck off“ oder „shit“ fahren. Sie plaudert und plodert wild drauflos. Selten gehaltvoll, manchmal aber auch wirklich lustig. Ihr beherztes Geplapper kontrastiert auf jeden Fall mit den mehrheitlich schwermütigen bis dramatischen Songs und bricht sogar die Stimmung. „Shut up and sing“, möchte man ihr dann zurufen.

Doch Adele ist anders. Ihr unstandesgemässe Auftreten ist auch sympathisch und erfrischend. Die Frau ist wunderbar selbstironisch und nimmt sich selbst immer wieder auf die Schippe. Die Königin ist eine Ulknudel und entwürdigt sich selbst. „I love to be a dramaqueen“, sagt sie und lacht. Adele macht das Drama erträglich. Vor allem sucht sie immer wieder den Kontakt zum Publikum, blödelt mit den Fans, lässt sie Selfies machen und ist sich nicht zu schade, ein „Happy Birthday“ anzustimmen und die Welle zu machen. Adele sucht die Bodenhaftung, will eine volksnahe Königin sein, ein Superstar zum Anfassen, eine Superdiva wie du und ich.