Lucerne Festival
Abbados Orchester ist tot

Analys zur Debatte um das Lucerne Festival Orchestra mit Dirigent Andris Nelsons. Ist er wirklich der falsche Dirigent, wie die NZZ meint?

Christian Berzins
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Dirigent Nelsons im KKL.

Dirigent Nelsons im KKL.

Lucerne Festival

Der Laden läuft seit 15. August. Und die Wiener Philharmoniker kommen erst heute Freitag! Noch einmal werden an drei Abenden 1800 Menschen im KKL sitzen, eine Schweizer Bank wird den Abend ermöglichen. Bisweilen gabs diese Wochen an einem Abend auf jedem KKL-Stock einen Sponsoren-Empfang. Lucerne Festival ist das angesagteste Musikfest der Schweiz – und der begehrteste Kulturanlass der Förderer und «Freunde» (Mäzene) geworden. Mit deren 12 Millionen hat man dem Opernhaus Zürich längst den Rang abgelaufen. Dort hilft der Kanton mit 81 Millionen aus, kleinere Institutionen haben das Nachsehen. Das kann man Lucerne Festival nicht vorwerfen. Nur 4 Prozent des Budgets (26 Millionen) zahlt der Steuerzahler. Und er erhält viel dafür.

Das Festival als Brückenbauer

Lucerne Festival hat gemerkt, dass es die elitären Konzertabende mit einer Öffnung ergänzen muss. Öffnung heisst für Intendant Michael Haefliger nicht (nur), dass man auf irgendwelchen Plätzen ein paar peruanische Artisten tanzen lässt, sondern dass man die grossen Festivalkünstler in neuem Umfeld präsentiert: für alle. Gratis. Das neue Format «40 Minuten» schlug ein. 500 Leute mussten beim Auftritt von Dirigentenstar Simon Rattle abgewiesen werden. Lucerne Festival hat begriffen, wie das berüchtigte «Brückenbauen» geht. So entsteht eine Festivaleuphorie, so gehen auch die 320 Franken teuren Karten für die Sinfoniekonzerte weg.

Bei allem modernen dramaturgischen Zauber – von Artiste Etoile bis Composer in Residence: Am meisten diskutiert wurde die Frage, ob es Andris Nelsons schaffen würde, Claudio Abbado am Pult des Festspielorchesters zu ersetzen. Die Frage war falsch. Der junge Lette konnte die Symbolfigur des Festivals nicht ersetzen, konnte nicht wie Abbado dirigieren. Wer mit diesen Erwartungen im Saal sass, musste enttäuscht werden. Die in Luzern Einfluss besitzende «NZZ» etwa. Allerdings war von vornherein klar, dass ihrem ersten Musikkritiker, Peter Hagmann, ein junger Dirigent, der der Tradition verbunden ist, nicht passen würde. Ob Riccardo Muti, Zubin Mehta, einst Lorin Maazel, Daniel Barenboim, Christian Thielemann oder Mariss Jansons: Alle kriegen regelmässig ihr Fett ab. Erstaunt es, dass er nun in Nelsons einen Dirigenten mit «überschiessendem Gestaltungswillen» erkannte, der bei Brahms’ 3. Sinfonie «eine Sauce» anrichtete? Vorbehalte gegen Nelsons gab es auch bei anderen, aber sie entstanden alle aus dem Vergleich mit Abbado. Wer könnte dem standhalten? Dudamel? Haitink? Barenboim? Karajan? Orpheus?

Doch nicht nur die Verklärung Abbados, auch die Verklärung des Lucerne Festival Orchestra (LFO) hat eigenartige Züge angenommen. Dieses «beste Orchester der Welt» spielte mit Abbado quasi ausser Konkurrenz. Als das LFO 2012 aber in Wien spielte, bezweifelte die Presse, dass es sich da um ein Spitzenorchester handelt. Zu Recht! Es gibt in der Musikkritik immer mehr als zwei Ohren, die (Un-)Recht haben.

Veränderbares Orchesters als Konstante

Sicher ist, dass es nicht ein ewig gleiches LFO gab. Die Konstante sind die Musiker des Mahler Chamber Orchestra – dieses Jahr bildeten sie mehr als 60 Prozent des LFOs! Viele der «Stars» aus der Ur-Besetzung von 2003 sind längst verschwunden: Klarinettistin Sabine Meyer, Oboist Albrecht Mayer, Cellistin Natalia Gutman, Geiger Kolja Blacher etc. Das Orchester veränderte sich laufend. Wird Nelsons sein Dirigent, werden – zum Vorteil des Orchesters – auch «Nelsons» – Musiker in den Klangkörper integriert werden. Dies ist nicht das Abbado-Orchestra, es ist das Lucerne Festival Orchestra! Dieser veränderbare Klangkörper wird eine Konstante bleiben.

Wie lange allerdings Nelsons bleibt, steht auf einem anderen Blatt. Er wird keinen Vertrag unterschreiben, der länger als bis 2018 dauert – so lange nicht, bis die Berliner Philharmoniker ihren neuen Chef bestimmt haben. Er gilt – logisch – auch als Kandidat. Der aktuelle Berliner Chefdirigent Simon Rattle könnte dann das LFO leiten ... Spekulation! Jetzt wird es von Nelsons geleitet – und mit 96-prozentiger Sicherheit wird er das auch 2015 tun. Denn er entfaltet die Fähigkeiten dieser losen Einheit anders als Abbado, aber nicht minder eindrücklich. Nun geschehen die Klangwunder ohne Zauberei.

Lucerne Festival ist auf Kurs. Und das, obwohl man am Scheideweg steht.

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