Herr Blomstedt, Sie stehen nun seit über 60 Jahren am Dirigentenpult...

Herbert Blomstedt: ... aber ich fange immer bei null an. Ich denke nie: Das kann ich schon. Das wäre tödlich, dann wird es Routine. Gott sei dank ist die Musik, die wir machen, von einer Grössenordnung und Tiefenordnung, dass man nicht alle Aspekte aufs Mal erfassen kann.

Kafka sagte: Wer sich die Fähigkeit erhält, Schönes zu erkennen, wird nie alt.

Er hatte recht. Es gibt so viel zu entdecken. Nicht nur in der Welt, sondern auch in der Kunst und Musik – und all die Menschen. Neugier ist eine sehr menschliche Eigenschaft. Wenn man mit 30 glaubt, alles gesehen und entdeckt zu haben, ist das schade.

Sie dirigieren in Zürich Beethovens Siebte und Achte. Weshalb im Doppelpack?

Die siebte Sinfonie ist wie ein Überfluss an Energie und Rhythmus. Aber sie musste irgendwo aufhören. Es ist etwas vom Schwersten gut aufzuhören – auch im Leben. Jemand sagte, Beethoven war so voll von der siebten Sinfonie, dass der Überfluss in die Achte hinüber geschwappt ist.

Was können wir heute von Beethoven lernen?

In Japan bekam ich einen Brief: «Ich bin Banker und verzweifelt. Es passiert so viel Unethisches in der Bankenwelt, dass ich es kaum ertrage. Die ganze Welt ist voller Betrug. Dann kam ich in Ihr Konzert und hörte eine Beethoven-Sinfonie. Alles hatte seinen Platz und seine logische Entfaltung. Am Ende dachte ich: Wenn das in der Musik möglich ist, muss das auch in der Bankwelt und für mich möglich sein.» Für den Banker war Beethoven wie eine Erlösung.

Beethovens Musik ist wie ein Gang durchs Dunkel zum Licht.

Das ist ein Teil der Faszination, dass die Menschen das erleben, wenn sie es hören. Immer wird ein Problem gestellt und eine Lösung gefunden. Das gibt der Musik einen hohen ethischen Wert. Das Schöne ist, dass diese Idee allen Menschen verständlich ist. Man braucht keine Sprachkenntnisse, keine musikalischen Kenntnisse, nur offene Ohren.

Was haben Sie von Beethoven gelernt?

Ich habe noch viel zu lernen von ihm! Wenn er heute gelebt hätte, wäre er sicher nicht Kommunist gewesen. Aber Gleichheit war sehr wichtig für ihn. Das kann man von ihm lernen. Und er war zu grosser Liebe fähig. Diese Wärme hört man in seiner Musik. Aber vor allem kann man den Willen hören. Die Cousine meiner Frau war Professorin in Österreich und mochte es gerne bequem. Als wir in den Ferien Badminton spielten, rief ihr Mann: «streng di doch a bissele an.» Das ist wie Beethoven. Man muss sich a bissele anstrengen.

Wenn Sie dirigieren, hat das immer etwas Federndes. Ich musste tatsächlich an Sportler aus den 1920-er Jahren denken.

Ich liebte in der Schule Athletik, ich war sogar Champion für Langlauf und Hochsprung.

Das hört man.

Es kommt von meinem Vater. Er war Theologe, hatte aber eine sehr gute körperliche Physis. Als Junge imponierte er den Mädchen, indem er im Handstand um den Block ging. Für so eine Physis kann man nur dankbar sein.

Musiker sagen über Sie, seit Ihrem Achtzigsten würden Sie immer jugendlicher.

Das ist natürlich Illusion. Man erwartet das Gegenteil, und wenn man sich dann fit hält, wirkt es erstaunlich. Ich spiele jedes Jahr mit der Philharmonia in London. Letztes Jahr kam der Vorstand und sagte: Wir freuen uns auf das nächste Konzert. Dann werden wir alle ein Jahr älter sein, aber Sie ein Jahr jünger.

Sie haben den Zw iten Weltkrieg erlebt, Sie haben in der DDR dirigiert. Hat diese Erfahrung Ihr Musizieren verändert?

Ich kam 1969 das erste Mal nach Dresden. Das Orchester war von einer künstlerischen Sensibilität und Selbstdisziplin, die ich nie vorher oder nachher erlebt habe. Alles musste perfekt und schön sein. Aber aus der Musik heraus, nicht aus militärischer Disziplin. Man hätte ja denken können: Das ist DDR, die haben Angst, ihren Job zu verlieren, wenn sie eine falsche Note spielen. Gar nicht. Das waren wunderbare Persönlichkeiten.

Woran liegt das?

In der DDR musste man Persönlichkeit haben, um zu überleben. Es galt, loyal zu sein gegenüber dem Staat, um keine unnötigen Probleme zu haben. Aber man wusste: Was die machen, geht uns nichts an. Bei anderen DDR-Orchestern ist auf jeder Reise einer abgesprungen. Bei der Kapelle nicht. Das hat mir enorm viel bedeutet.

Was denken Sie, wenn Sie Daniel Harding oder Gustavo Dudamel sehen – also junge, sehr erfolgreiche Dirigenten?

Ich gönne ihnen das. Das sind sehr talentierte Leute. Man muss sich fragen, wie es sich auf die Dauer auswirkt. Daniel Harding kenne ich gut. Er hat viel Erfahrung, auch in Alter Musik, das befruchtet seine Interpretation. Dudamel hat leider nichts davon. Der hat vor allem sein Charisma und seine Fröhlichkeit. Und er lernt sicher unterwegs sehr viel. Wenn man zu viel Erfolg zu früh hat, kann es gefährlich werden.

Die heutige Klassikindustrie dreht sich immer schneller.

Vielen hilft das sehr. Man muss aber den Umgang damit wissen – auch die Manager. Elias Canetti schrieb: «Erfolg ist das Rattengift der Menschheit. Sehr wenige überleben es.» Man soll dankbar sein für Erfolg, aber er soll nicht unser Leben prägen. Wir sind immer Anfänger.