Ein hinaufkatapultiertes «Genie» mehr auf dem Plattenteller – ohne Halt, sodass es alsbald ins Nichts geschleudert wird? Die Spötter dürften sich im Falle des polnischen Kanadiers Jan Lisiecki irren. Das ist ein Tausendsassa, von dem wir noch viel hören wollen. Vielleicht auch deswegen, weil er gerade das nicht unbedingt will. Die journalistischen Donnerworte wie «Genie» («Der Spiegel») und «Wunderkind» prallen an seinem jugendhaftem Lächeln ab. Dieser junge Mann spielt Mozarts Klavierkonzerte mit solchem Tiefsinn und Leichtigkeit, dass man nur strahlen kann.

Gleich zu Beginn des Treffens im fensterlosen Künstlerzimmer der Zürcher Tonhalle schenkt er dem Journalisten mit lockerer Geste ein Tütchen «Wisnie», die polnische Antwort auf «Mon Chérie». Und nach fünf Minuten wird geplaudert und diskutiert, als hätte man das fünfte gemeinsame Interview in einem langen Leben. 18 Jahre ist Lisiecki aber erst alt.

In Calgary ist er 1995 geboren, begann mit fünf Jahren Klavier zu studieren, machte schon bald als Pianist in Kanada auf sich aufmerksam, übersprang die Schulklassen wie andere Turnstangen und war mit 17 ein international gefragter Pianist. Schon mit 16 nämlich durfte er mit der Sinfonia Varsovia Chopins zwei Klavierkonzerte einspielen – im selben Jahr hatte er jenen Vertrag unterzeichnet, von dem die meisten Pianisten ein Leben lang träumen: jenen der Deutschen Grammophon. Eine famose Chopin- und eine überaus sinnlich-kluge Mozartaufnahme folgten sogleich.

Fast 90 Konzerte pro Jahr

Heute reist er von Orchester zu Orchester, verzückt die Abonnenten in Peking genauso wie jene in Wien. Im Dezember spielte er im kanadischen Regina, flog via Florenz nach Luxemburg, war ein paar Tage bei Oma und Opa in Polen und spielt nun zweimal mit dem Tonhalle-Orchester in Zürich. Alles in allem waren es fast 90 Konzerte im Jahr 2013. «Das ist noch nicht zu viel, es soll aber nicht mehr werden. Ich fühlte mich davon nicht bedrängt, kann mich glücklich schätzen, dass ich auswählen darf, welche Konzerte ich spielen will», betont er.

Überzeugt sagt er denn auch, dass der Erfolg für ihn keine Gefahr sei, denn er sei nicht alleine, wisse eine Familie hinter sich. Wenn es so weiterginge, wäre das toll für ihn. Wenn nicht, würde er sich im Alltag durchaus zurechtfinden. «Ich bin kein Mensch, der sich wie Glenn Gould in seine Wohnung verschanzt, ich bin ein durch und durch glücklicher Mensch. In der Arbeit mit der Musik ist das unheimlich wichtig, weil so viel von aussen an mich herangetragen wird: die Reaktionen des Publikums, die Kritiken, der Glanz … Sie müssen nicht die Anzahl der Konzerte sehen, sondern meine Freude.»

Seine Eltern sind – bezeichnenderweise? – weder musikalisch noch besonders kunstaffin, und doch sagt er: «Spielte ich immer besser, dann dank meiner Familie, nicht wegen ihr. Meine Eltern machten nie Druck, sagten nie: Übe jetzt!»

Die Mutter ist auf seinen Konzertreisen fast immer dabei, der Vater immer wieder mal. Jan liebt das. «Es ist, wie mit dem eigenen Heim zu reisen. Das gibt mir das Gefühl, mich weiterhin als normale Person zu fühlen – so gut das möglich ist.»

An solchen Sätzen erkennt man die Grösse dieses Bürschchens. Er reflektiert den Hype um ihn, erkennt genau, dass dieses schwarz-weisse Leben zwischen Peking und New York nicht mehr ganz normal ist. Nicht, dass er das Reisen nicht mögen würde, aber die Einsamkeit fürchtet auch er. «Wer in diesen Städten allein ist, geht doch nicht in die Museen! Sie verspüren gar keinen Wunsch danach, etwas zu unternehmen. Wir sind eine Familie, in der man sich sehr nahe ist, das möchte ich noch lange behalten.»

Papas Opernqualen

Vor einem Jahr in New York, als er mit dem dortigen Orchester gleich vier Abende hintereinander bestritt, besuchte er auch die Metropolitan Opera, sah Hector Berlioz’ «Trojaner», er lächelt und sagt: «Für meinen Vater war das etwas schwierig, es war sein erster Opernabend – und Sie wissen ja, die Trojaner dauern fünf Stunden . . .»

In Zürich war am Mittwoch für den «Fidelio» am Opernhaus keine Zeit, dafür habe er immerhin etwas Weihnachtsstimmung eingeatmet, als er in der Bahnhofstrasse die Beleuchtung Lucie bestaunte. Die verpasste Oper betrübt ihn, denn der Gesang interessiert Lisiecki: «Der Flügel ist ein perkussives Instrument, da muss man achtgeben, die gesangliche Linie im Ohr zu behalten.» So weit wie András Schiff, der zu diesem Zweck ganze Opernpartituren studiert, ja dirigiert, ist er aber nicht. Noch nicht. «Ich entdecke zurzeit so viel in den neuen Werken, die ich spiele, da blieb keine Zeit, auch noch Opern zu studieren.»

Opernkenntnisse hin oder her: Sind ihm die Genie-Schlagzeilen keine Last? «Nein, ich freue mich, dass die Konzerte den Menschen gefallen, für einige vielleicht gar inspirierend sind. Ich spiele nicht, um eine Frau zu finden, ich mag es einfach, Konzerte zu geben. Ich bin ein Kind von 18 Jahren – ein junger Mann, wenn Sie wollen. Das ist alles.» Anders gesagt: Lisiecki ist kein Klaviergott à la Franz Liszt, auch kein kleiner Horowitz, sondern der glückliche Jan. Das ist ziemlich viel.

Und doch muss man es ihm nochmals vor Augen halten, dieses durch Schlagzeilen angelockte Publikum, das in die Konzerte strömt, um ein Genie zu hören. Er winkt erneut ab: «Ich spiele nicht, um etwas zu demonstrieren – das ist doch alles in der Musik: Die Genies sind Mozart und Chopin, ich teile sie mit dem Publikum.»

Respekt vor Claudio Abbado

Die Jugend wird bewundert, er selbst bewundert die grossen Alten – vor allem Arthur Rubinstein (1887– 1982). «Aus seinem Spiel spricht eine Würde, aber auch viel Raffinesse.» Ihn beeindruckt auch, wie erhaben der Pole am Klavier sass, ganz ohne Show. Von den Lebenden nennt er Martha Argerich, Krystian Zimerman und Murray Perahia. «Diese Künstler haben etwas zu sagen. Nur solche Persönlichkeiten können es schaffen, 200 Jahre alte Werke immer wieder neu und anders zu beleben. Menschen wie ihnen gelingt es, Mozart in die Gegenwart zu bringen. Das ist anders als im Pop oder Rock. Der erste Interpret ist meist der beste. Wird dessen Musik nachgespielt, wird es weniger interessant.»

Er ist den Legenden auf den Fersen. Die launische Martha Argerich ersetzte er schon zweimal mit Leichtigkeit – beim zweiten Mal aber war er nervös, stand da doch Dirigentenlegende Claudio Abbado am Pult. Im Vorfeld hatte er den Horrorgeschichten geglaubt, dass Abbado wegen schlechter Solisten schon mal wutentbrannt das Podium verlasse. Der Abend wurde für alle beglückend, und das lag wohl auch an Lisieckis Kunst. Typisch auch, dass er sich mit dem überaus eigensinnigen Mozartpianisten und Dirigenten Christian Zacharias blind verstand, als man sich für die Aufnahme der zwei Mozartkonzerte traf.

Kaum ist das Interview nach einer Stunde vorbei, ist ein Drängen in ihm zu spüren. Er hüpft unbeschwert die Treppen der Tonhalle hinunter, zwängt sich in die Windjacke und eilt zurück ins Hotel. Dort warten bereits Mami und Papi.

Konzert: Tonhalle Zürich, Samstag, 21. 12., 19.30 Uhr, Sonntag 22. 12. 17 Uhr, Karten: 044 206 34 34. www.tonhalle-orchester.ch. Lisiecki spielt das 1. Klavierkonzert von Chopin. Dazu gibts Mozarts Sinfonie C-Dur KV 338 und Richard Strauss’ «Till Eulenspiegel» mit dem Tonhalle-Orchester Zürich, Leitung Cornelius Meister.

CD: Mozart, Klavierkonzerte 20&21, Deutsche Grammophon 2012. Chopin, 12 Etudes op. 10, 12 Etudes op. 25, DG 2013.