Rolando Villazón

«....kommen Sie mir nicht mit dem Klischee der dummen Tenöre!»

© Harald Hoffmann

Opernbühne, TV-Studios, Regiepult, Schriftstellerklause: Rolando Villazón ist überall zu Hause. 2009 stand der Tenor aber vor dem Nichts: Wegen einer Zyste drohte das Karriereende. Jetzt ist er zurück und singt neue Rollen. Bald auch in Luzern.

Sein Furor ist unheimlich, die Energie steckt an – die Sängerkollegen bestimmt, und auch den Journalisten. Rolando Villazón ist nicht zu bremsen. Die vom Management vorgegebenen 40 Interview-Minuten übertrifft er locker ums Doppelte: Ein Glück, dass in einem schmucklosen Hotelcafé im Nordosten von Paris keine «Aufpasser» dabei sind. Er lacht, er singt, er turnt – und wird alsbald sehr nachdenklich. Ein Tipp für die Fans: Wer dieser Tage die Dada-Ausstellungen in Zürich besucht, dürfte den Startenor dort antreffen. Und am Lucerne Festival.

Rolando Villazón, am 19. November 2015 twitterten Sie: «20 Jahre auf der Bühne! Auf in die nächsten 20 – und mehr!»

Rolando Villazón: (Lächelt)

War das Ihr Ernst?

Ja und nein. Es ist egal, wie lange meine Karriere noch dauert, ich erlebte bislang 20 tolle Jahre. 20 Jahre mehr? 5 mehr? Das werden wir sehen. Ich liebe das Leben mitsamt einem guten Bier viel zu sehr. Ich muss plaudern, diskutieren, flanieren – muss erfüllt leben. Aber wenn ich die Neugier behalte, neue Sachen zu finden, dann singe ich vielleicht noch mit 70.

Als ich 1995 mit dem Tenor Francisco Araiza über seine zu Ende gehende Karriere sprach, meinte er nüchtern: «Ein Tenor hat 20 bis 25 Jahre, meine dauert schon 27. Franco Corelli und Giuseppe di Stefano sangen nicht länger. So what?»

Ich glaube nicht, dass ein Tenor so und so lange auftreten muss – oder auftreten kann. Gerade sang ich in München die Uraufführung von «Southpol» von Miroslav Srnka. Während der Komposition hat er entdeckt, dass man zwar Musik für die Geige oder fürs Klavier schreibt, aber dass man Musik nicht für den Tenor, sondern für einen Menschen, der wie ein Tenor singt, komponiert. Jeder von uns ist ein einmaliges Instrument – auch Araiza. Ich bin kein Tenor, sondern ein Mensch mit einer Tenorstimme! Man kann auch in guter Verfassung sein und sagen: «Jetzt reicht es.»

Und wenn das Publikum «Jetzt reichts!» sagt?

Ein Sänger muss zuerst ein Sportler sein, danach wird er Künstler: Zwischen 35 und 45 gibt es nämlich in jeder Sängerkarriere Jahre, in denen man Anpassungen vornehmen muss. Da ist der jugendliche Elan weg, nun müssen die technischen Punkte sitzen, um weiterzukommen. Gewisse brauchen dafür mehr Zeit, brauchen einen Repertoirewechsel. Das ist ein Abenteuer, keine Krise. In diesem Moment der Orientierung muss man ehrlich sein und wissen, was einen glücklich und was zu einem kompletten Künstler macht.

Zeichnen Araizas Worte nicht eine typische Tenor-Angst aus? Haben Tenöre nicht mehr Versagensangst als andere Sänger?

Angst? Nein. Jeder Künstler denkt über die Zukunft nach, alle haben Fragen: Was soll ich singen? Was kann ich singen? Ich sage Ihnen, da gibt es tolle Sopranistinnen, die klagen täglich ihr Leid, fragen sich: Kann ich das noch mit 40 singen? Da drängen junge Sängerinnen auf die Bühne, und peng sind die 40-Jährigen weg vom Fenster, obwohl ihre Stimme sagt, dass sie noch im angestammten Fach bleiben müssten. Wagen diese Sängerinnen dann vielleicht einen Fachwechsel, schreit die Opernwelt auf: «Falsch!» Andere wollen Mutter sein und müssen das kombinieren.

Sie sind Vater.

O ja! Meine Familie ist mir unheimlich wichtig: 150 Tage pro Jahr bin ich zu Hause – das ist ein Vertrag mit meiner Familie. Ich muss deswegen ganz viele Angebote ablehnen – vor allem in den USA. Wenn dann meine Kinder in fünf Jahren sagen «Okay, Papa, wir brauchen dich hier grad nicht, du kannst nach Chicago gehen», dann wird es wieder etwas anderes. Aber wo bin ich in fünf Jahren? Man kann die Zukunft ja leider nicht vorhersagen (lacht). Das konnte ich auch 2005 nicht, als ich in Salzburg «Traviata» sang.

Wir zwei sprachen 2006 hier in Paris von dieser Zukunft, Sie sagten mir: «Ja klar, ich singe bald Trovatore, dann Otello – fliege immer höher!»

Oh, das würde ich gern nochmals lesen – es ist so bezeichnend! Die beiden Rollen sind nicht in meinem Repertoire, und ich habe kein Interesse an ihnen.

Haben Sie damals angegeben?

Nein, überhaupt nicht, ich dachte genau das. Es war richtig. Ein junger Tenor darf auf keinen Fall sagen: «Ich bin nicht sicher, ob ich je Otello singen will:» Der Athlet muss sagen: «Jaaaaaaaaa, Otellllooo!» «Jaaaaa, Manrrrriiiiiico!» Das ist eine tolle Arroganz. Man muss immer daran glauben, dass man sechs Meter hoch springen kann. Heute ist eine andere Mentalität verbreiteter: «O nein, das schaffe ich nie, ich kann nur ein Meter hoch springen.» Ich sagte schon auch mal Dinge wie «eine Karriere ist kein Sprint, sondern ein Marathon». Vergessen wird, dass auch der Sprint Freude macht.

War es falsch, dass Sie so forsch vorangingen?

Man lernt mit dem Leben, aber es gibt kein Richtig oder Falsch. Nach meiner Krankheit musste ich natürlich über vieles nachdenken, das war ein schwerer Einschnitt. Ich musste mich fragen: Was will ich machen? Ich muss singen, was mich neugierig und glücklich macht – und das ist nicht unbedingt das, was die Leute oder die Tradition sagen. Es ist mein System. Meine Seele muss sich glücklich singen.

Wurden Sie vom Betrieb – den Agenturen, den Dirigenten, den Opernfreunden – zu Falschem verleitet?

Ich bin selber verantwortlich für meine Entscheidungen und die Risiken, die mit ihnen kommen. Ich habe sowieso sehr oft Nein gesagt: zu «Forza del destino», zu «Pagliacci», zu «Cavalleria» – immer Nein!. Es gab viele Entscheidungen – die meisten waren gut.

Was war schlecht?

Ich hatte zum Beispiel ganze Interview-Tage, redete und redete, dachte: Das macht nichts. Und am nächsten Tag trat ich auch noch auf. Man ist jung, macht weiter, geht zur Probe, dann ins Flugzeug: man macht zu viel. Nicht nur ich: Wir alle machen zu viel. Aber das hatte mit meiner Krankheit nichts zu tun. Und auch wenn ich vor 15 Jahren weniger Des Grieux oder weniger Rodolfo und mehr Mozart gesungen hätte, wäre ich zur selben Zeit krank geworden. Es war eine genetische Veranlagung, die Zyste im Stimmband, und man sollte die Geschichte, wenn man sie erzählt, nicht reduzieren. Das ist auch für die junge Generation nicht gut. Jeder junge Sänger muss sich Herausforderungen stellen, aber über die spricht niemand.

Welche denn?

Die jungen Sänger haben tausend Dinge um die Ohren: Youtube, Twitter, Facebook, Blogs … Vor 50 Jahren las ein Opernsänger eine Kritik in einer Zeitung – vielleicht war er glücklich darüber, vielleicht nicht. Aber was die Leute in der Bar ums Eck sagten, hörte er nicht. Heute aber hören oder lesen Sänger alles. Ich bin nicht dagegen, finde es toll, dass man die Oper zum Thema macht. Aber es ist nicht für uns Sänger, es ist eine Sache fürs Publikum: Sänger haben genügend Leute, die sie professionell kritisieren: Dirigenten, Lehrer, Regisseure, Kollegen …

Sie wechselten in den letzten Jahren teils das Repertoire, lernten Neues …

… unglaublich, was ich jetzt in «Southpol», in Martinus «Juliette» oder in «Don Giovanni» gefunden habe: eine neue Welt und eine grosse Herausforderung für die Stimme! Eine wunderbare Arbeit – dabei werde ich glücklich und nochmals jung. Ich werde wieder zum Studenten.

Warum ist es normal, dass viele grosse Opernsänger 300, ja 400 Mal dieselbe Rolle singen?

Es ist bequem. Die Leute haben Erwartungen, die ein Sänger ganz genau kennt: Da ein Pianissimo, da ein Ausbruch – alle sind zufrieden. Also los, von vorn! Man weiss, wo man ist, was man kann.

Ein Bürojob.

Was ich mache, ist nicht der Weisheit letzter Schluss. Es gibt Kollegen, die singen immer dasselbe, erreichen damit eine Perfektion und sind glücklich. Das ist bewundernswert! Aber ich mag es nicht, wenn gewisse Sänger jammern: Ach, Gott ! Nochmals diese Partie! Wäre es doch schon vorbei, ich würde gern etwas anderes machen.

Sagen Sie solchen Kollegen: Los! Auf! Mach etwas anderes!»

Bei jungen Sängern mache ich das. Aber bei einem älteren? In der Psychologie ist ein solcher Einwand eine Aggression. Ich kritisiere ihn nicht, will ihn nicht ändern, sondern sage ihm etwas, an das ich glaube: Ich motiviere ihn.

Darf ein Sänger müde sein? Lustlos?

Ja. Es ist nun einmal auch eine Arbeit – manchmal geht es besser und manchmal schlechter. Und plötzlich wird es grossartig! Vielleicht, weil man nicht spontan drauflossang, sondern sich extrem konzentrieren musste.

Die Stimmung auf den grossen Bühnen scheint von aussen immer prächtig. Ist die Opernwelt eine falsche Welt?

Die sozialen Medien vermitteln dieses Bild. Facebook zeigt nur einen Teil der Welt, aber dieses Fenster taugt bereits ziemlich gut, um von unserer schönen Welt zu erzählen (er singt eine lustige Melodie und zeigt den Strahlemann). Wir Opernstars müssen immer lächeln, da winken, hier Hände schütteln: Das ist nicht das Leben, schon klar. Aber deswegen muss ein Sänger ja auf Facebook oder in einem Interview nicht sagen, dass er eine Depression hat und sich überlegt, ob er eine Flasche Wein trinken und Antidepressiva schlucken soll.

Nein, das nicht! Aber all das gibt es ja unter Sängern – und keiner spricht davon.

Es gibt das, ja, denn es gibt viel Stress in dem Beruf. Es gibt Sänger, die vermissen etwas, andere dachten vielleicht, dass es ganz anders kommen würde mit ihrer Karriere. Ich kenne sehr erfolgreiche Kollegen, die mit ihrem Beruf nicht glücklich sind, weil sie immer auf die anderen schauen, darüber jammern, was sie nicht haben. Das ist jammerschade.

Ist die Konkurrenzangst berechtigt?

Wer gut ist und aufsteigt, wird im mittleren Bereich keine Konkurrenz spüren, denn es gibt genügend Theater. Oben gibt es allerdings ein sehr grosses Konkurrenzdenken.

Das war früher auch so.

Ja, aber wir leben in einer anderen Welt. Schauen Sie einmal mein altes Handy an – na ja, Ihres ist ja noch viel, viel älter (lacht laut). Also ich mag mein Handy, meine Frau aber sagt jedesmal, wenn sie es sieht: «Kauf ein neues!». Oder schauen Sie meine geliebte Jacke an: Ich brauche diese Büroklammer, um den Reissverschluss hochzuziehen. Ich möchte diese Jacke aber am liebsten für die nächsten zehn Jahre behalten. Aber das passt nicht in diese Welt! Da geht’s bum bum bum weiter! Jetzt rot! Dann grün. Dann braun. Und das geht auch mit Schauspielern so.

Und mit Opernsängern …

Genau. Da war doch jetzt ein Bum? Wo ist der Nächste? «Ausverkauft» reicht nicht – wir brauchen den nächsten Tenor. Wo ist die nächste Geschichte?

Wer ist schuld daran?

Wir alle – Künstler, Agenten, Medien. Es ist der Zeitgeist.

Wie kann der Künstler das überleben?

Er muss ehrlich sein. Ich mache nicht mehr, als ich kann. Wenn ich da stehe, die Kamera aber dorthin zeigt, bleibe ich hier.

Ohne Metapher nun: Sie haben doch sehr oft die Kamera gesucht, waren in jeder TV-Show.

O ja, aber das macht mir Spass!

Sie sind dort aufrichtig?

Ich bin auch ein Clown, liebe
es, den Clown zu spielen! Ich liebe Shows, wo man bum – ääääääääääh – tscha bummm machen muss (macht Klamauk). Ich mache das nicht, weil ich ein Botschafter der Oper sein will. Es macht mir ganz einfach Spass.

In der Oper schreit das Publikum ja manchmal auch.

O ja! Und da muss ich mich fragen: Von wem nehme ich eine «Bohème»-Kritik an? Von dem, der wegen eines Hohen C ooooooaaaaaaaaaaaaaaaaah schreit, oder von dem, der hören kommt, wie grossartig Puccini etwas komponiert hat? Wer erhält mehr Applaus? Wer hat eine grosse Stimme? Wer die grössere Palle? Und so singen denn Sänger manchmal oooooooaaaa- aaaaaaaah. Und plötzlich geht man wieder raus und singt ganz anders: edel.

Mit Ihnen zu sprechen, macht Spass, aber es gibt andere …

… kommen Sie nicht mit dem Klischee der dummen Tenöre! Wer diesen Beruf auf der Bühne macht, ist hochintelligent. Aber viele sind nun mal allein an dieser kleinen Blase interessiert, die da heisst Ich. In dieser kleinen Blase gehen sie raus auf die Bühne und zeigen etwas, das sonst niemand kann. Es gibt auch grosse Schriftsteller, die keine Ahnung von klassischer Musik haben. Ich kenne einen, mit dem kann man nicht über Mozart sprechen.

In diese schöne Welt bricht ab und zu etwas ein, das nicht
sein darf. Am 7. Dezember waren in Mailand nach Vorhangfall
alle glücklich, und dann
beschimpfte der Regisseur den Dirigenten als «Arschloch».
Das Publikum rieb sich die Augen und fragte: Ist das die wahre Opernwelt?

(lächelt, dann ernst): Ich kann nicht über die zwei reden, aber ich erlebte oft Proben, wo Ähnliches passierte. Irgendetwas lief schief, der Sänger wehrte sich, man geriet sich verbal in die Haare. Es ist für mich als Sänger und als Regisseur wichtig, extreme Reaktionen zu erleben. Wir arbeiten mit uns selbst, mit unseren Egoismen, Narzissmen. Und manchmal knallt es dann halt. Danach kann man wieder ein Bier trinken.

Konzert: Di 15.3., W. A. Mozart «Il re pastore», KKL Luzern. Karten: www.lucernefestival.ch

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