Museum Langmatt
Postkarten einer Nobelpreisträgerin: Collagen von Herta Müller erstmals in der Schweiz ausgestellt

Herta Müller schreibt ihre Autobiografie in lyrischen Collagen. Die Langmatt in Baden stellt diese Bildpoesie erstmals in der Schweiz aus.

Anna Raymann
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Poetische Ideolgiekritik: Herta Müller zeigt ihre Collagen in der Langmatt.

Poetische Ideolgiekritik: Herta Müller zeigt ihre Collagen in der Langmatt.

Die Langmatt empfängt ihre Gäste mit der üblichen Opulenz. Unter strahlenden Kronleuchtern nicken ihnen die schönen Impressionisten zu, den Weg leiten Vitrinen voller feinstem Kunsthandwerk. Die historische Villa in Baden scheut gewiss nicht zu zeigen, was sie hat.

Der Ausstellungsraum im letzten Gebäudeteil hält dem nun mit der aktuellen Ausstellung «Der Beamte sagte» von Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller eine überraschende Zurückhaltung entgegen. Wo zuletzt die wilden, comichaften Bilder von Rose Wylie oder die grossformatige Malerei von Vivan Greven den Raum füllten, scheint er heute fast leer. Lediglich ein schmaler Horizont aus 140 Textcollagen im Postkartenformat zieht sich einmal quer über alle Wände. Es hilft nichts: Man muss näher herantreten – und liest sich fest.

Eine Autobiografie aus fremden Texten

Was aus der Distanz minimalistisch wirkt, ist aus der Nähe betrachtet ein ungemein dichtes Werk. Jede der 140 Collagen ist ein eigenes kleines Gedicht. Arrangiert hat sie Herta Müller aus Worten, die sie sorgfältig aus Zeitungen, Magazinen und Werbeprospekten ausschneidet. Aus Bruchstücken fremder Texte montiert sie ihre persönliche Geschichte. Fehlt ihr ein Wort, stutzt sie es sich zurecht.

Die Schriftstellerin arbeitet seit über 30 Jahren mit dieser Technik. Für sie sei es «eine Art zu schreiben, sonst gar nichts». Neu ist, dass sich die Karten inhaltlich aufeinander beziehen. Eins ums andere, so wie sie in der Langmatt auf sauberer Linie hängen, ergeben sie eine lyrische Autobiografie. Pünktlich zur Ausstellung erscheint die Erzählung ausserdem beim Hanser Verlag als Buch.

Aberwitzige Beamtensprache

Herta Müller wurde 1953 in Nitchidorf in Rumänien geboren. Ihre ersten Romane erschienen in Rumänien nur zensiert, es folgte ein Publikationsverbot. 1987 emigrierte sie vor der kommunistischen Diktatur und ihrer brutalen Geheimpolizei nach Deutschland. «Der Beamte sagte» erzählt von der erlebten Repression.

«Es ist mir ein Anliegen, mit Ausstellungen wie dieser auch einmal eine pointiert politische Haltung zu zeigen», sagt Markus Stegmann, Direktor des Museums. «Die Fragen, die Herta Müller aufwirft, sind immer noch aktuell und öffnen den Blick für heutiges Geschehen.» Herta Müllers Flucht aus Rumänien liegt Jahrzehnte zurück, heute sind es andere Kriege, die Menschen aus ihrer Heimat fliehen lassen.

Herta Müller ist Grenzgängerin zwischen Literatur und Kunst.

Herta Müller ist Grenzgängerin zwischen Literatur und Kunst.

Zvg

Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Auffanglager in einer westdeutschen Kleinstadt, «aussen himmelhohe Schachtel Innen Kaserne Mischung aus Kasten und Ferne». Hier erfährt die Erzählerin nicht wie erhofft Schutz und Sprechfreiheit, sondern weitere Willkür unter behördlicher Aufsicht. Auf unbequemen Stühlen sitzt sie vor dem Beamten Herrn Fröhlich von der Prüfstelle B und findet sich in aberwitzigen Gesprächen wieder:

«Der Beamte fragte nacheinander - Sie wussten immer, was Sie sind ich sagte ja – das heisst doch, Sie wollten Staatsfeind sein ich sagte nein – Sie hatten aber konkret nichts dagegen ich sagte so kann man nicht reden»

Es ist Textarbeit im wahrsten Sinne des Wortes. Das Postkartenformat diktiert einen strikten Rahmen: Mehr Platz als eine Karte bekommen die Wörter nicht, was dazwischen geschieht ist gekonntes Handwerk. Die lustig abwechselnde Typografie bricht schliesslich geschickt mit dem bitteren Inhalt. Fast schon etwas Kindliches haben die Textbilder an sich – wenn man nicht gerade an einen Erpresserbrief denkt.

Herta Müller ist ein Glücksfall für Baden

Wie aber kommt eine Literatur-Nobelpreisträgerin nach Baden? Eine überzeugende Anfrage an den Verlag, einige E-Mails, mehr brauchte es nicht, um die renommierte Schriftstellerin für ihre erste Ausstellung in der Schweiz zu gewinnen. «Die Ausstellung mit Herta Müller ist ein Glücksfall für Baden», sagt Museumsdirektor Markus Stegmann. «Sie zeigt, welche Möglichkeiten die Langmatt mit ihrer historischen Atmosphäre bietet.»

Es ist nicht das erste Mal, dass das Museum die Grenzen zwischen bildender Kunst und Sprache auslotet. Für die Ausstellung «Stimmen der Zimmer» arbeiteten Künstlerinnen und Schriftsteller zusammen, auch Sandra Senn inszenierte ihre Lyrik in Park und Villa. Die kleinen Postkarten von Herta Müller schicken nun die Poesie in den grossen Ausstellungssaal.

Der Beamte sagte: 5.9.-5.12. Villa Langmatt, Baden. Vernissage am 4.9. mit Kuratorenführungen

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