Das Luzerner Theater macht Mozart zum Marktplatz der Kulturen

Benedikt von Peter erzählt Mozarts «Serail»-Oper mit afrikanischen Performern, Sängern und dem Luzerner Sinfonieorchester frei nach: Das hintersinnige Spiel mit Klischees wurde an der Premiere vom Freitag auch zum Lacherfolg.

Urs Mattenberger
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Interkultureller Dialog mit Performern, Sängern (Zweite von rechts: Nicole Chevalier) und Erzähler (rechts: Hauke Heuman). (Bild: Knut Klassen)

Interkultureller Dialog mit Performern, Sängern (Zweite von rechts: Nicole Chevalier) und Erzähler (rechts: Hauke Heuman). (Bild: Knut Klassen)

Ein erstes Mal staunt man, wenn man den Publikumsraum des Luzerner Theaters betritt. Anstelle der Stühle steigen im Parkett ­Stufen hoch fast bis zum ersten Rang. Ganz hinten auf der Bühne lauert das Luzerner Sinfonie­orchester. Dazwischen, über dem geschlossenen Orchestergraben, türmt sich technisches Sound-Equipement zu einer Art Kommandostation. Sie zwingt einen zum Umherlaufen, wenn man von den Aktionen davor und dahinter etwas sehen will. Tatsächlich ist in dieser aus Bremen übernommenen Produktion alles in Bewegung. Das Publikum, das die Sitzplätze wechselt; die Sänger und drei Performer aus der Elfenbeinküste vom Kollektiv Gintersdorfer/Klassen, die die «Entführung aus dem Serail» «nach Mozart» als interkulturelle Kulturbegegnung nachspielen; die Musik, wenn Punkrocker Ted Gaier Mozart auf elektronische Beats und Sounds prallen lässt.

Exotische Männer gegen die Langeweile

Und da ist in der Inszenierung von Benedikt von Peter einer, der grossartig alles auf Trab hält: der Schauspieler Hauke Heumann. Er führt als intellektueller Conférencier, Übersetzer und Spielleiter Nummer für Nummer durch den Abend. Erklärt, dass das Erbe der Klassik heute wie in der «Altenpflege» nur mit fremden Kräften am Leben erhalten werden kann. Und dass sie mit dieser deutschen Oper, die in der Türkei spielt, damit Ernst machen: mit Performern aus Afrika, die eine lange «Tradition haben, als ­primitive Wilde betrachtet zu werden».

Heumanns Redeschwall erinnert an die Diskurstiraden eines René Pollesch und ist ein Herzstück der Produktion: Zwischen dem Vortrag einzelner Arien hinterfragen und ironisieren seine Ausführungen nicht nur Klischees rund um die Oper und ihr exotisches Sujet. Sie stellen immer dringlicher auch das mit Todespathos beschworene Liebesideal zur Debatte, das ihr zugrunde liegt.

Da stellt sich die Frage, ob die im Serail gefangenen Europäerinnen Konstanze und Blonde von Belmonte und Pedrillo wirklich befreit werden wollen? Vielleicht, so Heumann, ist für sie nach «heissen Erlebnissen mit exotischen Männern» die Langeweile einer bürgerlich-monogamen Ehe zu Hause die «Hölle»?

So operiert die Produktion selber mit Klischees gegen solche an. Das gilt auch für die Performance. Wie die ausdrucksstarken, körperintensiven Afrikaner die klassischen Sängerinnen in akrobatischen Tanzritualen aus der Reserve locken, ist heutzutage wohl MeToo-verdächtig. Aber das Premierenpublikum hatte am Freitag viel Spass am ironischen Spiel – eine Zuschauerin liess sich gar zu einer Tanzeinlage mit einem der Performer hinreissen und erhielt Szenenapplaus.

Doppelbödig bis zum Schluss

Neben dem «maschinenhaften Räderwerk» der Klassik, auf die der Untertitel «Les Robots ne connaissent pas le blues» anspielt, bekamen aber auch die Ivorer in diesem munteren Dialog der Kul­turen ihr Fett weg. Dass ein Afrikaner beim Stichwort «Amouuuur» – melodiös wiederholt wie eine Zauberformel – zuerst an das Statussymbol Auto denkt, spielte wiederum ironisch mit rassistischen Klischees. Der durchlässige Raum mit Publikum rundum bewährte sich als eine Art offener Marktplatz, auf dem das alles zwanglos versammelt und verhandelt wurde. Erstaunlich war, wie gut sich da die Klassiker einfügten, denen das Luzerner Sinfonieorchester unter Clemens Heil mit hingepeitschten Türkenmusiken den Rahmen vorgab.

Die Litauerin Nerita Pokvytyte emanzipierte sich mit ihrem Koloratursopran in Arien der Blonde, Hyojong Kim (Tenor) und Patrick Zielke (Bass) verblüfften auch durch schauspielerische Präsenz. Ein Höhepunkt verdankt der Abend aber der Sängerin Nicole Chevalier («Traviata»): Wie sie den Vortrag der Arie «Martern aller Arten» mit lapidar hingeworfenen Wörtern zwischen einzelnen Phrasen und Koloraturen kommentiert, ist eine Performance der Extraklasse.

All das bietet nicht nur beste, doppelbödige Unterhaltung. Es berührt auf eigene Weise, wo Heumann – auch in eigenen Songs – persönlich zu den etwas gross gewählten Themen Stellung nimmt und wo sich die Ironie der Produktion auf sie selber und auf uns bezieht.

Die Besucherin, der ein Performer ein Plakat in die Hand ­gedrückt hatte, wagte dieses bis kurz vor Schluss nicht loszulassen: ein unfreiwilliges Beispiel für die «Vorliebe für das Einhalten von Regeln», über die sich die Produktion genüsslich hinwegsetzt: frenetischer Applaus.

Nur noch drei Vorstellungen: heute, 19.00, 28. und 29. September, 19.30, Luzerner Theater.

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