Kino

«Mord im Orient-Express»-Neuverfilmung: Ein Schnauz zum Verlieben

Herrlicher Hauptdarsteller mit herrlicher Gesichtsbehaarung: Kenneth Branagh als Hercule Poirot.

Herrlicher Hauptdarsteller mit herrlicher Gesichtsbehaarung: Kenneth Branagh als Hercule Poirot.

Die Neuverfilmung des Agatha-Christie-Klassikers «Mord im Orient-Express» hätte langweiligstes Retortenkino werden können. Hätte!

Wenn Twentieth Century Fox bekannt gibt, dass im November eine Neuverfilmung von «Mord im Orient-Express» in die Kinos kommen soll, klingt das erst einmal so: Einer der berühmtesten Kriminalromane, heiss geliebt, tausendmal gelesen, Stammgast im Klassiker-Regal – landet in den Klauen Hollywoods.

Man nimmt eine Geschichte, so geschickt und liebevoll erzählt, dass jeder Anflug von kommerzieller Verwurstelung sie sofort zerstören würde – und wertet ihre lausige Umsetzung mit einem hochkarätigen Ensemble auf. Johnny Depp, Penélope Cruz, Michelle Pfeiffer, Willem Dafoe, Judy Dench.

Bei diesen Namen kommt das Publikum auch ohne brauchbaren Plot. Erscheinungsdatum auf Spätherbst, da sehnen sich die Menschen nach vorweihnachtlichem Feelgood. Zum Schluss ein flashy Regisseur, der Spass an opulenten Adaptionen hat – und fix ist der kassenklingelnde Retortenblockbuster.

Offizieller Filmtrailer zu «Mord im Orient Express»

Offizieller Filmtrailer zu «Mord im Orient Express»

Die Mischung machts

Die gute Nachricht: Keine einzige Befürchtung tritt ein. Auf dem Regiestuhl sitzt ein Mann, der seinen fair share an Theatralik mitbringt, aber mindestens genauso stark im Erzählen von Geschichten ist: Sir Kenneth Branagh, ausgezeichneter Shakespeare-Regisseur und -Theaterschauspieler.

Und bekannt unter Krimifans: In der gleichnamigen BBC-Serie spielt Branagh den schwedischen Kriminalkommissar Kurt Wallander. Die Mischung machts, das weiss Branagh allzu gut und greift für sein illustres Star-Aufgebot nicht zu tief in die Trickkiste. Die Ausstattung ist elegant, aber simpel, die Dialoge sind es ebenso. Die Charaktere sind nah am Buch, mit feinen zeitgenössischen Anpassungen.

Einer von ihnen hat den Mord an Ganove Mr. Ratchett auf dem Gewissen – und der 13. Passagier wird herausfinden, wer: Hercule Poirot, weltberühmter Kriminalist mit autistisch angehauchten Eigenheiten und einem Schnauz, der jeden Barbier ins Entzücken katapultiert – grosszügig geschwungen, voll und grau, bis an die Backenenden. Zumindest in dieser Verfilmung.

Der Schnauz machts

Es ist der grösste Schnauz, der dem belgischen Privatdetektiv bis anhin verliehen wurde, und er passt in seiner anmutigen Aufdringlichkeit hervorragend zur Strategie seines Trägers. Hercule Poirot ist ein hartgesottener Ermittler mit feinen Manieren – und wird von keinem Minderen als Branagh selbst gespielt.

Im Regisseur hat Poirot die ideale Besetzung gefunden: Man spürt dem Film seinen Protagonisten an, jede Szene, jede Bewegung, jeder Blick wirkt wie aus der Figur Poirot gegossen. Als wäre dieser mächtige Schnauz der wahre Fädenzieher hinter der Murder Mystery, ein graues, unerschütterliches Monument inmitten flirrenden Unsinns. Zeitloser Poirot, zeitlos gut.

Murder on the Orient Express (USA/MLT 2017) 114 Min. Regie: Kenneth Branagh. Ab Donnerstag, 9. 11., im Kino.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1