Klassik

Montserrat Caballé (†85): Die Missionarin des Gesangs ist verstummt

Die spanische Sopranistin Montserrat Caballé ist tot. Sie starb im Alter von 85 Jahren in einem Spital in Barcelona. Die Sängerin zeigte keine Berührungsängste und hinterlässt ein reiches diskografisches Erbe.

Sie brauchte den Gesang wie die Luft zum Atmen. «Gesang ist meine Mission», pflegte Montserrat Caballé zu sagen. Jetzt ist ihre Stimme für immer verstummt. Die spanische Opernsängerin starb am Samstag im Alter von 85 Jahren im Spital «Sant Pau» in ihrer Heimatstadt Barcelona. Die Katalanin galt als letzte grosse Operndiva.

Ihre unvergleichliche Karriere führte sie in alle grossen Opernhäuser der Welt und auf die Konzertbühnen rund um den Globus. Insgesamt hat die Sopranistin in über 60 Jahren mehr als 4000 Auftritte absolviert. Sie beherrschte über 80 Bühnenrollen.

"Die Beste der Besten": Operndiva Montserrat Caballé ist tot

"Die Beste der Besten": Operndiva Montserrat Caballé ist tot.

Debüt in Basel

Das Leben der María de Montserrat Bibiana Concepción Caballé i Folch erinnert an ein Märchen: Die Eltern des am 12. April 1933 in Barcelona geborenen (mit der Nabelschnur um den Hals, wie sie in ihrer Biografie schreibt!) Mädchens verloren im spanischen Bürgerkrieg ihr Hab und Gut. «Wir haben Hunger gelitten», erzählte Caballé. Irgendwann musste sie die Schule verlassen, um als Näherin zum Familienunterhalt beizutragen. Da ihr Talent schon damals zu erkennen war, fand sie Zeit, mithilfe von Mäzenen das Konservatorium zu besuchen und erste Auftritte zu absolvieren. Hunger und Nöte blieben aber vorerst. Mitte der 50er-Jahre zog die Familie deshalb als Gastarbeiter in die Schweiz. Ihr Debüt gab die junge Caballé denn auch mit 23 Jahren 1956 in Basel, wo sie als «Allround-Sopran» im Theater engagiert wurde. Sie debütierte als Mimi in Puccinis «La Bohème». Den internationalen Durchbruch schaffte sie 1965 als Einspringerin für Marilyn Horne in Donizettis «Lucrezia Borgia» in der New Yorker Carnegie Hall. Im selben Jahr debütierte Caballé an der Metropolitan Oper als Margarethe in Gounods «Faust». Danach begann ihre kometenhafte Karriere. Auf der Opernbühne waren die Sechziger- und Siebzigerjahre ihre fruchtbarste Zeit, wo sie stimmlich aus dem Vollen schöpfen konnte.

Dass sie einem breiten Publikum ein Begriff wurde, verdankt sie einem Projekt mit Freddie Mercury, der ein grosser Bewunderer der Caballé war. 1987 nahm sie mit dem Queen-Frontmann den Song «Barcelona» auf, der dann 1992 zur Hymne der Olympischen Spiele von Barcelona wurde. Die Caballé kannte keinerlei Berührungsängste. Sie trat oft in Samstagabend-Shows im Fernsehen auf und realisierte verschiedene Crossover-Projekte. Auch in der Schweiz sang die Sopranistin immer wieder. So im Opernhaus Zürich, in den Tonhallen von Zürich und St. Gallen, im KKL Luzern (zuletzt 2011) sowie 1986 in einem umjubelten Konzert im Theater Basel.

Sie hatte Stunden Verspätung, aber sie kam

Montserrat Caballé war 1997 zusammen mit Chris von Rohr bei Roger Schawinski im "Talk Täglich" zu Gast. Und brachte Letzteren ganz schön ins Schwitzen. Die weltberühmte Opernsängerin hatte nämlich drei Stunden Verspätung. Vor ihrem Auftritt wurde ein Einspieler von "One Life, One Soul" gezeigt, den sie mit Gotthard aufgenommen hatte.

Studiert hatte die Caballé in Barcelona und Mailand. Später entdeckte sie den Tenor José Carreras, den sie jahrelang gezielt förderte. Das sängerische Repertoire der Caballé war immens: Es reichte von Barockpartien über Mozart, Donizetti, Bellini, Rossini, Verdi, Puccini bis zu Richard Strauss und zeitgenössischen spanischen Komponisten. Bedingt durch ihre etwas füllige Erscheinung wirkte sie auf der Opernbühne mitunter statisch, machte dies aber durch ihre unvergleichliche Gesangskunst mehr als wett. Zur Kritik, in der Oper herrsche immer mehr ein Schlankheitswahn und dem Aussehen der Darsteller werde viel mehr Bedeutung beigemessen als der Stimme, sagte Caballé: «Ich hatte das Glück, in einer Zeit zu singen, als man nicht zur Oper ging, um sich deine Figur anzuschauen.»

Die lyrische Stimme der Caballé strömte stets weich und rund, sie beherrschte alle Finessen der Interpretation: schönes Legato, perlende Koloraturen, perfekte Triller und schwebende Pianissimi. Von dieser Kunst zeugen zum Glück zahlreiche Studio- und Live-Aufnahmen der Sängerin. Viele gelten als Referenzaufnahmen und werden noch Generationen von Sängern und Musikliebhabern begeistern.

Karriere nie offiziell beendet

Montserrat Caballé war als Mensch überaus bescheiden und herzlich. Sie zeigte nie irgendwelche Starallüren. Sie verstand sich stets als Dienerin an der Kunst. Die für ihr lautes Lachen bekannte Künstlerin wurde beim Blick zurück auch wehmütig. Im vorigen Jahr klagte sie: «Die Magie der Oper geht immer mehr verloren.» Inzwischen werde fast alles «dem schnellen Erfolg und dem Applaus» geopfert.

Im Dezember 2015 wurde sie wegen Steuerhinterziehung zu sechs Monaten Haft auf Bewährung und zu einer Geldstrafe von gut 250'000 Euro verurteilt. Sonst machte ihr Privatleben keine Schlagzeilen. Seit 1964 war sie mit dem spanischen Tenor Bernabé Martí verheiratet, der ihr zuliebe seine eigene Karriere aufgab. Mit ihrer Tochter Montserrat Martí, genannt Montsita, trat die Caballé (familiärer Kosename: Montse) vor allem in den späten Jahren ihrer Sängerlaufbahn gerne gemeinsam in Konzerten auf. In den letzten Jahren füllte die Caballé noch immer grosse Konzertsäle. Sie hat ihre Karriere nie offiziell beendet, bloss von der Opernbühne zog sie sich zurück. Bedingt durch mehrere Stürze und Verletzungen ging sie öfters an Krücken und war zuletzt meist auf einen Rollstuhl angewiesen. So hat sie noch am 14. April in Kiew ein Konzert gegeben, gemeinsam mit ihrer Tochter.

Montserrat Caballé hatte seit Jahren gesundheitliche Probleme. Seit zwei Wochen lag die Sängerin wegen eines Blasenproblems im Spital «Sant Pau» in Barcelona. Dort starb sie am Samstag. Wir sagen: «Gracias por todo, señora!»

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