Überraschungen sehen anders aus: Monique Schwitter gewinnt das Rennen um das «beste Schweizer Buch des Jahres». Sie war eine der Favoritinnen unter den nominierten fünf Autoren (oder viel mehr, vier Autorinnen und einem Autor). Darunter Martin R. Dean, der mit seinem Essay «Verbeugung vor Spiegeln» viele Formen der Fremdheit untersucht und zum Schluss kommt, wir müssten lernen, dass uns das Fremde fremd bleibe. «Ein Buch, in dem sich die alten Fragen mit neuem Inhalt füllen», lobte die Jury an der gestrigen Preisverleihung im Theater Basel.

Zwei Favoritinnen

Die Themen Fremdheit und Migration waren auch das Magma zweier weiterer nominierten Bücher: In Meral Kureyshis Debüt «Elefanten im Garten» pulsen sie unterschwellig und poetisch, wenn die junge Autorin aus dem Blickwinkel einer Flüchtlingsfamilie von einer geradezu fremd wirkenden Schweiz erzählt. Bei Dana Grigorcea brechen sie eruptiv hervor im Roman «Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit», das in den Worten von Jurysprecherin Corina Caduff «mit seinem sarkastischen Humor der Schweizer Literatur guttut».

Die zwei grossen Favoritinnen fanden sich jedoch abseits dieser Themen, und noch während der sehr gut besuchten Übergabefeier konnte man werweissen, welches der zwei «Sch»-s nun den Preis holt: Schweikert oder Schwitter?

Vieles sprach für die gestandene Literatin Ruth Schweikert: Ihre seit Jahrzehnten konstante literarische Bedeutung; aber auch der Plot von «Wie wir älter werden», der die jüngere Geschichte der Schweiz mit jener Europas zu verknüpfen weiss. Insofern wäre Schweikert der sichere Wert gewesen, quasi das literarische Standbein.

Schwitters Omnipräsenz

Die Jury hat sich für das Spielbein entschieden: Monique Schwitter. Eine Unbekannte ist die 43-Jährige indes auch nicht. Blickte ihr Gesicht (mitsamt der von ihr selbst gern beschriebenen Stirnfalte) in den vergangenen Monaten aus fast sämtlichen Medien und schien sie an der Frankfurter Buchmesse (durch ihre Nominierung für den Deutschen Buchpreis) quasi omnipräsent. Kurz: Monique Schwitter war – und ist – das literarische It-Girl des Jahres. Ein zugegebenermassen salopper Ausdruck. Der aber insofern gerechtfertigt erscheint, als Schwitters Erzählerin gern mit rotem Lippenstift und klackernden Absätzen durch das Leben und ihre Lieben stöckelt – nur, dass sie dabei derart echt, derart literarisch und derart aussergewöhnlich über die unerträgliche und oft tödliche Leichtigkeit des Seins erzählt, wie wenig andere. Auch ihr Buch ist mit seinen vielen literarischen Schichten wie gemacht für den Buchpreis, der nebst Literaturprofis vor allem die Leser im Auge hat.

Reihum tauchen in Schwitters autobiografisch getöntem Roman zwölf Männer auf (mit eingerechnet der schwule Freund oder der kleine Bruder) und schreiben somit die Lebens- und Liebes-Chronologie der Erzählerin Kapitel für Kapitel fort. Wo verläuft die Grenze zwischen Literatur und Leben? Monique Schwitter wird sich hüten, es zu verraten. «Sie meinen, ob ich mich mit diesem Buch ausgekotzt habe?», hakt sie lachend nach, auf die Frage, ob sie nach so viel Autobiografie noch Stoff für ein nächstes Buch habe.

Neues Kapitel

Denn auch in Monique Schwitters Leben hat der Gewinn des Schweizer Buchpreises ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die ausgebildete Schauspielerin und Regisseurin will sich fortan ausschliesslich auf die Literatur konzentrieren. Zudem schreibe sie von jetzt an nur noch aus innerem Bedürfnis heraus; das heisst für sich oder den Leser. Tatsächlich nahm sie die mit 30 000 Franken dotierte Auszeichnung ohne vorbereitete Rede entgegen – dafür voll Ergriffenheit und voller Aufmerksamkeit für die mit den obligaten Kurzgesprächen und Kammermusik durchwirkte Feier. Ihre Worte: «Ich verneige mich hier nicht vor Spiegeln, sondern vor meinen Mitnominierten» hätten glatt aus ihrem Roman stammen können. Und auch den Hinweis von Buchhändler Jens Stocker, als Autor müsse man präsent sein, um Erfolg zu haben, parierte sie, ihr gehe es mehr um die Literatur.

Dementsprechend könne sie auch kein neues Werk mit Blick auf den Erfolg «nachschieben». Zwar mag die neue Buchpreis-Gewinnerin eine Autorin sein, die selbst gerne Lippenstift und Stöckelschuhe trägt. Aber sie ist auch jemand, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht.