Kunst
Mona Lisa: Wie da Vinci das allererste 3-D-Bild malte

Mona Lisa und ein gleichzeitig entstandenes Zwillingsgemälde ergeben nebeneinander einen räumlichen Eindruck.

Dörte Sasse
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Mona Lisa erlebt das 21. Jahrhundert
7 Bilder
3D-Wirkung bei den Händen
Vergleichs-Bilder der Handpartien
3D-Rekonstruktion von Mona Lisas Händen
Ungewohnter Anblick: Mona Lisa im 21. Jahrhundert
Vorher-nachher-Effekt von Mona Lisas Gesicht
So soll damals der Schauplatz in Leonardo Da Vincis Studio ausgesehen haben

Mona Lisa erlebt das 21. Jahrhundert

Carbon & Hesslinger

Leonardo da Vincis (1452–1519) berühmtestes Gemälde, die Mona Lisa, bildet mit einer ihrer Kopien ein dreidimensionales Bild: das vermutlich erste 3-D-Bild der Geschichte. Bamberger Forscher zeigen mit mathematischen Analysen, dass zwei Maler die Bilder wohl zeitgleich auf Holz bannten, mit nur geringem Abstand nebeneinander. «Das war 330 Jahre bevor das erste Stereogramm erfunden wurde», sagt Experimentalpsychologe Claus-Christian Carbon von der Universität Bamberg zu den zwei Mona Lisa, die jetzt nebeneinander ein dreidimensionales Bild ergeben können. Stereogramme sind solche Bildpaare, die perspektivisch leicht voneinander abweichen – als hätte man sie mit dem linken und rechten Auge einzeln gesehen. Betrachtet man sie gleichzeitig, so verschmilzt das Gehirn die leichte Verschiebung mancher Teile zum dreidimensionalen, räumlichen Eindruck.

Die erste Technik dazu, um solche Bildpaare optisch übereinander zu legen, erfand im Jahr 1838 der Brite Charles Wheatstone: das Stereoskop, einen Spiegelapparat. Doch wie sich jetzt zeigt, könnte der Renaissance-Maler Leonardo da Vinci den Effekt ebenfalls gekannt haben. Zumindest ist ihm aber mit der zweifachen «Mona Lisa» ein 3-D-Bild gelungen.

Die Gemälde entstanden zeitgleich

Erst ein Zufall machte diese Entdeckung möglich: Lange waren die beiden Bilder gar nicht als Zwillingsgemälde erkannt worden. Denn das berühmte Ölbild «La Gioconda», das als «die Mona Lisa» gilt und heute im Pariser Louvre hängt, wurde im Laufe der Jahrhunderte nicht nur bewundert und versucht zu enträtseln, sondern auch oft kopiert. Eine solche spätere, anonyme Kopie hing bereits seit 1666 im Madrider Kunstmuseum Prado. Klar zu erkennen war die Frauenfigur, doch umgeben von einer schwarzen Fläche als Hintergrund.

Erst 2012 durchleuchteten Kunsthistoriker die dicken dunklen Schichten per Infrarot und Röntgenstrahlen. Und entdeckten darunter dieselben Landschaftsformationen wie im Hintergrund der Pariser Mona Lisa. Auch fanden sich in beiden Gemälden exakt dieselben Korrekturen und Veränderungen, sodass beide Versionen zeitgleich im selben Atelier entstanden sein dürften – vermutlich parallel von Leonardo selbst und einem seiner Schüler gemalt.

«Die typischen Punkte des Gesichtes stimmen zu 99,8 Prozent überein – allerdings gibt es einen kleinen, systematischen Unterschied», schreiben Carbon und seine Kollegin Vera Hesslinger. Das Louvre- und das Prado-Gemälde sind so gemalt, dass manche ihrer Details seitlich verschoben sind, passend zu einem Blickwinkel-Unterschied von 6,9 Zentimetern – was recht genau dem durchschnittlichen Augenabstand italienischer Männer von 6,4 Zentimetern entspricht. Die Forscher hatten dafür schon im Vorjahr diverse klare Bildpunkte vermessen, etwa Mona Lisas Nasenspitze, und dann mithilfe sogenannter bidimensionaler Regressionsanalyse berechnet, die sonst zum Beispiel Geografen für Landkarten nutzen. Das Ergebnis lässt vermuten, so das Team, «dass die beiden Gemälde zusammen das erste stereoskopische Bild der Weltgeschichte darstellen».

Jetzt analysierten die Forscher die Unterschiede im Vorder- und Hintergrund genauer, liessen Positionen des Malers und seines Motivs schätzen und stellten die Atelier-Situation schliesslich mit Lego-Figuren nach: Da Vinci stand vermutlich etwas weiter rechts und hinten als sein Schüler, so Carbon: «Sie standen nicht Seite an Seite. Das hätte die Perspektive dramatisch verändert, weil ein Körper rund 60 Zentimeter breit ist.» Bis auf einige verschwommene Stellen ergeben beide Gemälde zusammen eine Mona Lisa in 3-D, die vor ihrem Hintergrund optisch hervortritt.

Zufall oder Absicht bleibt unklar

Ob der italienische Maler und Wissenschafter selbst bereits die Stereoskopie verstanden hatte, bleibt aber unklar. Bekannt ist, dass er sich mit Perspektive und besonderen Maltechniken beschäftigte, um die dreidimensionale Wirklichkeit auf die zweidimensionale Leinwand zu bannen. Da Vinci hinterliess Notizen über ein- und beidäugige Sicht und beschäftigte sich mit optischen Details, darunter der Lichtreflexion, farbigen Lichtquellen und der Anatomie von Augen.

Die Forscher klärten jetzt ausserdem im Forschungsjournal «Leonardo» die lang diskutierte Frage, ob die lächelnde Italienerin dereinst vor einer echten Landschaft Modell gesessen hatte – oder vor gemalten Hügeln aus da Vincis Fantasie. Es war ein Leinwand-Panorama, so das Fazit. Denn zunächst war auffällig, dass die Hintergrund-Details nicht nur leicht gegeneinander verschoben waren, sie waren auf dem Prado-Bildnis auch durchgehend zehn Prozent grösser als auf dem Louvre-Bildnis. Die Frauenfiguren selbst sind aber in etwa gleich gross. Vermutlich also malten die Künstler ihre Hintergründe direkt, im unterschiedlichen Abstand zum Vorbild, schreiben die Forscher. Doch die Umrisse der Mona Lisa hingegen brachten sie beide mit einer Schablone auf, bevor sie die Details der Figur ausmalten: «Die Perspektivverschiebung der Landschaft passt nicht zur Tiefeninformation in der echten Welt», so Carbon und Hesslinger.

Alles deute darauf hin, «dass der hügelige Hintergrund der Bilder auf eine flache Leinwand gemalt war und hinter dem Modell hing – wie in einem modernen Porträtstudio».