Lesen

Mitgefühl für das Schreckliche in uns: Der Schweizer Autor Quentin Mouron 

Vorsicht: Ironie! Der 30-jährige Westschweizer Schriftsteller Quentin Mouron schreibt düstere Geschichten und provokant-verspielte Satire.

Vorsicht: Ironie! Der 30-jährige Westschweizer Schriftsteller Quentin Mouron schreibt düstere Geschichten und provokant-verspielte Satire.

Er hat bereits sechs Romane geschrieben und liefert zuverlässig existenzialistische Krimis: Jetzt wurden vier von Quentin Mourons Romanen endlich ins Deutsche übersetzt.

Hoppla, lobt man hier einen Zyniker und Bücherverbrenner? Das Porträtfoto auf Quentin Mourons Website, das auch diesen Artikel bebildert, führt ­ironisch und halbwegs auf die falsche Fährte. Als fleissiger Kolumnist in verschiedenen Westschweizer Zeitungen hat er den hiesigen Literaturbetrieb kriti­siert. Das aufrichtige, unbefan­gene Lachen sei verloren gegangen, die ­Leser wollten «das Ernsthafte riechen». Mouron nahm Nicolai Gogol als Zeugen: Der grosse Humorist der russi­schen Literaturklassiker wäre ganz bestimmt erstaunt über die «Schwere unserer preis­gekrönten Bücher», über deren «fa­miliäre Hämorrhoiden» und «nied­lichen Flirts mit dem Elend der Welt.»

Der 30-jährige Schriftsteller hat offensichtlich polemisches Talent. In einer anderen Kolumne goss er klassenkämpferischen Spott über Essayisten, Soziologen und Wahrsager, die ihr Brot zynischerweise damit verdienten, von einem angeblichen Generationenkonflikt zu schwafeln und damit bloss die realen Klassenunterschiede vertuschen würden. Auch unhinterfragte Konstruktionen der Journalisten kritisiert er: Etwa, weil sie den französischen Präsidenten François Hollande auf ein oberflächliches und unpolitisches Bild reduzierten – entweder als eitlen, ungeschickten Trottel oder als taktvollen, bescheidenen Politiker.

Noch eine seiner herrlichen Kolumnen: Nach der Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan mokierte er sich über die Dylan-Verehrer, die Kritiker der Verleihung als «Elitisten» hinstellten. Bei diesen Rock-Verehrern fände sich derselbe kunstfeindliche Populismus gegen sogenannte Eliten wie in der Politik, ätzte Mouron.

Mit unsentimentalem Mitgefühl für das Schreckliche im Menschen

Eigentlich wollte ich hier vom Schriftsteller Mouron berichten. Doch seine Kolumnen sind für das Verständnis seiner Bücher wichtig. Trotz Rockerpose (Vorsicht: Ironie!) ist er in seinen coolen, düsteren Romanen auch zum Gesellschaftsanalytiker mit Adlerauge geworden – mit einem an Albert Camus und Raymond Chandler geschulten Existenzialismus und einem Hang zum Grotesken, wie man es in den Filmen der Brüder Coen findet.

© Keystone

Dass es in Mourons Romanen von verbitterten Zynikern und haltlosen Gescheiterten in einer zerrütteten Gegenwart wimmelt, hat ihm den Vergleich mit Michel Houellebecq eingetragen.

Also entschieden nein: Quentin Mouron ist kein Zyniker. Denn er schildert das Schreckliche der menschlichen Existenz mit unsentimentalem Mitgefühl. Das geht so weit, dass sich an einer Stelle in «Notre-Dame-de-la-Merci» der Erzähler ins Geschehen mischt und einen verzweifelten pädophilen Exhibitionisten sanft daran hindert, einen Kinderspielplatz zu betreten.

Typisch Mouron: Er scheut weder Pathos noch philosophische Frechheiten, wenn er den Erzähler über den Pädophilen sagen lässt:

Und fügt als Motto seines eigenen Schreibens hinzu: «Weil ich weiss, was traurige Menschen tun, bin ich zu ihm hingegangen. Und weil ich solche Menschen mag, habe ich ihn nicht der Polizei übergeben.» Quentin Mouron schreibt lieber über solche Verstörten.

Das Porträtfoto trifft allerdings. Denn da ist mindestens ein selbstbewusstes, belesenes und reflektiertes Talent am Werk, das in seinen Romanen jede Menge Zitate einflicht – von Dostojewski bis Adorno, sie persifliert und ironisiert, immer wieder aber auch für brillante Passagen und Gegenwartsanalysen nutzt. Da liest man Krimis mit intellektuellem Vergnügen. Wenn man ein paar seiner Romane gelesen hat, ist man versucht, dem Bild zu glauben, dass hier ein literarischer Magier am Werk ist.

Seit seiner Jugend ist ihm Friedrich Glauser ein Vorbild

In einem Interview mit der Zeitschrift «Literarischer Monat» sagte Mouron, als unmusikalischer und unsportlicher Jugendlicher, der mit 13 Jahren aus ­Kanada in die Schweiz kam, habe er ange­fangen, Geschichten zu erfinden, um bei den Mädchen anzukommen. Später habe er Friedrich Glauser entdeckt. Dessen Analyse menschlicher Beziehungen sei raffiniert. Besonders faszinierend findet er:

Im Ausloten gesellschaftlicher Zerrüttungen durch verstörte Aussenseiter folgt Mouron den Spuren Friedrich Glausers. Dass er den morphiumsüchtigen Glauser liebt, ist kein Zufall. Seine Romane wirken in ihrem fiebrigen Tempo, dem kaputten Ambiente und in der Bewusstseinsveränderung einiger Figuren ein wenig wie Drogen.

Mourons eigene Kindheit in Kanada, ein Aufenthalt in den USA, dann Gymnasium und Schriftstellerleben in der Romandie: All das spiegelt er in seinen coolen, bizarren Romanen nicht etwa autobiografisch, sondern szenisch und gesellschaftskritisch.

So erzählt er von verstörten Kleindealern in der winterlichen kanadischen Provinz auf ihrer hoffnungslosen Suche nach einem kleinen Glück oder vom bedrohten Leben in heruntergekommenen und von Verbrechen verseuchten US-Vorstädten. Im neusten Roman schliesslich von einem smarten Genfer Yuppie, der als moderner Schelm die heutige Protestkultur verspottet.

Quentin Mouron: Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain. Bilger Verlag. 223 S.

Quentin Mouron: Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain. Bilger Verlag. 223 S.

Ob fatale Schauergeschichte, coole Detektivstory oder schrille Gesellschaftssatire: Mouron schreibt diese Genres auf originelle Weise weiter und lässt Figuren schillern. So stellt er etwa in «Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain» dem selbstzweifelnden Polizisten McCarthy mit bürgerlichem Familienidyll den kokainsüchtigen, nihilistischen Privatdetektiv Franck gegenüber, der auch im Nachfolgekrimi «Heroine» eine Hauptrolle spielt. Franck erinnert in seinem hyperintelligenten Ästhetizismus an den Snob und Serienmörder Patrick Bateman aus «American Psycho».

Sein neuer Roman ist eine sehr lustige Polemik auf den Zeitgeist

Quentin Mouron: Vesoul. 7. Januar 2015. Bilger Verlag, 115 S.

Quentin Mouron: Vesoul. 7. Januar 2015. Bilger Verlag, 115 S.

War «Notre-Dame-de-la-Merci» ein Milieuroman, waren «Drei Tropfen Blut und eine Wolke Kokain» sowie «Heroine» abgründige Krimis, so ist Mourons neuer Roman «Vesoul» eine originelle Zeitgeistsatire mit der Figur eines postmodernen Picaro, einem Nachfolger des Schelmenromans. «Einst im Widerspruch zur Welt, ist er heute ihr Ebenbild», heisst es im Buch.

Der unbeschwerte Freigeist und smarte, ideologie- und bindungslose, arrogante Snob und Genfer Vermögensberater nimmt den Erzähler als Autostopper mit zu einem Kongress in Vesoul, den Hauptort des Departements Haute-Saône in der Region Bourgogne-Franche-Comté in Frankreich. Dort geraten sie in einen «Tag der Republik» und damit auf einen grotesken Marktplatz mit pazifistischen Neonazis, Sittenpolizisten in der Literatur, Verschwörungstheorien und Avantgardekünstlerinnen. Es ist eine lustige Polemik auf den selbstgefälligen Zeitgeist – womit Mouron an seine spöttischen Kolumnen anknüpft.

Verwandte Themen:

Autor

Hansruedi Kugler

Meistgesehen

Artboard 1