Kunst

Mit Konzept und Konsequenz: Stefan Gritsch und Jean-Luc Mylayne im Aargauer Kunsthaus

Aus Farbe entsteht ein kleiner Würfel, aus dem Würfel Fotografien, aus den Fotografien eine Tapete, aus den Tapeten ein vibrierender Farbraum: «Inversion» von Stefan Gritsch.

Aus Farbe entsteht ein kleiner Würfel, aus dem Würfel Fotografien, aus den Fotografien eine Tapete, aus den Tapeten ein vibrierender Farbraum: «Inversion» von Stefan Gritsch.

Stefan Gritsch wie Jean-Luc Mylayne verfertigen in langen Prozessen ihre Werke. Man staunt über ihre Geduld.

Zwei Künstler, zwei sich fremde Werke, zwei Ausstellungen, aber zufälligerweise gleichzeitig im Aargauer Kunsthaus zu sehen. Man betrachtet sie am besten separat. Aber es ist reizvoll, nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zu suchen. Mit der Frage, ob sich so zeige, was Kunst ausmacht, wie Künstler heute arbeiten.

Fotos von Vögeln: Nichts anderes hat Jean-Luc Mylayne in den letzten Jahrzehnten gemacht. Würfel, Rollen und Klumpen aus Farbe: Sie sind der Kern im Schaffen von Stefan Gritsch. Mylayne ist 73 Jahre alt, gebürtiger Franzose und studierter Philosoph, er lebt und arbeitet zusammen mit seiner Frau Mylène «in der Welt», wie er es selber formuliert. Gritsch, 68, lebt in Lenzburg und war bis vor zwei Jahren Dozent an der Kunsthochschule Luzern.

Weder biografisch noch in den Werken der beiden Künstler gibt es Analogien. Aber was sie verbindet, was sie zu typischen Vertretern der heutigen Kunst macht: Gritsch wie Mylayne erscheinen beide als Künstler, die dranbleiben, Geduld kennen und ihr Konzept mit Vehemenz verfolgen. Und die dem Weg zum Werk, dem Prozess also, die höchste Priorität einräumen.

Stefan Gritsch: Er probiert

Eigentlich ist Farbe ein Stoff, den Künstler mit dem Pinsel auf Leinwände auftragen, um Abbilder oder erdachte Kompositionen zu malen. Stefan Gritsch dagegen nutzt die Acrylfarben als Material. Sie sind Träger, Konstrukt und Farbmittel in einem. Er giesst sie schichtweise zu Quadern, Häuten oder Klumpen. An den Kanten, beim Aufschneiden oder Rollen entwickeln sich diese Körper zu farbigen Ereignissen.

Wie viele solcher Farbkörper Gritsch seit den 1990er-Jahren gefertigt hat? Zählbar sind sie nicht, denn in Ruhe lässt er sie nur, wenn sie aus seinem Atelier zu einem Sammler verschwunden sind. So schneidet, erweitert, schält, verformt er sie. Oder drischt mit einem Farbbrocken als Werkzeug auf weiche Papiere ein, sodass Farbflecken und -striemen entstehen. Auch als Druckstöcke lassen sich die Farbkörper gebrauchen. Muster druckt Gritsch auch mit anderen Dingen, selbst mit Rosen. Und umgekehrt bemalt er runde Farbkörperchen als Rosenblüten.

Ein Tisch voller Material gibt einen Eindruck von diesen Prozessen und von der Vielfalt in Gritschs Werk. Diese Breite zu zeigen, ist den Kuratorinnen Madeleine Schuppli und Yasmin Afschar ein Anliegen. Da sind also auch die ornamentalen Bilder, die der Künstler aus Kartenausschnitten von Krisengebieten generiert. Krieg wird Kunst – vergrössert gar zu einem kuscheligen Teppich. «Darauf kann man sitzen und sich die Nachrichten aus den Krisengebieten anschauen«, sagt Gritsch – und meint es nicht zynisch, sondern als Zustandsanalyse unserer Gesellschaft.

Neu dehnt er seine Kunst zu einem begehbaren, wilden Farbraum aus. Vorlage ist ein kleines Farbblöckli, dessen vier Aussenseiten fotografiert, vergrössert und als Tapete gedruckt wurden. Verblüffend!

Jean-Luc Mylayne: Er wartet

Klassisch präsentiert Jean-Luc Mylayne seine Vogelbilder. Hat man sie vorher nur auf der Einladungskarte gesehen, steht man ziemlich verblüfft vor den Originalen. Gross sind diese Fotografien und trotz der einfachen Sujets – kleiner Vogel mit weiter Landschaft – doch irritierend. Sind es Mehrfachbelichtungen, Montagen, elektronische Bearbeitungen?

Drei Monate arbeitete und wartete Jean-Luc Mylayne, bis der Bluebird ihn dieses Bild vollenden liess. Darauf verweist der Titel «N° 450, Janvier Février Mars 2007».

Drei Monate arbeitete und wartete Jean-Luc Mylayne, bis der Bluebird ihn dieses Bild vollenden liess. Darauf verweist der Titel «N° 450, Janvier Février Mars 2007».

Der Bluebird im Vordergrund von Werk «No 450» scheint vor dem Bild zu schweben. Kommt dazu, dass nicht nur er perfekt scharf gestellt ist, sondern auch das Observatorium hinten auf dem Hügel sowie einige der Büsche im Mittelgrund. Zudem ist das dürre Bäumchen senkrecht, der Vogel genau in der Mitte platziert. Kuratorin Madeleine Schuppli, erklärt, dass Mylayne seine Grossbildkamera umgebaut, sie mit mehreren Linsen bestückt hat und dass er die Bilder minutiös plane. Und dann wartet er wochen- oder monatelang zusammen mit seiner Frau Mylène im Wohnwagen, bis der richtige Vogel sich dort niederlässt, wo ihn der Fotograf erwartet ...

Weite Landschaften, menschliche Störungen und die Eigenheiten verschiedener Vogelarten vereinigt Jean-Luc Mylayne in seinen Kompositionen. Dass er oft vom Aussterben bedrohte Arten zeigt, die menschlichen Eingriffe in die Natur selten romantisch sind und er mit mehrteiligen Bildern auch den Lauf der Zeit einzufangen vermag: Das wiederum spiegelt sich im Titel «Herbst im Paradies».

Jean-Luc Mylayne Herbst im Paradies. Stefan Gritsch Bones n’Roses. Aargauer Kunsthaus, bis 11. August.

Vernissage Fr 17. Mai, 18 Uhr. Rahmenprogramm: www.aargauerkunsthaus.ch

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